1.35 Franken pro Euro – ein Bergdorf spielt Nationalbank

Der Walliser Tourismusort Grächen reagiert unkonventionell auf die Frankenstärke: Wer im Winter ausserhalb der Hochsaison mit Euro bezahlt, dem wird ein Kurs von 1.35 Franken berechnet.

Touristen geniessen das Panorama auf der Sonnenterrasse im Bergrestaurant Hannighuesli bei Grächen. (Bild: Bjoern Walter/swiss-image.ch)

Touristen geniessen das Panorama auf der Sonnenterrasse im Bergrestaurant Hannighuesli bei Grächen. (Bild: Bjoern Walter/swiss-image.ch)

Gelassen sitzt sie kurz nach Mittag in der Gondel zum Skigebiet auf der Hannigalp, 2114 Meter über Meer, und geht wohl als idealtypischer Gast von Grächen durch: Margret Stähli aus Wasen im Emmental ist mit ihrer ganzen Familie angereist, um im «Grächerhof» eine knappe Woche Ferien zu machen. Und Familie heisst bei der früheren Primarlehrerin: sechs Erwachsene, zwei kleine Kinder und ein Säugling. Am Morgen hatte sie den Kinderhütedienst übernommen, jetzt will die fit gebliebene Grossmutter selber noch auf die Pisten.

Sie profitierten jeweils vom guten Angebot im März, erzählt Margret Stähli. Und zur Marketingaktion «Grächer Euro 1.35», mit der der Walliser Skiort bis über die Grenzen hinaus für Schlagzeilen sorgt, hält sie nüchtern fest: «Das empfinde ich gar nicht als negativ – im Gegenteil: Wir sind ja auch interessiert, dass es in Grächen weitergeht.»

Jeder Fünfte aus Euroraum

Eigentlich hat es Grächen im Vergleich mit anderen Feriendestinationen noch gut: Gegen 80 Prozent der Feriengäste kommen aus der Schweiz, nur noch 20 Prozent aus dem Euroraum, vor allem aus Deutschland und Holland. Vor dem ersten Frankenabsturz im Sommer 2011, als der Eurokurs gegenüber dem Schweizer Franken ein erstes Mal stark absackte, lag deren Anteil noch bei 30 Prozent. In den Folgemonaten brachen die Buchungen aus dem Ausland um 60 Prozent ein, was bei den Hoteliers die Alarmglocken läuten liess.

Die Idee des «Grächen-Euro» wurde dann im November 2011 lanciert: Bei touristischen Angeboten im Dorf sollte ein selber gesetzter Eurokurs gelten, der sich nicht verändert. Über 100 Anbieter haben damals ihr Mitmachen zugesichert: Hoteliers, Wohnungsvermieter, Bergbahnen, Restaurants, Sportgeschäfte, Souvenirläden, die Skischule. Sie alle akzeptierten einen festen Eurokurs von 1.35 Franken. Einzige Bedingung: die Barzahlung. Wer mitmacht, trägt das Risiko und den resultierenden Kursverlust selber. Die Aktion hatte sich gut etabliert.

Beständiger «Grächen-Euro»

Dann aber kam der 15. Januar 2015: Die Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses wurde auch in Grächen mit Murren und neuen Sorgen zur Kenntnis genommen. Noch am gleichen Tag schaltete das Tourismusbüro eine Mailumfrage unter allen am «Grächen-Euro» beteiligten Leistungsträgern, man möge innerhalb von 24 Stunden mitteilen, falls man aussteigen möchte. «Bisher ist keiner abgesprungen», freut sich Berno Stoffel, der umtriebige Tourismusdirektor von Grächen. Während der Schulferien im Februar, wenn die Hotels gut gebucht sind, galt die Aktion nicht. In diesem Jahr kann man bis am 12. April mit dem «Grächen-Euro» zahlen. Ob die Aktion wieder im Januar 2016 oder allenfalls gar früher gilt, ist noch offen.

Stoffel ist der Kopf und Motor hinter der ungewöhnlichen Vermarktung: «Grächen – ein Märchen». Seit Ende 2008 ist er hier, hat die diversen Player wie Einwohner- und Burgergemeinde, Bergbahnen und Skischule, Hoteliers und Wirte, Wohnungsvermieter und Geschäftsinhaber zu einer Dachorganisation vereint, die jeweils an einem runden Tisch neue Strategien festlegt.

Und über Bord kippt, was wie die Langlaufloipe nicht mehr ins Konzept passt. «Es ist nicht die Lösung des Europroblems», tritt Stoffel übertriebenen Erwartungen an einen festen Kurs entgegen. Im ersten Jahr der Aktion waren es rund 36'000 Euro, mit denen die Gäste bar zahlten, im letzten Jahr waren es 19'000 Euro. Und im laufenden Jahr rechnet Stoffel nun mit 60'000 Euro. Es sind auf den ersten Blick tiefe Zahlen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der attraktive Kurs nicht ganzjährig gilt und nur jeder fünfte Gast aus dem Euroraum stammt. Der jährliche Gesamtumsatz aus dem Tourismus beträgt 6,5 Millionen Franken.

Die grosse PR-Wirkung

Ein anderer Effekt ist nicht in Franken zu messen: Der feste Eurokurs verhalf Grächen zu viel Medienpräsenz in den Zielmärkten Deutschland, Holland und Belgien. Seit dem Nationalbankentscheid in diesem Jahr berichteten unter anderem die «Süddeutsche Zeitung» und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» über Grächen. Die Aktion bringe kaum zusätzliche Gäste, sagt Berno Stoffel, aber der Bestand lasse sich einigermassen halten, was schon viel wert sei.

Olivier Andenmatten war einer der Mitinitianten des «Grächen-Euro». Mit seiner Frau Sandra führt er das Hotel Hannigalp in vierter Generation. Ein Familienbetrieb, die 78-jährige Mutter deckt nebenan die Mittagstische auf. Letztes Jahr haben Andenmattens – im Vertrauen auf die Destination Grächen – viel Geld investiert: zwei Millionen Franken für einen Anbau mit zusätzlichen Familiensuiten und einem Spabereich. «Wenn ich das Bett leer habe, sind meine Fixkosten ungedeckt», begründet der 40-jährige Hotelier nüchtern sein Mitmachen.

Hotelier holt Fixkosten rein

Dass diese Gefahr droht, kann er postwendend belegen: Eine Gruppe mit 14 Personen, zwei grosse Familien aus Deutschland, bucht regelmässig eine Woche über Ostern. Dieses Jahr wurden sie durch das erneute Absacken des Eurokurses nach dem Ausstieg der Nationalbank verunsichert und kündigten per Mail an: Sollte der «Grächen-Euro» nicht mehr gelten, würden sie ihren Aufenthalt stornieren.

«Wir halten unser Versprechen», versicherte ihnen Andenmatten. Seine Kalkulation: Bei Barzahlung spart er die Kommission der Kreditkarten ein, und bei einer Direktbuchung entfallen die Abgaben an die Onlineportale von bis zu 22 Prozent. «Das ist auch Fleisch, das fehlt», rechnet der Hotelier vor. Zudem konnte er die Euros, die er bar eingenommen hatte, gleich wieder investieren: für das neue Dampfbad aus Österreich.

Seine Zwischenbilanz lautet: «Wir sind auf Kurs des letzten Jahres – eine Durchschnittssaison. Gefühlt hat der Eurocrash vom Januar noch keinen Schaden angerichtet.» In der Hotellounge hat sich Stefaan Gysen ein improvisiertes Büro eingerichtet: Der Steuerberater aus Brüssel muss trotz Ferien etwas arbeiten. Seit 30 Jahren kommen er und seine Frau, eine Juristin, jeweils in der zweiten und dritten Märzwoche hierher. Heuer haben sie kurz vor der Abreise im belgischen Radio davon gehört, dass der «Grächen-Euro» trotz dem Nationalbankentscheid weiterhin gilt. «Für uns ist das wie ein 20-Prozent-Rabatt», freut sich Gysen.

Konzentration auf Familien

Der Tourismusdirektor Berno Stoffel sitzt in seinem Büro, Ski und Skianzug bereit für einen Ausflug auf die Pisten. «Wenn es irgendwie geht, ziehen wir den fixen Eurokurs auch im Winter 2015/2016 durch. Die Idee ist gut», sagt er. Was ihn aber nicht davon abhält, sich auf den Kernmarkt zu konzentrieren: auf Familien aus der Schweiz.

Das hat er letztes Jahr mit einer dreiwöchigen Präsenz in den Loeb-Schaufenstern in Bern gemacht, was 2000 neue Adressen eintrug. Das wird er bald mit einem besonderen Walliser Spektakel wiederholen: Am 2. Mai wird – erstmals in der «Üsserschwiiz» – anlässlich der BEA ein Stechfest stattfinden. Beim traditionellen Ringkuhkampf mit dabei: Kühe aus Grächen.

Berner Zeitung

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