100 Jahre Landesstreik gegen 100 Jahre SVP

Die Linke lanciert das runde Datum des Generalstreiks von 1918 schon dieses Jahr. Nicht zuletzt deshalb, weil auf dem historischen Festplatz Ge­dränge herrscht. Die SVP feiert nämlich gleichzeitig auch ihren 100. Geburtstag.

Militärisch  besetzter  Waisenhausplatz mitten in der Stadt Bern. In den angespannten Novembertagen 1918 während des Landesstreiks.

Militärisch besetzter Waisenhausplatz mitten in der Stadt Bern. In den angespannten Novembertagen 1918 während des Landesstreiks. Bild: Schweizerisches Bundesarchiv

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Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat es offenbar eilig. Ein Jahr zu früh beruft er in Bern schon heute eine Tagung zum Jubiläum des Landesstreiks ein. Obwohl sich diese dramatische Zerrreissprobe des Schweizer Bundesstaats erst 2018 zum 100. Mal jährt.

Am 11. November 1918 rief das sogenannte Oltener Aktionskomitee zum landesweiten Generalstreik auf, nachdem in Zürich bewaffnete Truppen der Schweizer Armee gegen die sozialdemokratische Feier der russischen Oktoberrevolution eingeschritten waren. Städte und gar das Bundeshaus in Bern wurden durch «zuverlässige» Soldaten vom Land besetzt. Die Auseinandersetzungen forderten Tote. Am 14. November wurde der Streik abgebrochen.

Streit um Deutungshoheit

Über diesen heissen Arbeiter­protest wird heute in Bern nicht etwa im Volkshaus, dem einstigen Gewerkschaftssitz, debattiert, sondern im Hotel National, in dem auch die rechtsbürgerliche Auns und die SVP gern gastieren. Man kann das als ein Signal der Gewerkschaften lesen: Der Landesstreik vor 100 Jahren ist im Fall nicht einfach ein linkes Nischenthema, sondern ein zentrales, nationales Ereignis.

Es ist üblich geworden, runde Jubiläen schon im Vorjahr zu ­feiern, bevor der ermüdende Medien-, Publikations- und Eventtrubel einsetzt. Beim Landesstreik geht es aber um mehr. Die politische Linke will offenbar früh genug ein historisches Da­tum besetzen.

Die Vorläufer der zwei heutigen Jubiläums­lager standen sich gar feindlich auf der Strasse gegenüber.

Schon 2015 feierten die SVP wie auch die SP grosse Schweizer Jubiläen – und stritten dabei über die Deutungshoheit in der Schweizer Geschichte. Die Rechte blickte aus einer mythisch-nationalen Perspektive zurück auf die Schlachten von Morgarten 1315 und Marignano 1515.

Die Linke betonte aus einer internationalen Sicht die Neuordnung der Schweiz am Wiener Kongress von 1815. Beide Seiten deuteten historische Ereignisse so, dass sie ihre jeweiligen politischen Positionen untermauern konnten.

Auch jetzt stehen SVP und SP wieder in einem Jubiläumswettbewerb: 100 Jahre Landesstreik gegen 100 Jahre SVP. Die SVP des Kantons Zürich feierte ihren 100. Geburtstag schon dieses Jahr. Die SVP des Kantons Bern begeht nächstes Jahr ihre Gründung Anfang 1918. Den Aufruf dazu lancierte der populäre Bauernführer und spätere Bundesrat Rudolf Minger am 24. November 1917 mit einer legendären Rede im Berner Lokal Bierhübeli.

Anders als 2015 entzündet sich der neuerliche Jubiläumsstreit am selben Ereignis: am immer noch stark umstrittenen Generalstreik im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, als in den Schweizer Städten wegen der Ver­sorgungskrise und wegen ex­plodierender Lebensmittelpreise Hunger herrschte. Die Vorläufer der zwei heutigen Jubiläums­lager standen sich gar feindlich auf der Strasse gegenüber. Die Arbeiterbewegung mobilisierte Streikposten. Im rechten Lager entstanden Bürgerwehren – parallel zur Gründung der jungen SVP-Vorläuferpartei BGB.

Beginn des Sozialstaats?

«Der Landesstreik trug ganz entschieden zu einer heftigen Pola­risierung zwischen rechts und links bei», bestätigt Christian Koller, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich und Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich. Er tritt ­heute in Bern am Schlusspodium der historischen Tagung des Ge­werkschaftsbunds zum Landesstreik auf. Der Kenner der Materie legt dar, dass der Landesstreik für beide politische Seiten von symbolhafter Bedeutung ist.

«Für die heutige SP ist der ­Landesstreik eine Blaupause des sozialen Fortschritts in der Schweiz», sagt Koller. Die Partei betone heute die damaligen Hauptforderungen des Streikkomitees: die 48-Stunden-Woche, eine Alters- und Invalidenversicherung oder das Frauenstimmrecht. Der Tenor der SP lautet laut Koller: Wir haben diese Einrichtungen, die heute den inneren Frieden der Schweiz sichern, schon 1918 gefordert, die Bürgerlichen brauchten aber zum Teil Jahrzehnte, bis sie sich endlich dazu durchringen konnten.

«Der Landesstreik trug ganz entschieden zu einer heftigen Pola­risierung zwischen rechts und links bei.»Christian Koller, Geschichtsprofessor

Für die bürgerliche Rechte galt der Landesstreik bis in die 1960er-Jahre als linker Putschversuch, den russische Bolschewisten steuerten. Heute hält dieses Bild der historischen Forschung nicht mehr stand. Die Rechte und jüngst auch die NZZ würden nun vor einer linken Instrumentalisierung des Landesstreiks warnen, sagt Koller: «Die Rechte bemüht sich, die Bedeutung der sozialstaatlichen Forderungen von 1918 klein zu halten, damit der Landesstreik nicht den ungeliebten Sozialstaat legitimiert.»

Aufrechnung der Toten

Ein kontroverses Feld ist insbesondere der schon vor 1918 erfolgte Einsatz der Schweizer Armee gegen die eigene werktätige Bevölkerung. Für die Linke ist das ein Tabubruch. Der Historiker und frühere SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli aber tönt in seinem aktuellen Buch über 100 Jahre Zürcher SVP an, dass die Bauernparteien 1918 standhaft geblieben seien und das Land vor einer sozialen Revolte ge­rettet hätten.

Nach dem Landesstreik rechneten sich die beiden Lager sogar ihre jeweiligen Toten vor. Die Linke zählte die Opfer der Armeeeinsätze. Die Rechte warf der SP die an der Spanischen Grippe verstorbenen Soldaten vor. Denn: Es waren zumeist junge Bauern, die für den Streik in die Städte abkommandiert wurden und sich dort in engen Mannschaftsunterkünften ansteckten.

Man werde sehen, wie stark sich die SVP im Kontext des Landesstreikjubiläums als «Retterin des Landes» inszenieren werde, sagt Koller. Denn dabei bestehe auch das Risiko, dass unsympathische Begleiterscheinungen zum öffentlichen Thema werden könnten. Etwa die Umtriebe der Bürgerwehren und ihre Zusammenarbeit mit frühfaschistischen Organisationen im Ausland. Auch für die SP birgt das ­Gedenken allerdings ein Risiko. Nämlich mit der russischen Oktoberrevolution und deren bru­talen Folgen in Verbindung gebracht zu werden.

Es wird sich also zeigen, welches politische Lager den Streik von 1918 besser – und ohne Imageschaden – für die Verteidigung seiner politischen Positionen nutzen kann.

«Harmloser Vorgang»

Gibt es überhaupt neue Forschungserkenntnisse zum Landesstreik, die die heutige Tagung in Bern legitimieren? Bis in die 1970er-Jahre sei das Ereignis in vielen Schweizer Schulgeschichtsbüchern schlicht ausgespart worden, sagt Koller. Erst das ausgewogene Standardwerk von Willi Gautschi aus dem Jahr 1968 habe den Landesstreik dann als anerkanntes Ereignis in die Schweizer Geschichte integriert.

«Heute wird der Streik vor allem in einen grösseren Kontext eingebettet.»Christian Koller

In den 1970er- und 1980er-Jahren haben linke Historiker wie der emeritierte Lausanner Professor Hans-Ulrich Jost die Erforschung des Streiks forciert. Kann man da heute überhaupt noch zu neuen Erkenntnissen gelangen? Weil die Geschichte aus neuen transnationalen oder geschlechtsspezifischen Perspektiven auf ihre Gegenstände blicke, gebe es auch eine neue Sicht des Landesstreiks, sagt Koller. An der Tagung von Mittwoch wird etwa über die Rolle der Banken, der Arbeitgeberverbände, der Frauen oder der Ernährungskrise im November 1918 referiert.

«Heute wird der Streik vor allem in einen grösseren Kontext eingebettet», sagt Christian Koller: in die schon 1916 beginnende Streik- und Protestwelle in vielen Schweizer Städten. Oder in die grossen internationalen Um­brüche am Ende des Ersten Weltkriegs, als die Kaiserreiche von Österreich-Ungarn, Russland, Deutschland und der Türkei zerfielen. «Im internationalen Vergleich ist der Landesstreik ein verhältnismässig harmloser Vorgang», schliesst Koller.

Vielleicht werden sich SP und SVP deshalb weniger an ihm reiben als an einem anderen umstrittenen Ereignis, dessen Jubiläum ebenfalls ansteht: 50 Jahre Aufbruch von 1968.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.11.2017, 08:28 Uhr

Rudolf Minger, Gründer der SVP-Vorläuferpartei BGB. (Bild: zvg)

Christian Koller, Historiker Universität Zürich. (Bild: zvg)

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