Blocher verlässt Basel

Der SVP-Übervater verkauft die «Basler Zeitung» an Tamedia. Beobachter sagen, was sie sich von der neuen BaZ wünschen.

Blocher lässt durchblicken: Politisch und personell wird er bei den Zeitungen seine eigene Linie fahren. Video: Tamedia/SDA

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Das Experiment Blocher-BaZ ist zu Ende: Rund sieben Jahre nachdem der Unternehmer und SVP-Vordenker Christoph Blocher die «Basler Zeitung» übernommen und nach rechts ausgerichtet hat, trennt er sich wieder von ihr. Käuferin ist das Zürcher Verlagshaus Tamedia. Das gaben Blocher und Tamedia-Verleger Pietro Supino gestern in Basel vor den Medien bekannt.

Im Gegenzug bekommt der Alt-Bundesrat nichts Geringeres als das «Tagblatt der Stadt Zürich» – die älteste Zeitung der Schweiz, amtliches Publikationsorgan, das wöchentlich gratis an fast alle Haushalte in Zürich geht. Blocher übernimmt die 65-Prozent-Beteiligung am «Tagblatt» von Tamedia sowie die restlichen 35 Prozent von der Lokalinfo AG. Über Details des Vertrags, wie etwa Kaufpreise, sagten die Parteien nichts. Die Wettbewerbskommission muss den Handel zuerst noch absegnen.

Heute gut, morgen ungewiss

Den Verkauf der BaZ begründete Blocher damit, dass die Zeitung wegen der Umwälzungen in der Medienbranche längerfristig alleine nicht überleben könne. Zwar gehe es der BaZ gut, betonte er, «sie hätte auch die nächsten zwei, drei Jahre bestehen können». Sie schreibe heute 5 Millionen Franken Gewinn, während es 2012 noch 7,8 Millionen Franken Verlust gewesen seien. Angesichts der unsicheren Zukunft sei ein Verkauf aber die beste Lösung, sagte Blocher. Gespräche mit anderen Medienunternehmen bezüglich einer gemeinsamen Berichterstattung zu überregionalen Themen seien gescheitert.

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Einen Zusammenhang zwischen dem Verkauf und dem Einbruch der Leserzahlen seiner Zeitung verneinte Blocher. Tatsächlich hat die BaZ seit 2010 stark an Lesern verloren, als rechtskonservative Kreise die Zeitung kauften und sie publizistisch entsprechend ausrichteten. Christoph Blocher wies gestern darauf hin, dass andere Zeitungen jedoch im ähnlichen Umfang Leser verloren hätten.

Richtig ist, dass die BaZ in den vergangenen fünf Jahren 19,5 Prozent ihrer Leser verlor. Bei anderen Zeitungen in vergleichbarer Grössenordnung ist das Minus an Leserzahlen ähnlich hoch. Unbestritten ist aber auch, dass die Blocher-­BaZ im linksliberalen Basel auf wenig Gegenliebe stiess.

Es stellt sich die Frage, ob sich das mit Tamedia als Eigentümerschaft ändern wird. Philipp Cueni, Publizist und früherer medienpolitischer Sekretär der Gewerkschaft SSM, sagt dazu: «Grundsätzlich ist man in Basel skeptisch gegenüber allem, was von ausserhalb kommt.» Ob die BaZ wieder Leser gewinnen kann, hänge davon ab, wie sie sich organisiere: «Wird sie ein Ableger des Zürcher ‹Tages-Anzeigers›? Dann nicht. Es hängt davon ab, wie lokal sie wird, auch im Mantelteil.» Politiker befürchten genau dies – dass der lokale Aspekt zu wenig gewichtet wird. So bedauert der Basler Regierungsrat Christoph Brutschin, dass nationale Themen wohl nicht mehr aus Basler Sicht beleuchtet würden. Dies sagte er gestern gegenüber der SDA.

«Keinen linken Chefredaktor»

Neben der BaZ übernimmt Blocher von Tamedia die Beteiligungen an den beiden grössten Westschweizer Lokalanzeigern «Lausanne Cités» und «GHI Genève» sowie an «Furttaler» und «Rümlanger». Damit setzt Blocher seine Strategie fort, in Gratisanzeiger zu investieren: Vor einem halben Jahr hatte der Herrliberger bereits 25 Gratiswochenzeitungen des Ostschweizer Zehnder-Verlags übernommen.

Auf die Frage, ob er damit politischen Einfluss nehmen wolle, antwortete Blocher damals, die Redaktionen dieser Wochenzeitungen seien politisch unabhängig. Am Mittwoch tönte es ein wenig anders. «Ich werde sicher keinen Linken zum Chefredaktor machen», meinte er. Noch habe er für seine Gratisanzeiger aber keine Strategie erarbeitet. Just dieses Szenario einer politischen Einflussnahme findet SP-Medienpolitiker Matthias Aebischer «beängstigend». Ob des Verkaufs der BaZ ist er gespalten. «Basel hat es verdient, von einer neutralen Zeitung informiert zu werden. Gleichzeitig nimmt die Medienvielfalt damit weiter ab.» Keine Sorgen macht Blochers Kauf des Zürcher «Tagblatts» dem Nationalrat und FDP-Fraktionschef Beat Walti. «Die Vielfalt in der Zürcher Medienlandschaft ist gross genug, dass es das verträgt», sagt er.

Für Tamedia passt der Kauf der BaZ gut ins Portfolio. Neben den Standorten Zürich und Bern erschliesst sie damit ein weiteres urbanes Gebiet der Schweiz. Tamedia-Verleger Pietro Supino sprach gestern angesichts der weiteren Medienkonzentration von «zwei Seelen in seiner Brust»: Vielfalt sei zwar wichtig, doch im Dilemma zwischen Vielfalt und Qualität müsse man sich jeweils für die Qualität entscheiden.

Pietro Supino nimmt Stellung zur BaZ-Übernahme. (18. April 2018) Video: SDA

Was der Handel für die Angestellten von BaZ und Tamedia bedeutet, ist unklar. Mitgeteilt wurden einzig die Pläne von BaZ-Chefredaktor Markus Somm. Nach einer Auszeit werde er als Autor für Tamedia arbeiten, hiess es.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 22:23 Uhr

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