Schweizer wollen keine Tierdramen mehr bei der Jagd

Die Bevölkerung will die Baujagd verbieten und die Treibjagd zumindest einschränken. Doch Bundesrat und Parlament wollen davon nichts wissen.

Ein Verbot der umstrittenen Baujagd ist für den Bundesrat kein Thema. Foto: Andreas Leemann (Keystone)

Ein Verbot der umstrittenen Baujagd ist für den Bundesrat kein Thema. Foto: Andreas Leemann (Keystone)

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Ein bellender Hund, der in den Bau eindringt, ein Fuchs, der panisch aus einem anderen Loch flieht und so zur leichten Beute für den Jäger wird: So funktioniert die sogenannte Baujagd – theoretisch. Die Realität sieht oft anders aus. Der Hund kann sich in den Fuchs (oder Dachs) verbeissen. Bis der Jäger das verletzte Tier geortet, ausgegraben und getötet hat, verstreicht schnell eine halbe Stunde. Ein qualvoller Tod droht auch den Hunden, etwa wenn sie in den engen Gängen stecken bleiben und ihnen der Sauerstoff langsam ausgeht.

Barbarische Folklore oder normale Jagdmethode? Zumindest in der Schweizer Bevölkerung geniesst die Baujagd kaum Akzeptanz; das zeigt eine repräsentative Umfrage unter 1015 Personen, die das Marktforschungsunternehmen Demoscope im Auftrag des Schweizer Tierschutzes (STS) durchgeführt hat. 64 Prozent unterstützen ein Verbot, nur 21 Prozent wollen die Baujagd beibehalten. Die Ablehnung ist unter Frauen und den 15- bis 34-Jährigen etwas stärker ausgeprägt. Ein Röstigraben existiert nicht. Die Befragung fand im letzten September statt und hätte erst in den kommenden Monaten publiziert werden sollen; das Resultat liegt dieser Zeitung aber schon vor.

Bundesrat gegen ein Verbot

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Treibjagd. Hierbei scheucht der sogenannte Treiber das Wild mit dem Ziel auf, es vor die Flinte des Jägers zu treiben. Weil sich die Tiere schnell bewegen, ist das Risiko von Streifschüssen beziehungsweise nicht sofort tödlichen Schüssen höher als bei der Ansitzjagd, bei der ein Jäger dem Wild geduldig auflauert. Laut Umfrage wollen 43 Prozent die Treibjagd verbieten, weitere 32 Prozent sie zahlenmässig beschränken.

In Kontrast zur Stimmung in der Bevölkerung steht die Bedeutung, die das Thema im Bundeshaus geniesst. Zwar hat der Bundesrat in den letzten Jahren mit Verordnungsanpassungen die Anforderungen namentlich für die Baujagd verschärft; so etwa gilt für die Hunde eine Ausbildungspflicht, der Einsatz von mehr als einem Hund pro Bau ist untersagt. Ein Verbot der Baujagd ist für den Bundesrat aber kein Thema – auch nicht im Zuge der laufenden Revision des Jagdgesetzes. Zwar sollen in der Jagd auch «Tierschutzaspekte verstärkt berücksichtigt» werden, wie der Bundesrat in seiner Botschaft zur Revision schreibt. In erster Linie will er mit der Vorlage aber die Grundlagen schaffen, um künftig Wolfsbestände regulieren zu können, bevor grosse Konflikte entstehen.

Dämpfer für Tierschützer

Tierschützer versuchen nun, ein Verbot der Baujagd sowie eine starke Einschränkung der Anzahl Treibjagden pro Saison via Parlament doch noch in die Vorlage einzubauen. Gestern war die Revision in der vorberatenden Umweltkommission des Ständerats traktandiert. Entscheide sind dem Vernehmen nach nicht gefallen. Einen Dämpfer haben die Tierschützer jedoch bereits vor der gestrigen Sitzung erlitten. Als sie nebst anderen Interessengruppen in der Kommission jüngst vorsprechen konnten, stiessen sie mit ihrem Anliegen gemäss einer gut informierten Quelle auf wenig Resonanz. Kommissionspräsident Roland Eberle (SVP) äussert sich dazu nicht.

Die Tierschützer werfen den Bundesparlamentarieren vor, am Volk vorbeizupolitisieren. STS-Geschäftsführer Hansuli Huber weist zudem darauf hin, dass zumindest die Baujagd auch in der Jägerschaft umstritten sei. Trefflich gezeigt hat sich das im Thurgau. Dort stimmte das Kantonsparlament auf Vorschlag des Regierungsrats im April 2017 einem Verbot der Baujagd deutlich zu; bei seinem Entscheid standen die Politiker unter dem Eindruck einer kantonalen Volksinitiative, die ebenfalls ein Verbot forderte (und inzwischen zurückgezogen wurde).

Jäger warnt vor radikalen Ideen

Für das Anliegen weibelte mitunter Christian Haffter. Der passionierte Jäger, der von 1982 bis 2005 den Verein Jagd Thurgau präsidiert hatte, sah sich in der Folge von ebendiesem Verein öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt. Unverständlich, findet er: «Die Jäger könnten in der Bevölkerung punkten, wenn sie endlich einräumen würden, dass bestimmte Formen der Jagd tierquälerisch sind.» Die Baujagd zählt Haffter dazu, nicht aber die Treibjagd, die es zur Regulierung der Tierbestände zwingend brauche.

Dass die Jäger auf ihren Traditionen beharren, hat nach Haffters Einschätzung Folgen: «Je uneinsichtiger sie sich zeigen, desto mehr Auftrieb erhalten radikale Ideen, gegen die auch ich mich wehre.» Haffter verweist auf den Kanton Zürich. Dort haben die Tierpartei Schweiz und ihre Mitstreiter letztes Jahr die kantonale Volksinitiative «Wildhüter statt Jäger» eingereicht. Staatliche Wildhüter sollen die Aufgaben der rund 1300 Jäger übernehmen. Die private Jagd in ihrer heutigen Form würde im Kanton Zürich damit verboten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 21:43 Uhr

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