800'000 Asylbewerber in Deutschland – und in der Schweiz?

Die Asylprognose für Deutschland explodiert regelrecht. Berlin erwartet für 2015 eine Vervierfachung. Warum die Schweiz an ihrer Prognose festhält.

Ein Mädchen aus Ghana spielt in Hannover mit einer Sozialarbeiterin.

Ein Mädchen aus Ghana spielt in Hannover mit einer Sozialarbeiterin.

(Bild: Keystone Julian Stratenschulte)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Die deutsche Regierung rechnet dieses Jahr mit 800'000 Asylbewerbern. 2014 waren es noch 202'000 gewesen. Trifft die Prognose ein, wäre dies laut dem «Spiegel» der grösste Flüchtlingszustrom, seit es die Bundesrepublik gibt. Innenminister Thomas de Maizière sprach von einer «Herausforderung», betonte aber: «Überfordert ist Deutschland mit dieser Entwicklung nicht.» Bisher war man in Deutschland von 450'000 Asylanträgen ausgegangen.

Bei 800'000 Asylbewerbern läge ihr Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung bei 1 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz rechnet das Staatssekretariat für Migration (SEM) dieses Jahr mit 29'000 Asylbewerbern, das wären 0,36 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Angesichts der drastischen Prognosekorrektur in Deutschland stellt sich die Frage, ob auch die Schweiz mit deutlich mehr Asylbewerbern rechnen muss.

SEM-Sprecherin Gaby Szöllösy verneint. «Die Situation in der Schweiz lässt sich nicht mit derjenigen in Deutschland vergleichen.» Deutschland erhalte mehr Asylgesuche von Personen aus Syrien und dem West-Balkan als die Schweiz. «Ausserdem hat das sogenannte 48-Stunden-Verfahren, also die rasche Behandlung von Asylgesuchen aus Ländern des West-Balkans dazu geführt, dass diese Personen die Schweiz tendenziell meiden. In der Schweiz bilden Asylbewerber aus Eritrea die grösste Gruppe.»

Wenig im Vergleich zu Europa

Anfang August hat das SEM die Prognose für das aktuelle Jahr das letzte Mal überprüft. Es hält an der Schätzung von 29'000 Gesuchen fest - mit Schwankungen von 2500 Personen darüber oder darunter. Für dieses Jahr werde es keine Überprüfung der Prognose mehr geben. Die nächste wird im Spätherbst gemacht, dann allerdings für 2016. Szöllösy betont zudem, dass der Anteil der Asylgesuche in der Schweiz im Vergleich zum Europatotal gesunken sei.

Tatsächlich ist der Anteil der Schweizer Gesuche so klein wie noch nie, seit im Jahr 2000 mit der Statistik begonnen wurde. Nur 3,8 Prozent aller Gesuche in Europa wurden in der Schweiz eingereicht. In der Schweiz steigt die Anzahl Asylgesuche deutlich langsamer an als in anderen Ländern: Von 2013 bis 2014 nahmen sie hierzulande um 11 Prozent zu. In Deutschland hingegen um 58 Prozent und in Österreich um 60 Prozent.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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