Chirurgen warnen vor unnötigen Operationen

Man muss damit rechnen, dass Spitäler aus finanziellen Gründen Operationen durchführen, die nicht nötig wären: Das sagt Ralph A.Schmid, Präsident der Schweizer Chirurgen.

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Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Der erste Punkt der neuen Charta des Chirurgenverbands lautet: «Chirurgische Eingriffe erfolgen aus medizinischen Gründen». Ist das nicht selbstverständlich? Ralph A. Schmid*: Heutzutage eben nicht mehr. Es geht um die Balance zwischen Ökonomie und Medizin. Wir wollen darauf hinweisen, dass zurzeit eine gefährliche Ökonomisierung der Medizin stattfindet. Einer der Gründe sind die Fallpauschalen, die wir in der Schweiz 2012 eingeführt haben. Das System hat Vorteile, birgt aber auch grosse Risiken. So nahm in Deutschland seit Einführung der Fallpauschalen 2004 die Zahl chirurgischer Eingriffe um 25 Prozent zu. Das ist medizinisch nicht erklärbar. Der Grund ist klar: Weil die Spitäler pro Fall weniger Geld erhalten, haben sie die Anzahl Fälle erhöht. Sie setzten die Anreize so, dass die Chirurgen mehr operieren als früher.

Dass sie also auch Patienten operieren, bei denen das gar nicht nötig ist? Ja, anders geht das gar nicht. Der «Spiegel» hat vor einiger Zeit Verträge veröffentlicht, die private deutsche Kliniken mit ihren Chirurgen abschlossen: Da stand schwarz auf weiss, dass die Chirurgen umso höhere Boni erhalten, je mehr Operationen sie vornehmen. Ein Kollege von mir, der an einer deutschen Klinik gearbeitet hatte, hat wegen eines solchen Vertrags gekündigt. Solche Boni sind für alle Beteiligten schlecht. Das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Chirurgen leiden – und für den Patienten kann es sogar gefährlich sein.

Welche Bereiche sind besonders heikel? Wo lassen sich Fallzahlen durch unnötige Operationen am besten erhöhen? Bei planbaren Wahleingriffen geht das naturgemäss am besten. In Deutschland nahm etwa in der Orthopädie die Zahl eingesetzter Prothesen massiv zu. Bei Notfalleingriffen ist der Fall meistens klarer. Doch auch hier ist eigentlich nicht zwingend notwendig, dass zum Beispiel jeder Blinddarm operiert wird. Man macht es trotzdem, weil es sich finanziell lohnt.

Gibt es solche Bonusverträge auch in der Schweiz? Meines Wissens nicht, aber es ist klar, wohin die Entwicklung geht. Die Fallpauschalen erhöhen den Kostendruck so stark, dass viele Spitäler versuchen, mehr Fälle zu generieren.

Was soll man dagegen tun? Muss der Staat einschreiten und den Spitälern maximale Fallzahlen diktieren, wie dies die Berner Regierung geplant hat? Das würde nichts bringen. Dieses Problem müssen wir in der Branche selber lösen, deshalb lancieren wir unsere Charta und wollen auch die FMH dazu anregen, dass sie das Thema aufgreift. Es würde viel helfen, wenn die Patienten besser informiert wären.

Was können Patienten tun? Wenn sie unsicher sind, ob eine Operation tatsächlich notwendig ist, können sie getrost eine Zweitmeinung verlangen. Fast noch wichtiger ist aber, dass sie ihren Arzt bei jeder Überweisung an ein Spital fragen, ob er vom Spital dafür finanziell entschädigt wird und ein Pay-back erhält.

Gerüchteweise hört man, dass zum Teil auch Berner Regionalspitäler von Privatspitälern Provisionen erhalten, wenn sie ihnen Patienten überweisen. Meinen Sie solche Mechanismen? Zu solchen Abkommen liegen mir keine Fakten vor, aber das wäre eine mögliche Form. Es gibt aber auch selbstständige Ärzte, die dem Spitalarzt sagen, er könne ihre Patienten operieren, aber nur, wenn sie selber bei der Operation assistieren dürften und dafür ein Honorar erhielten. Und dabei handelt es sich oft nicht einmal um Chirurgen. Solche Anfragen kenne ich aus meinem eigenen Umfeld. Es gibt auch Gruppenpraxen, die ihre Patienten stets an das Spital weiterleiten, das das höchste Pay-back bietet.

Sind die Patienten so gehorsam, dass sie sich von ihrem Arzt nach Belieben an ein Spital überweisen lassen? Ich denke, die Patienten vertrauen ihrem Arzt in aller Regel und gehen davon aus, dass er sie an den Ort verweist, wo sie am besten behandelt werden. Dass Geld im Spiel ist, ahnen sie nicht. Solche Mechanismen gefährden die Qualität, deshalb wollen wir sie mit der Charta transparent machen.

Bringt das etwas? Es erhöht immerhin den moralischen Druck. Wir werden im Internet alle Spitäler und Ärzte aufführen, welche die Charta unterzeichnet haben.

Mit der Charta rüttelt Ihr Verband am immer noch weit verbreiteten Bild vom selbstlosen Arzt, der jedem Patienten nur das Beste empfiehlt. Stimmt dieses Bild nicht mehr? Wir klagen niemanden an, sondern weisen auf bestehende Fehlanreize hin. Auch wir Ärzte sind in ein System eingebunden und müssen uns nach den Rahmenbedingungen richten. Zugegeben, es ist heikel, wenn wir von uns aus auf negative Praktiken hinweisen. Aber wir wollen nicht darauf warten, dass es auch bei uns einen Skandal gibt wie mit den deutschen Chirurgen, die betrogen haben, damit ihre Patienten rascher Spenderorgane erhalten. Wir wollen frühzeitig und ehrlich auf die Gefahren des Kostendrucks hinweisen.

*Zur Person: Professor Ralph Alexander Schmid ist Direktor der Universitätsklinik für Thoraxchirurgie am Inselspital sowie Präsident der Schweizer Gesellschaft für Chirurgie.

Berner Zeitung

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