«Betroffen wären Personen mit mittlerem Einkommen»

Der Bundesrat will den Kapitalbezug aus der 2. Säule beschränken. Wie Pensionskassenexperte Werner C. Hug das Vorhaben einschätzt und was er potentiellen Hauskäufern rät.

«Nicht in Panik verfallen»: Einfamilienhäuser im Kanton Waadt.

«Nicht in Panik verfallen»: Einfamilienhäuser im Kanton Waadt.

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Der Bundesrat will sämtliche Kapitalbezüge aus dem obligatorischen Teil der Pensionskasse verbieten. Davon wären auch Personen betroffen, die sich mit Mitteln der Pensionskasse ein Eigenheim finanzieren möchten. Müssen wir nun mit einem Ansturm auf die Pensionskassen rechnen?
Bei der Erbschaftssteuerinitiative verschenkten viele Reiche ihr Vermögen an ihre Kinder, um nicht unter die Beschränkung zu fallen. In Analogie dazu könnte man sich vorstellen, dass nun viele auf der sicheren Seite sein wollen und das Geld schnell beziehen. Daran glaube ich aber nicht.

Warum nicht?
Drei Punkte sprechen gegen eine solche Entwicklung: Erstens hat das Anliegen im Parlament meiner Meinung nach geringe Chancen, zweitens sind die Immobilienpreise derzeit hoch. Und drittens kann bereits heute bei einem Hauskauf nur die Hälfte der nötigen 20 Prozent Eigenkapital aus der Pensionskasse bezogen werden.

Wann wird sich herausstellen, ob die Forderung des Bundesrats Realität wird?
Bundesrat Alain Berset hat bis zum Herbst Zeit, eine Vernehmlassungsvorlage zu formulieren. Danach geht es circa ein Jahr bis die Botschaften formuliert sind, also bis Ende 2015. Dann kommt das Geschäft 2016 ins neu gewählte Parlament. Frühestens 2017 könnte das Anliegen des Bundesrats deshalb zu wirken beginnen, falls es das überhaupt tut.

Was spricht dagegen?
Ich glaube zwar, dass auch das Parlament Kapitalbezüge aus der obligatorischen Pensionskasse verbieten könnte. Ich glaube aber nicht, dass es den Vorbezug zur Finanzierung von Eigenheimen derart einschränken wird, wie vom Bundesrat gefordert. Davon sind pro Jahr circa 25'000 Personen betroffen, vorwiegend solche mit mittlerem Einkommen. Es könnte also auf eine teilweise Umsetzung des Pakets hinauslaufen. Ich rate deshalb allen, die sich in den nächsten Jahren mit Geld aus der Pensionskasse ein Eigenheim leisten möchten, nicht in Panik zu verfallen.

Was halten Sie von der Forderung des Bundesrats?
Ich bin mit dem Bundesrat einig, dass die Barauszahlung im Bereich der obligatorischen Pensionskasse verboten werden sollte. Es soll im Sinne des 3-Säulen-Konzeptes immer eine Rente anstatt Kapital aus dem Obligatorium geleistet werden.

Kann damit wirklich verhindert werden, dass Rentner das Kapital aus der Pensionskasse schlecht anlegen oder verjubeln und danach Ergänzungsleistungen beziehen?
Die Erbringer der Ergänzungsleistungen zahlen heute für die Unverantwortlichkeit der jeweiligen Person. So gesehen sollte deshalb im obligatorischen Bereich der Pensionskasse definitiv kein Kapitalbezug möglich sein. Ich sollte das Geld nicht bar beziehen können und dann damit in die Ferien gehen, bis nichts mehr da ist.

Weiss man, wie oft solche Missbräuche vorkommen?
Nein. Der Bundesrat bekam jetzt vom Parlament den Auftrag, genaue Zahlen zu erheben. Er muss herausfinden, wie viele der Kapitalbezüger später auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind.

Wie sieht es bei Personen aus, die mit dem Geld ein Eigenheim gebaut und sich damit verspekuliert haben?
Der Vorbezug, um ein Eigenheim zu finanzieren, ist ein anderer Fall; denn dann steckt das Kapital ja in dem Haus. Dementsprechend weniger Ergänzungsleistungen erhält die Person, wenn sie das Geld aus der Pensionskasse nicht zurückzahlen kann. Der Verlust ist in diesem Fall also teilweise kompensierbar.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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