Alle Macht dem Staat

Die Idee einer Einheitskrankenkasse kommt in der Westschweiz viel besser an als in der Deutschschweiz. Das ist kein Zufall.

Zwei Sprachen, zwei Mentalitäten: Deutsch- und Westschweiz trennt ihr Verhältnis zur staatlichen Bürokratie. Foto: Keystone

Zwei Sprachen, zwei Mentalitäten: Deutsch- und Westschweiz trennt ihr Verhältnis zur staatlichen Bürokratie. Foto: Keystone

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Die privaten Krankenkassen haben ausgedient, der Staat muss sie ersetzen. Das ist gemäss Prognosen die Botschaft, welche die Westschweizer am 28. September mehrheitlich in die Schweiz senden werden. In der Deutschschweiz hingegen dürfte die Einheitskasseninitiative chancenlos sein. Die Stimmungslage verdeutlicht einmal mehr, wie wenig Probleme die Romands damit haben, den Staat zu ermächtigen, in die Wirtschaft einzugreifen. Es zeigt sich sinnbildlich der Mentalitätsgraben, der Ost und West trennt. Er bringt den Etatismus zum Ausdruck, der in der Romandie viel mehr Sympathie geniesst.

Die Westschweiz lebt in einer römisch-lateinischen Tradition. Zwar bauten die Römer auch in der Deutsch- schweiz Strukturen auf, die an einen modernen Staatsapparat erinnern, doch wurden sie früh aus dem helvetischen Norden zurückgedrängt. Die Westschweiz hingegen wurde faktisch nie entromanisiert. Die gut organisierten Römer besassen mit Avenches, Genf, Martigny und Nyon prosperierende Städte. Die Menschen gewöhnten sich an die Vorzüge der römischen Verwaltung, sie schätzten ihre Leistungen und waren bereit, die dafür benötigten Steuern zu entrichten.

Der «Staat» lieferte frisches Wasser, kümmerte sich um den Unterhalt von Strassen, beschäftigte in den Städten Polizisten und Richter und hatte eine zentral gesteuerte Armee, welche er bei Bedarf zum Schutz der Bevölkerung entsenden konnte. Nach dem Ende des Römischen Reiches bis zur Reformation und dem Einmarsch der Berner waren es dann die mächtigen Bischöfe, die ihre Diözesen von Sitten, Lausanne und Genf aus strukturierten und verwalteten und auf diese Weise so etwas wie staatliche Institutionen boten.

Bürgerliche fordern Ausgleich

Damit wurden im lateinischen Kulturraum die Bindungen zum Staat über die Jahrhunderte grösser und stärker. Der Staat wuchs zu einer Art autonomen Maschinerie heran. Anders in der germanisch geprägten Deutschschweiz. Hier bildeten sich staatliche Strukturen viel später heraus. Verantwortung und Initiative des Einzelnen behielten ein ungleich grösseres Gewicht. Man wurde vom Staat nicht in gleicher Weise abhängig.

Die Ausläufer dieser historisch gewachsenen Unterschiede machen sich stets von neuem bemerkbar und werden nicht so rasch verschwinden. Gerade weil sich viele Westschweizer heute am Vorbild des zentral gesteuerten französischen Sozial­staates orientieren – aller Hassliebe und Skepsis gegenüber dem Nachbarn zum Trotz.

Insbesondere im Kanton Waadt hat man nicht vergessen, dass es Napoleon Bonaparte und seine Armee waren, welche die Westschweiz im 18. Jahrhundert von den Berner Landvögten befreiten. Die Französische Revolution und ihre Ideale «Liberté, égalité, fraternité» sind in der Westschweizer Kultur aufgegangen. Entsprechend gross ist der soziale Zusammenhalt und der Anspruch an den Staat, Gerechtigkeit zu garantieren und einen gewissen sozialen Ausgleich herzustellen. Dass dies gerade in der Ausgestaltung der Krankenkassenprämien dringend nötig ist, daran zweifeln in der Romandie selbst bürgerliche Wähler nicht. Die Etatisten unter ihnen finden gar, wenn die Deutschschweiz keinen Ausgleich will, sorgen wir eben selbst dafür.

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