Berghilfe in der Identitätskrise

Die Stiftung unterstützt ein Funprojekt in Elm. Damit schadet sie nicht nur der Umwelt. Auch ihre Glaubwürdigkeit leidet.

Braucht es hier wirklich einen Hängebrücke? Der Schnabelgrat in Elm. Foto: Alessandro Della Bella

Braucht es hier wirklich einen Hängebrücke? Der Schnabelgrat in Elm. Foto: Alessandro Della Bella

Stefan Häne@stefan_haene

Die Berghilfe hat sich verschätzt. Sie wähnte sich im Glauben, dass ihre Gönner die Finanzspritze für den Bau einer Hängebrücke und Aussichtsplattform auf dem Schabellgrat ob Elm begrüssen. Doch dem ist nicht so. Durch die Leserbriefspalten und Onlineforen jedenfalls fegt ein Sturm der Entrüstung, seit der «Tages-Anzeiger» über das Elmer Tourismusprojekt Avanti berichtet hat. Der Tenor ist klar: Die Alpen sollen nicht noch mehr zu einem Funpark verkommen – und schon gar nicht dank der Berghilfe, die in Elm eine halbe Million Franken sprechen und damit ein Drittel der Kosten tragen will.

Erste Gönner wollen nun ihre Beiträge für die Berghilfe streichen. Andere hatten in ihrem Testament bereits erkleckliche Summen für die Stiftung reserviert; nun machen sie diesen Schritt rückgängig oder erwägen es zumindest. Insbesondere der Wegfall von Legaten und Erbschaften könnte die Berghilfe treffen. 58'000 Gönner haben ihr letztes Jahr total 26 Millionen Franken gespendet; die Hälfte davon stammte aus Nachlässen.

Mehr noch als um ihre Spenden muss die Berghilfe um ein anderes kostbares Gut fürchten: ihr Ansehen. Seit 70 Jahren arbeitet die Stiftung daran, die Lebensgrundlagen der Bergbewohner zu verbessern und so die Abwanderung aus Alpenraum und Jurabogen einzudämmen. Nachdem sie während Jahrzehnten Bergbauern unterstützt hatte, begann sie vor zehn Jahren, sich zu öffnen. Fortan förderte sie auch andere Projekte, etwa im Bereich der Bildung, des Gewerbes und eben – des Tourismus. Die Berghilfe versucht also nicht nur, ein Stück Schweiz zu bewahren, sondern will auch den Boden für die Zukunft bereiten. In diesem Sinne wirkt sie identitätsstiftend.

Ein exemplarisches Dilemma

Dass das Elmer Avanti-Projekt polarisiert, ist vor diesem Hintergrund kein Zufall. Das Vorhaben widerspiegelt geradezu exemplarisch das Dilemma, mit dem sich derzeit viele Berggemeinden konfrontiert sehen. Im Kampf gegen den wirtschaftlichen Abstieg droht die eigene Identität verlustig zu gehen. Hängebrücken wie in Elm obliegen nur einem Zweck: Sie sollen Touristen anlocken und damit Geld in die Region bringen. Doch dieses Geschäftsmodell ist nicht nachhaltig. Überall in den Alpen schiessen derzeit solche Bauten aus dem Boden, der vermeintliche Standortvorteil ist keiner, weshalb bald schon der Ruf nach einer neuen Attraktion ertönen wird. Der Kreis schliesst sich, der Preis dafür ist hoch: eine Landschaft mit immer mehr Narben.

Wenn die Elmer diesen Weg gehen wollen – es ist ihr Entscheid. Doch die der Berghilfe sollte sie darin nicht unterstützen. Statt das Avanti-Projekt einfach durchzuwinken, hätte sie ihr Engagement an Bedingungen knüpfen können, etwa den Verzicht auf die umstrittenen Bauten. Das Projekt enthält nämlich durchaus Elemente, die regional gefärbt und damit einzigartig sind, etwa einen Themenweg, der die Sage vom Martinsloch aufleben lassen soll. Doch die Berghilfe hat keine Forderungen gestellt. Ihr Wirken versteht sie als Hilfe zur Selbsthilfe. Damit macht sie es sich zu einfach. Als Stiftung mit langer Tradition und erwiesenermassen guten Verdiensten trägt sie eine besondere Verantwortung für das Erbe der Alpen.

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