«6000 Franken reichen nicht, wenn man will, dass Flüchtlinge arbeiten»

Der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser sagt, warum der Bund für die Integration von Asylsuchenden dreimal mehr zahlen soll.

«In den ersten Wochen lernen sie die Basics»: Hans-Jürg Käser, noch bis Ende Mai 2018 Polizeidirektor des Kantons Bern, über die Erhöhung der Integrationspauschale pro Asylbewerber.

«In den ersten Wochen lernen sie die Basics»: Hans-Jürg Käser, noch bis Ende Mai 2018 Polizeidirektor des Kantons Bern, über die Erhöhung der Integrationspauschale pro Asylbewerber.

(Bild: Keystone)

Der Bund will die Integrationspauschale von heute 6000 Franken pro Person verdreifachen. Von 6000 auf 18’000 – das ist ein grosser Schritt, für schweizerische Verhältnisse ungewöhnlich, oder?
Ich bin sehr froh, dass der Bundesrat sich zu diesem Schritt entschlossen hat. Unsere Argumentation hat die Verantwortlichen beim Bund letztlich überzeugt. Wenn man wirklich will, dass die Flüchtlinge, die längerfristig in der Schweiz bleiben, arbeiten und nicht Sozialhilfe beziehen, dann geht das nicht mit 6000 Franken.

18’000 Franken pro Person ist ein Pauschalbetrag. Braucht es nicht bei einigen Personen mehr, bei anderen weniger?
Klar, darum heisst es auch Pauschale. Die effektiven Kosten variieren stark. Man muss sich das so vorstellen: Die jungen Asylsuchenden werden bei uns nach ihrer Ankunft im Sportzentrum Huttwil BE versammelt. Das heisst mittlerweile Campus Huttwil. Dort lernen sie in den ersten Wochen die Basics zu Hygiene, Zuverlässigkeit et cetera. Wie benutze ich eine Toilette, wie oft wäscht oder duscht man sich? Nach wenigen Wochen wird entschieden, wo die jungen Leute hinkommen. Diejenigen, die sich gut integrieren können, kommen in ein Durchgangszentrum mit 20 bis 30 Personen, dort lernen sie Deutsch. Andere brauchen eine spezielle Betreuung, in einer Familie oder gar einer psychiatrischen Institution. Allein dieser Prozess, Einführung und Triage, kostet die Hälfte der heutigen Pauschale von 6000 Franken. Bevor jemand berufstätig sein kann, muss er gewisse einfachste Regeln wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zuerst lernen.

Kommt es oft vor, dass die Integration am Budget scheitert?
Ja. Zahlen dazu habe ich nicht, aber ganz sicher ist das so. Die meisten jungen Asylbewerber sind sehr motiviert, Deutsch zu lernen. Sie begreifen schnell, dass man ohne Sprachkenntnisse nichts erreicht. Aber die Sprachkurse kosten, und es kommt häufig vor, dass jemand einen Sprachkurs oder ein sonstiges Bildungsangebot nicht nutzen kann, weil die finanziellen Ressourcen fehlen.

Sie sprechen vor allem von jungen Leuten. Lohnt sich ein Engagement auch bei Flüchtlingen über 40?
Es muss sich lohnen! Alle, die ein Bleiberecht haben, müssen alles daransetzen, sich zu integrieren. Und auch wir als Gesellschaft müssen das zu einer prioritären Aufgabe erklären. Die Integration von Älteren ist in der Regel schwieriger. Man lernt nicht mehr so einfach, ist weniger flexibel. Aber es ist nicht unmöglich, und es geht nicht, dass man Menschen in einer gewissen Altersgruppe einfach abschreibt und dem Sozialstaat überlässt.

Was sind die Schlüsselfaktoren für eine gelingende Integration?
Bereitschaft, die Sprache soweit zu lernen, dass man sich verständigen kann. Zweiter Punkt: sich an Regeln halten. Verlässlichkeit, die Uhrzeit kennen. Nicht nur einen Tag zur Arbeit kommen, sondern die ganze Woche, fünf Tage lang. Es gibt akademisch gebildete Syrer, welche es schwierig haben, in der Schweiz eine Stelle zu finden, weil sie aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse keine Arbeit auf ihrem Bildungsniveau machen können. Dann gibt es Afghanen oder Eritreer mit sehr wenig Schulbildung, die zum Beispiel in einer Gärtnerei gute Arbeit machen. Als Handlanger, wie wir sagen. Aber es funktioniert. Das sind die Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Je besser die Bildung, desto höher sind im Schnitt die Integrationschancen.

Kritiker von der SVP sagen, das Geld komme vor allem der Sozialindustrie zugute. Was sagen Sie dazu?
Sozialindustrie ist so ein Schlagwort. Entscheidend ist, dass wir die Leute, die bleiben, integrieren. Ansonsten ist der volkswirtschaftliche Schaden gross. Natürlich muss man schauen, dass das Geld effizient ausgegeben wird. Dass mit vernünftigem Aufwand ein entsprechendes Resultat erzielt wird. Aber alle Leute, die sich mit Asylsuchenden beschäftigen, pauschal als Sozialindustrie zu brandmarken, das greift zu kurz.

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