Das neue Image der «Kuhschweizer» im grossen Kanton

Jörg Kachelmann, Diego Benaglio und Josef Ackermann: Nur ganz wenige Schweizer sorgen in Deutschland für Schlagzeilen. Doch insgesamt leben offiziell rund 39'000 Schweizerinnen und Schweizer im nördlichen Nachbarland – von den Deutschen weitgehend unbemerkt.

Trügerische Idylle: Die mediale Selbstinszenierung von Dieter und Sonja Moor als Bilderbuch-Biobauernfamilie gefällt längst nicht allen Einwohnern im kleinen brandenburgischen Dorf Hirschfelde.

Trügerische Idylle: Die mediale Selbstinszenierung von Dieter und Sonja Moor als Bilderbuch-Biobauernfamilie gefällt längst nicht allen Einwohnern im kleinen brandenburgischen Dorf Hirschfelde. Bild: Imago

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Hans Hofmann gerät ins Schwärmen: «Thomas Borer habe ich in guter Erinnerung, er hat fürs Image der Schweiz in Deutschland enorm viel geleistet.» Der Aargauer Hofmann lebt seit 1979 in Deutschland und ist seit 16 Jahren Präsident des Schweizervereins Berlin und Umgebung.

Das Beispiel des Schweizer Ex-Botschafters, der mit seiner Noch-immer-Ehefrau Shawne Fielding in Berlin gerne zu glamourösen Festen lud, zeigt: Es gibt sie in Deutschland, die Schweizer, die für Schlagzeilen sorgen – für positive und negative. Spitzenreiter in dieser Disziplin dürfte derzeit wohl Jörg Kachelmann sein. Seit über einem Jahr berichten die Medien über den Vergewaltigungsprozess gegen den populären TV-Wettermoderator. Für den 31.Mai wird mit dem Urteil gerechnet.

Schweizer in Führungspositionen gibt es viele: Josef «Joe» Ackermann ist – als erster Ausländer überhaupt – Vorsitzender der Deutschen Bank. Thomas Straubhaar wirkt als Wirtschaftsprofessor in Hamburg, und Thomas Maissen lehrt Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg. Insgesamt waren im Jahr 2008 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Destatis in Wiesbaden 772 Schweizer Professoren an deutschen Hochschulen tätig. Auch in Spitzenpositionen bei deutschen Medien gab es immer wieder Schweizer: Roger de Weck war Chefredaktor der Hamburger «Zeit», Roger Köppel jener der «Welt», und Roger Schawinski war bis 2006 Geschäftsführer des TV-Privatsenders Sat1.

Zschokke und Jäggi

Das moderne Schweiz-Bild breiterer Bevölkerungskreise prägt auch Fussballnationaltorhüter Diego Benaglio mit, der beim VfB Wolfsburg zwischen den Pfosten steht. Und Michelle Hunziker hat dank ihrer Rolle als Co-Moderatorin bei «Wetten, dass?» das kleine Wunder geschafft, in Italien und Deutschland gleichermassen zur Regenbogenprominenz zu gehören.

Schriftsteller aus der Deutschschweiz zieht es immer wieder nach Deutschland: Der Berner Matthias Zschokke lebt und schreibt seit 1980 in Berlin, der Bündner Silvio Huonder wohnt mit seiner Familie im brandenburgischen Dorf Ferch, und der Solothurner Urs Jäggi, der im Juni 80 Jahre alt wird, ist auch nach seiner Emeritierung als Soziologieprofessor in Berlin geblieben.

Kaum Schweizer im Osten

Die grosse Mehrheit der in Deutschland ansässigen Schweizer liefert aber keine Schlagzeilen und wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Knapp 39000 waren es Ende 2009 gemäss Destatis insgesamt; davon waren fast 21000 Frauen. 1961 – im Jahr des Mauerbaus – lebten knapp 16000 Schweizer in Westdeutschland. Da in dieser Statistik aber etwa die Doppelbürger nicht mitgezählt werden, dürfte die effektive Zahl der Schweizer in Deutschland nach Schätzungen doppelt so hoch sein.

Rund zwei Drittel der Schweizer leben heute in den vier Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Besonders rar sind Schweizer dagegen in den neuen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt. «Der Fall Kachelmann hat am guten Schweiz-Bild in Deutschland sicher nichts geändert», ist sich Hans Hofmann sicher. «Eher schon schüttelt man den Kopf über eine Justiz, die sich für ihn so viel Zeit nimmt und andere laufen lässt.»

Der 61-Jährige lebt in Caputh, wo sich Albert Einstein einst ein Sommerhaus bauen liess. Hofmann arbeitet seit dreissig Jahren als Staatsangestellter bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Berlin. Dass die Schweiz nicht in der EU sei, stösst nach seiner Wahrnehmung eher auf Bewunderung denn auf Unverständnis.

Ende Juli feiert der Schweizerverein Berlin sein 150-Jahr-Jubiläum. Leider sei die Mitgliederstruktur etwas überaltert, sagt Präsident Hofmann. Die hohe Fluktuation etwa in der Gastronomie, der Immobilienbranche und dem Bankensektor führe dazu, dass eine Mitgliedschaft gerade für junge und mobile Schweizer wohl wenig attraktiv sei.

Alpen als grandiose Kulisse

Ein Lied davon singen kann auch Beatrix Reinecke in Hannover. Die Rentnerin ist seit zehn Jahren Präsidentin des dortigen Schweizervereins. «Das jüngste Mitglied ist 60 Jahre alt», sagt sie. Ihre Vereinsanlässe seien zu «Nostalgietreffen» geworden.

Der «Schweizer» ist in Deutschland nach wie vor beliebt, steht vielleicht im Ruf, etwas langsam, behäbig und eigen zu sein. Die Alpen sind eine grandiose Kulisse für Ferien und Filme. Nicht von ungefähr gibt es in Deutschland über siebzig Landschaften, die nach der Schweiz benannt sind – die Holsteinische oder die Sächsische Schweiz. Und natürlich gibt es dort Schokolade und – wie man inzwischen flächendeckend gelernt hat – «windige» Banken.

Wer in Norddeutschland als Schweizer erkannt wird, bekommt öfter noch immer ein fröhliches «Gruzi» oder «Grüzi» zu hören, denn bei rund 82 Millionen Deutschen – und 264000 Deutschen in der Schweiz – trifft man da und dort noch immer auf Deutsche ohne reale Schweiz-Erfahrung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2011, 11:01 Uhr

In Deutschland und in Italien gleichermassen ein Star: «Wetten, dass?»-Co-Moderatorin Michelle Hunziker. (Bild: Keystone )

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