«Dank meiner Blindheit entkam ich der Kinderheirat»

In Afrika müssen die meisten Menschen mit Behinderung auf der Strasse betteln. Die Äthiopierin Yetnebersh Nigussie hatte Glück. Heute kämpft die Trägerin des alternativen Nobelpreises für Behindertenrechte. «Man unterschätzt mich oft, weil ich blind bin – und das tut weh», sagt die Juristin.

Will die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung überwinden: Yetnebersh  Nigussie beim Gespräch im Zürcher Hotel Widder.

Will die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung überwinden: Yetnebersh Nigussie beim Gespräch im Zürcher Hotel Widder. Bild: Kilian J. Kessler / Ex-Press

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Frau Nigussie, darf man eine blinde Person fragen, ob sie weiss, wie sie aussieht?
Yetnebersh Nigussie: Warum nicht? Ich kann das natürlich nicht generell beantworten, aber ich habe eine relativ gute Vorstellung davon, weil mir mein Umfeld jeweils sagt, wie ich aussehe.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Kleidung aus?
Ich habe dank Rückmeldungen meinen eigenen Kleidergeschmack entwickelt. Aber ich ziehe nur Sachen an, in denen ich mich wohlfühle, egal, ob meine Freunde ein unbequemes Kleid toll an mir finden. Ich erkenne helle Farben, und deshalb weiss ich zum Beispiel, dass die blaue Bluse heute gut zu meinem schwarzen Anzug passt.

Sie erblindeten im Alter von 5 Jahren, wahrscheinlich als Folge einer unbehandelten Meningitis. Wie war das für Sie?
Rückblickend war es ein enormes Glück. Denn als blindes äthiopisches Mädchen war ich für eine Heirat komplett ungeeignet. Keiner hätte eine Behinderte zur Frau genommen. Dadurch entkam ich der Kinderheirat, die in meinem Dorf üblich war, und bekam stattdessen eine Ausbildung in einer katholischen Schule für Behinderte.

In afrikanischen Städten sieht man sehr oft Menschen mit Behinderung, die auf der Strasse betteln. Ist das deren übliches Schicksal?
Die meisten müssen leider betteln, weil es keine Sozialversicherung in Äthiopien gibt. Wissen Sie, wenn bei uns ein behindertes Kind zur Welt kommt, bedeutet es, dass auf der Familie ein Fluch lastet. Männer lassen sich dann oft scheiden, weil sie glauben, dass ihre Frau eine Sünde begangen hat und dass das behinderte Kind nun die Strafe dafür ist. Die Familien schämen sich für Behinderte und verstecken sie oft zu Hause. Meist dürfen sie nur in die Küche. Nur sehr wenige dieser Kinder haben das Glück, das Sonnenlicht zu sehen oder gar eine Schule zu besuchen.

«Wenn bei uns ein behindertes Kind zur Welt kommt, bedeutet es, dass auf der Familie ein Fluch lastet. ­Deshalb werden die Kinder oft zu Hause versteckt.»

Wieso hat man Sie nicht zu ­Hause in der Küche versteckt?
Meine Mutter und meine Grossmutter waren fortschrittlich. Sie dachten nicht, dass die Welt untergeht, wenn ihr Kind er­blindet.

Gibt es keine staatlichen Heime, die sich um Menschen mit ­Behinderung kümmern?
Wir haben in Afrika generell fast keine Institutionen für Menschen mit Behinderung, und die wenigen, die es gibt, werden von westlichen Organisationen ge­tragen. In Äthiopien gibt es zum Beispiel Schulen für Kinder mit Behinderung, die von der katholischen oder von der schwedischen Kirche geführt und finanziert werden. In den letzten Jahren gab es aber auch ein paar poli­tische Vorstösse, was die Rechte von behinderten Menschen betrifft.

Zum Beispiel?
Als ich noch ein Kind war, durfte ich nicht mit «normalen» Kindern zur Schule. Das war verboten. Ich musste eine Schule für Kinder mit Behinderung von der katholischen Kirche besuchen. Seit Ende der 1990er-Jahre dürfen auch behinderte Kinder zur normalen Schule. Aber derzeit fehlt es noch an geeigneten Hilfsmitteln und einer adäquaten Ausstattung für sie. Deshalb bin ich froh, dass es ausländische Organisationen gibt wie «Licht für die Welt», für die ich arbeite und die helfen, Kompetenzen in diesem Bereich aufzubauen.

Was genau macht «Licht für die Welt»?
Wir arbeiten mit lokalen Organisationen zusammen, um behinderte Kinder ins soziale Leben einzugliedern. Sie sollen sprechen und schreiben lernen, sie sollen aus den Häusern herauskommen. Wir wollen nicht, dass sie in speziellen Institutionen untergebracht werden, denn ­später werden sie auch nicht in einer speziellen Welt leben können. Vielmehr müssen wir Menschen mit Behinderung so früh wie möglich in unser System integrieren.

Ist das in einer Gesellschaft, die glaubt, dass behinderte Menschen ein Fluch sind, überhaupt machbar?
Natürlich haben viele Menschen Angst, an tief verwurzelten Traditionen zu rütteln. Sie wollen lieber uns Menschen mit Behinderung ändern. Manche möchten, dass man Institutionen für Menschen mit Behinderung baut, ohne diese zu integrieren, weil die Scham noch sehr präsent ist. Dabei profitieren von einer Integration nicht nur Menschen mit Behinderung.

Wer denn sonst?
Wenn ich mich nicht integriert hätte, wäre ich nicht eine so ­bekannte äthiopische Persönlichkeit geworden. Ausserdem macht es auch ökonomisch Sinn. Abschottung ist teurer als Inte­gration. 17,6 Prozent der äthio­pischen Bevölkerung sind Menschen mit Behinderung, das sind mehr als 17 Millionen Menschen, von denen die meisten nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen.

«Ich durfte nicht mit ‹normalen› Kindern zur Schule. Das war bis Ende der 1990er-Jahre verboten.»

Sie selbst haben in Äthiopien vor neun Jahren eine private Schule für Kinder mit und ohne Behinderung gegründet. Gab es Vorbehalte?
Die gibt es immer. Ich habe diese Schule damals gegründet, weil mir wohlhabende Eltern erzählt hatten, dass die privaten Schulen ihre behinderten Kinder nicht aufnehmen wollen – aus Angst, dass die anderen Eltern ihre nicht behinderten Kinder aus der Schule nehmen. Heute unterrichten wir rund 400 Kinder aus armen und reichen Familien, davon 30 mit einer Behinderung.

Sie betonen oft, dass das Thema Behinderung auch ein Frauenthema ist. Weshalb?
In Äthiopien haben rund 4 Prozent der Behinderten eine Aus­bildung, davon sind aber weniger als 1 Prozent Frauen. Behinderte Frauen sind in unserer Gesellschaft eher Opfer von Gewalt als behinderte Männer. Sie bekommen eine schlechtere medizinische Versorgung, und sie werden auch weniger häufig angestellt als behinderte Männer. Kurzum: Behinderte Frauen zählen noch ­weniger als behinderte Männer, obwohl sie verletzlicher sind. Kommt hinzu, dass die internationale Behindertenbewegung von Männern dominiert ist. Frauen sind von strategischen Positionen und wichtigen Jobs mehr oder ­weniger ausgeschlossen.

Haben Sie deshalb Jura studiert?
Ich habe mich in all den Jahren der Diskriminierung wegen meiner Blindheit oft gefragt, was meine Rechte sind. Warum durfte ich nicht zur normalen Schule? Ist es falsch, dass ich hier bin? Ich wollte Beweise und nicht nur Meinungen für all diese Dinge. Darum bin ich Anwältin geworden.

Wann wurde Ihnen die Diskriminierung so richtig bewusst?
Als ich nach der Schule für be­hinderte Kinder in die normale Schule wechseln durfte. Dort wurde ich massiv ausgegrenzt, und zwar nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Lehrern. Ich sass ganz allein an einem Pult, niemand wollte mit mir reden, die Lehrer schrieben weiterhin an die Tafel, die ich ja nicht ­sehen konnte, ohne weitere Erklärungen für mich. Erst da wurde mir überhaupt bewusst, dass ich anders war als die anderen.

Das muss sehr schmerzhaft ­gewesen sein.
Natürlich, und sehr prägend. Rückblickend habe ich aber begriffen, dass die Kinder in der Klasse vorher nie ein blindes Kind gesehen hatten, Menschen mit Behinderung kannten sie vor allem als Bettler. Als sie dann jedoch merkten, dass ich trotz meiner Blindheit Klassenbeste war, liessen sie sich von mir nach und nach bei den Aufgaben helfen, und irgendwann entwickelten sich auch Freundschaften. Später war ich im Studentenrat sehr ­engagiert, was meine Behinderung endlich in den Hintergrund rückte und meine Fähigkeiten ans Licht brachte.

Was hat Sie als Kind und ­Jugendliche angetrieben?
Ich wollte die Ausgrenzung unbedingt überwinden, und ich habe entschieden, dass das in meiner eigenen Verantwortung liegt. ­Damit andere nicht dasselbe er­leben müssen.

Wollten Sie denn nichtvor allem sich selbst etwas beweisen?
Sicher, aber nicht nur mir. Ich wusste aus der Behindertenschule, dass ich einiges gut kann und viele Fähigkeiten habe. Ich wollte Nichtbehinderten beweisen, dass sie mit der Einschätzung meiner Person falsch liegen, wenn sie denken, dass ich weniger leisten kann als sie, nur weil ich behindert bin.

«Wir wollen nicht, dass Kinder mit Behinderung in speziellen Institutionen untergebracht werden, denn später werden sie auch nicht in einer speziellen Welt leben können.»

Was verletzt Sie heute noch?
Dass Menschen oft davon aus­gehen, ich sei unnütz, wenn sie sehen, dass ich blind bin. Man unterschätzt mich, weil ich behindert bin. Ich muss jedes Mal erst beweisen, dass ich etwas kann. Ausserdem treffen diese Vorurteile auch meinen nicht behinderten Mann und meine beiden kleinen Töchter. Sie müssen sich oft für mich rechtfertigen. Aber je erfolgreicher man ist, desto besser können Menschen eine Behinderung akzeptieren.

Wie steht es heute um die ­allgemeine Akzeptanz von ­Behinderten?
Die Situation von Behinderten in Afrika ist natürlich komplett anders als jene in Europa. Aber Behinderung ist ein globales Phänomen. Man betrachtete Menschen mit Behinderung lange als hilflos, abhängig und als eine Last für andere – egal, wo auf der Welt. Da hat in den letzten Jahren ein gewisses Umdenken stattgefunden. Der Trend geht langsam in die richtige Richtung, dass man Menschen mit Behinderung als einen gleichwertigen Teil der gesellschaftlichen Vielfalt betrachtet.

Gibt es etwas, das Sie gern tun würden, aber nicht können?
Früher habe ich immer gesagt: Autofahren. Aber nachdem ich es auf einem Feld ausprobiert habe, fand ich es nicht so aufregend. Heute bin ich wunschlos glücklich (lacht).

Sie würden nicht wieder sehen wollen, auch wenns nur für eine Stunde wäre?
Diese Frage stellen mir alle Sehenden! Ich denke, ich würde diese Stunde verschlafen. Ich habe meine Blindheit längst akzeptiert. Ich war auch nie mehr bei einem Augenarzt. Wissen Sie, ich habe alle meine Lebenserfahrungen als blinde Person gemacht. Könnte ich sehen, und wäre es nur für eine Stunde, würde mich das wahrscheinlich irritieren. Ich habe meine Bilder von der Welt und den Menschen, ich möchte mich nicht wieder neu orientieren müssen. Blindheit ist für mich normal.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.12.2017, 10:50 Uhr

Zur Person

Bei unserem Treffen in Zürich wirkt Yetnebersh Nigussie sehr entspannt. Keine Frage ist der Äthiopierin zu persönlich, ihre Sätze sind druckreif, und man spürt, dass die 35-Jährige, die mit 5 Jahren erblindete, eine Kämpferin ist. Am 1. Dezember wurde der promovierten Juristin der alternative Nobelpreis verliehen – für «ihre inspirierende Arbeit, die Rechte von Menschen mit Behinderung zu stärken». Schon mit 24 Jahren gründete Nigussie mit anderen Landsleuten das Äthiopische Zentrum für Behinderung und Entwicklung. Seit 2016 ist sie Beauftragte der in Wien ansässigen Nichtregierungsorganisation «Licht für die Welt», wo sie sich für die Integration von Menschen mit Behinderung einsetzt. Yetnebersh Nigussie ist verheiratet und Mutter zweier Töchter im Alter von 3 und 5 Jahren. lm

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