16 Zeichen zu viel getwittert

Der Walliser SVP-Mann Jean-Luc Addor kommentierte den Mord von St. Gallen – und wurde angezeigt.

Prangerte die «die ungezügelte Islamisierung der Schweiz» an: Der SVP-Politiker Jean-Luc Addor.

Prangerte die «die ungezügelte Islamisierung der Schweiz» an: Der SVP-Politiker Jean-Luc Addor.

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Von einem Anwalt und ehemaligen Richter hätte man mehr Vorsicht erwartet. Jean-Luc Addor hat auf Twitter die Ermordung eines Albaners in einer St. Galler Moschee kommentiert: «On en redemande!» – «Wir brauchen mehr davon!» 16 Zeichen mit Konsequenzen: Derzeit tobt ein Shitstorm über dem Walliser SVP-Politiker, der Islamische Zentralrat hat ihn gestern «wegen Rassendiskriminierung und öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit» angezeigt. Addor will seinen Tweet als «eine ironische Bemerkung» verstanden haben. Als «humorvollen Hinweis auf eine unerwünschte Folge der Zuwanderung», der man mehr ­Beachtung schenken sollte.

Es ist nicht das erste Mal, dass Addor «die ungezügelte Islamisierung der Schweiz» anprangert – und es ist nicht das erste Mal, dass er juristisch ins Schleudern gerät. Der 50-Jährige arbeitet seit den 80er-Jahren als Anwalt, 1992 wird er Untersuchungsrichter. Sechs Jahre später erhält seine Karriere erste Risse. Als Addor gegen Förderer der Crans-Montana-Berg­bahnen wegen Schmiergeldverdachts ermittelt, verhält er sich parteiisch. So verbietet er einem Verteidiger Zugang zu relevanten Unterlagen. «Verdacht auf Voreingenommenheit», folgert das Bundesgericht – der Fall wird Addor entzogen.

Kein Rückzug aus der Öffentlichkeit

Gelernt hat Addor daraus nichts. Drei Jahre später beendet die «Affäre Téléverbier» seine Richter­karriere. Dem Verwaltungsrat von Téléverbier, dem Walliser Betreiber von Skigebieten, wird vorgeworfen, beim Börsengang sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Als das Verfahren eingestellt wird, klagen die Verwaltungsräte zurück – unter anderem gegen Addor: Tatsächlich hat sich der leitende Untersuchungsrichter mit Téléverbier-Gegnern abgesprochen. Telefonmitschnitte bringen die Verstrickung ans Licht – und Addor um sein Amt.

Ein Rückzug aus der Öffentlichkeit kommt für ihn nicht infrage. Addor eröffnet 2001 eine Anwaltskanzlei und widmet sich fortan mit vollem Elan der Politik. Das wichtigste Anliegen des Grossrats: «Die Verteidigung der Schweizer Unabhängigkeit und Identität.» Für den Mann einer italienischen Einwanderin und Vater zweier Kinder beginnt das bereits im Schulzimmer. In einem Postulat fordert er die Wiedereinführung von Kruzifixen in Walliser Schulen und reicht eine Motion ein, die Schülern eine Kopf­bedeckung verbietet. Die Schule werde sonst zu einem Ort «prahlerischer Darstellung von Zugehörigkeit zu einer Religion, die nicht die unserer Väter ist».Seine Ansichten verbreitet Addor gern und oft in den sozialen Medien. Das ist schnell, direkt und effizient. So forderte er nach den Mordfällen Lucie, Marie und Adeline auf einer Facebook-Seite die Todesstrafe für «rück­fällige und gefährliche Kriminelle». Knapp 20 000 Personen gefällt das.

Für seine neuste Aktion erntet Addor hingegen viel Kritik. Zwar favorisierte Claude-Alain Voiblet, Vizepräsident der SVP Schweiz, Addors Tweet kurzzeitig. Er sagte später jedoch, das sei «aus Ver­sehen» passiert. Selbst Freund und Parteikollege Oskar Freysinger mag Addor nicht verteidigen. In der «Tribune de Genève» sagte er, er freue sich nie über ein menschliches Drama. Addor wird als möglicher Nachfolger Freysingers im Nationalrat gehandelt. Wenn das klappen soll, muss er mit seinen «humorvollen Bemerkungen» künftig vorsichtiger sein.

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