Auch bei einer Fehlgeburt sollen Eltern ihr Kind beerdigen dürfen

In Zukunft sollen Eltern bei einer Fehlgeburt ihr Kind beim Zivilstandsamt ins Personenstandsregister eintragen können. Die dadurch entstehende Bestattungsmöglichkeit kann die Trauerarbeit erleichtern.

Die Eltern Claudia und Daniel Schild erinnern sich in einem Ritual bewusst an ihren früh verstorbenen Gabriel.             Im Hintergrund Anna Margareta Neff von der Fachstelle Kindsverlust in Bern.

Die Eltern Claudia und Daniel Schild erinnern sich in einem Ritual bewusst an ihren früh verstorbenen Gabriel. Im Hintergrund Anna Margareta Neff von der Fachstelle Kindsverlust in Bern.

(Bild: Beat Mathys)

Für Claudia und Daniel Schild aus Bern ist Gabriel heute noch da. «Auch wenn er nicht unter uns lebt.» Die Mutter verlor ihr Kind in der 21. Schwangerschaftswoche. Bei einer Fehlgeburt, die sich vor der 22. Schwangerschaftswoche ereignet, gibt es keine Möglichkeit für einen Eintrag ins Personenstandsregister und somit ins Familienbüchlein. «Hätte es diese Möglichkeit gegeben, hätten wir unseren kleinen Sohn (je nach Friedhof; Anmerkung der Redaktion) bestatten lassen ­können.»

Dies wäre für sie gerade in Bezug auf die Trauerarbeit sehr wichtig gewesen, sagt die Mutter. «Vielleicht hätten dann auch unsere Mitmenschen besser begreifen können, was uns der Tod unseres Kindes bedeutet. Selbst wenn es gemäss Diagnose nicht lebensfähig war.» Bei der üblichen, pränatalen Ultraschalluntersuchung in der 19. Schwangerschaftswoche erhielten die Eltern die Diagnose Triploidie. Eine Diagnose, die sich laut dem Arzt nicht mit dem Leben vereinbaren lasse.

Schilds wussten, dass dies für ihr Kind das Todesurteil bedeutete. «Es schmerzte mich wie tausend Messerstiche.» Die Vorfreude der Eltern auf das Kind schlug in Todesgrauen um. Der kleine Gabriel starb schliesslich während der eingeleiteten Geburt. «Für uns ist es unser Kind, egal, ob es für andere körperlich sichtbar war oder nicht», sagt der ­Vater.

Ihr habe auch niemand gesagt, dass sie mit dem Schwangerschaftsabbruch hätte warten können, ohne dass sie ein Gesundheitsrisiko eingehe, sagt die heute 43 Jahre alte Frau. «Ich hätte dann mehr Zeit gehabt, zu begreifen und Abschied zu ­nehmen.»

Vorher und nachher

Der Bundesrat hat sich mit dem Thema befasst. In einem Bericht, den er im März verabschiedet hat, schlägt er bei einer Fehlgeburt die Möglichkeit eines Eintrags ins Personenstandsregister vor. Der freiwillige Eintrag ins Register könne die Trauerarbeit der Eltern erleichtern und dazu beitragen, die kantonalen und kommunalen Formalitäten rund um eine allfällige Bestattung zu vereinfachen, hält der Bundesrat im Bericht fest.

Gemäss dem bis anhin geltenden Recht werden nur lebend geborene Kinder sowie Totgeborene im Personenstandsregister eingetragen. Als Totgeborene gelten Kinder, welche mit einem Gewicht von mindestens 500 Gramm oder nach der vollendeten 22. Schwangerschaftswoche tot zur Welt kamen. Sie erhalten einen Eintrag im Personenstandsregister.

Werden Kinder hingegen ohne Lebenszeichen geboren und erreichen die Grenzwerte von 500 Gramm oder 22 Wochen Schwangerschaftsdauer nicht, gelten sie als Fehlgeburt und werden nicht eingetragen. Ein Postulat forderte deshalb den Bundesrat auf, Mög­lichkeiten zu prüfen, diese Rechtslage zu verbessern und anzupassen. Dies im Einklang mit der Praxis anderer europäischer Länder.

Der Bundesrat sieht im Bericht nun vor, dass sich die Eltern eines Fehlgeborenen künftig dieselben Dokumente ausfertigen lassen können wie für ein Totgeborenes. Ab wann genau diese Möglichkeit bestehen wird, ist noch offen. Laut dem Bundesamt für Justiz ist dazu eine Änderung der Zivilstandsverordnung nötig, zu der auch eine Vernehmlassung durchgeführt werde. Noch stehe man am Anfang der Umsetzung.

Den Vorstoss haben nebst anderen Politikern die beiden Nationalrätinnen Marianne Streiff (EVP-Präsidentin, BE) und Rosmarie Quadranti (BDP, ZH) initiiert. «Wenn Eltern ihr Kind verlieren, so ist das immer ihr Kind. Unabhängig davon, ob es physisch lebt oder nicht», sagt Rosmarie Quadranti. Wichtig sei, wie stark bereits Bilder und Visionen dieses Kindes vorhanden gewesen seien.

«Nicht alle Eltern gewichten den Tod ihres sehr früh verstorbenen Kindes gleich», so Quadranti. Es hänge oft davon ab, in welcher Situation sich die Eltern befinden, ob das Kind ein Wunschkind war oder nicht. «Aber es ist immer ein Tod, der zu verarbeiten ist.» Es gebe auch Familien, die ihr früh verstorbenes Kind nicht eintragen lassen wollten. «Wichtig ist, dass das Empfinden der Eltern durch den Eintrag ins Personenstandsregister Niederschlag findet. Eine Fehlgeburt löst in jeder Frau etwas aus», sagt Quadranti.

Viele Familien betroffen

Anna Margareta Neff Seitz, Leiterin der Fachstelle Kindsverlust.ch, ist es ein Anliegen, dass das Thema in der Öffentlichkeit Raum bekommt. «So viele Familien sind von Fehlgeburten betroffen. Durch den bundesrätlichen Bericht bekommen ihre Anliegen und ihr Empfinden endlich mehr Gewicht.» Viele Betroffene wüssten nicht, dass es die Fachstelle Kindsverlust.ch gebe, sagt Neff Seitz.

Die Fachstelle habe dazu beigetragen, dass der Bundesrat die Forderung in seinem Bericht aufgenommen habe. «Das Bundesamt für Justiz nahm Rücksprache mit uns.» Leider gebe es in der Schweiz noch immer Kliniken, welche Mütter nicht genügend aufklärten – «weil auch das jeweilige Fachpersonal nicht genügend geschult ist» – und welche fehlgeborene Kinder im Spitalmüll entsorgten. «Unsere Fachstelle steht auch Fachpersonen zur Verfügung: Der Umgang in der Betreuung Betroffener muss verbessert werden.»

Viele Frauen wüssten nicht, dass Hebammen die Mütter auch nach einer Fehlgeburt zu Hause betreuen würden. «Auch Gynäkologen müssen umdenken. Mütter sollen besser informiert werden.» Zum Beispiel darüber, dass sie nach einer Todesdiagnose zuerst einmal innehalten könnten, um diese Nachricht zu verarbeiten, und auf Wunsch mit dem Einleiten der Geburt oder der Ausschabung warten könnten. «Damit der Schmerz Raum bekommen kann.»

Berner Zeitung

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