NZZ-Korrespondenten schrieben Brief an Verwaltungsrat

Der Widerstand in der NZZ-Redaktion gegen Markus Somm war zu gross. Spielten auch vertragliche Bindungen an Christoph Blocher eine Rolle?

Die NZZ müsse publizistisch unabhängig bleiben, beteuert Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod. Foto: Thomas Burla

Die NZZ müsse publizistisch unabhängig bleiben, beteuert Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod. Foto: Thomas Burla

Am Montag winkte Markus Somm ab. In einem kurzen Communiqué teilte er mit: «Ich bestätige, dass Gespräche zwischen mir und der Führung der NZZ-Mediengruppe stattgefunden haben betreffend Neubesetzung der Chefredaktion der ‹Neuen Zürcher Zeitung›. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich ­entschlossen, meine Tätigkeit bei der ‹Basler Zeitung› als Chefredaktor und Verleger unverändert weiterzuführen.»

Von einer Absage an die NZZ steht streng genommen nichts. Und NZZ-Sprecherin Bettina Schibli mochte nicht sagen, ob eine solche eingegangen ist. Gemäss einer gut informierten Person ist aber tatsächlich eine Absage erfolgt. Die Onlineredaktion der NZZ titelte denn auch: «Somm kommt nicht zur NZZ». Darüber hinaus zitierte sie gleich ein paar freche Twitter-Meldungen wie «Some like, Somm not» oder: «Nur schon für die Idee, einen Somm anzufragen, sollten Verantwortliche bei der NZZ zur Rechenschaft gezogen werden.»

Den Widerstand unterschätzt

Offenbar haben die Verwaltungsräte und insbesondere Präsident Etienne Jornod den Widerstand gegen Markus Somm unterschätzt. Man erhoffte sich vom 49-Jährigen ein klares bürgerliches Profil, wollte aber nicht auf SVP-Linie umschwenken. Dass Somm weitherum als Sprachrohr von Christoph Blocher wahrgenommen wird, war den Verwaltungsräten offenbar zu wenig bewusst. Zu schwach ist deren Verankerung im Zürcher Freisinn.

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Doch in den letzten Tagen war der Unmut nicht mehr zu überhören. Politiker sorgten sich um die liberale Tradition der NZZ. Auch wurden die Verwaltungsräte von Aktionären, Redaktoren und Lesern zum Teil direkt angegangen. Gut möglich, dass man Somm in der Folge bedeutet hat, er möge sich doch besser zurückziehen.

Anlass zu Spekulationen geben auch die vertraglichen Bindungen bei der «Basler Zeitung». Offenbar sind sie kompliziert und nicht so einfach zu lösen, was Markus Somm an Christoph Blocher bindet. Laut einer prononciert bürgerlichen, redaktionsnahen Quelle hat der NZZ-Verwaltungsrat von Somm wahrscheinlich Garantien verlangt betreffend dessen finanzieller und inhaltlicher Unabhängigkeit. Möglicherweise konnte oder wollte Somm diesen Nachweis nicht erbringen.

Er selbst mochte sich gestern nicht äussern. Dafür schreibt Verwaltungsratspräsident Jornod in einer Stellungnahme: «Die publizistische Unabhängigkeit der NZZ ist für den Verwaltungsrat absolut zentral. (. . .) Wir werden uns bei der Nachfolgeregelung für die NZZ-Chefredaktion mit Sicherheit nicht für eine Lösung aussprechen, welche die Unabhängigkeit der NZZ infrage stellen könnte.» Dabei wird Somm nicht namentlich erwähnt. Stattdessen schreibt Jornod, der Verwaltungsrat werde sich nicht an ­öffentlichen Spekulationen beteiligen.

Redaktoren wehren sich gegen Annäherung an die SVP

Heute Dienstag will sich die Redaktion schriftlich an den Verwaltungsrat wenden. Etliche Redaktoren haben sich schon in sozialen Medien gegen eine Annäherung an die SVP ausgesprochen. Und über 60 Korrespondentinnen und Korrespondenten artikulierten gestern in einem Brief (siehe unten) ihre Besorgnis. Sie sehen «die Kultur einer liberalen und welt­offenen NZZ» in Gefahr.

Um Somm zu verhindern, suchte ein Teil der Redaktion einen alternativen bürgerlichen Kandidaten und fragte andere Leute wie Gerhard Schwarz an, den ehemaligen Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und heutigen Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse.

Schafft es Jornod nicht, eine befriedigende Lösung zu finden, könnte es für ihn eng werden. Denn der Unmut ist bei vielen Aktionären gross. Bis Ende Jahr leitet noch Markus Spillmann die Redaktion, dann übernehmen interimistisch die Stellvertreter René Zeller, Luzi Bernet und Colette Gradwohl. Es gehe jetzt darum, schreibt Jornod, «eine starke und unabhängige Persönlichkeit zu finden, deren publizistische Ausstrahlung unbestritten ist und deren Kompetenzen in politischer wie in journalistischer Hinsicht dem Gewicht des Amtes entsprechen».

Das Schreiben an den Verwaltungsrat der NZZ

Insgesamt 63 Korrespondenten von Inland- und Ausland-Ressort der «Neuen Zürcher Zeitung» haben sich in einem Schreiben an den Verwaltungsrat gewandt. Die Sendung «10 vor 10» hat das kurze Schreiben im Wortlaut auf ihrer Website publiziert. Darin heisst es:

«Sehr geehrter Herr Jornod, sehr geehrte Damen und Herren

Wir, fast alle NZZ-Korrespondenten im In- und Ausland, nehmen mit grösster Besorgnis von den nun von Markus Somm bestätigten Gerüchten Kenntnis, wonach der Verwaltungsrat der NZZ-Mediengruppe mit ihm Gespräche über die Nachfolge von Markus Spillmann geführt habe.

Die Ernennung eines Exponenten rechtskonservativer Gesinnung wäre in unseren Augen das Ende der Kultur einer liberalen und weltoffenen NZZ, die wir mittragen und für die wir uns Tag für Tag publizistisch einsetzen. Sie dürfte darüber hinaus auch ein kommerzielles Desaster einleiten.

Auch nach der Absage von Somm sind wir tief besorgt über die Zukunft der NZZ. Sollte sich die politische Richtung, in der offenbar nach einem neuen Chefredaktor gesucht worden ist, bestätigen, so verurteilen wir diese Pläne in aller Schärfe.

Sie werden verstehen, dass Ihr Vorgehen uns verunsichert hat. Ein klärendes Wort des Verwaltungsratspräsidenten tut not.

Wir weisen in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass das Redaktionsstatut der NZZ ein Anhörungsrecht der Redaktion vor der Bestellung eines neuen Chefredaktors vorsieht, und wir erinnern an Ihr Versprechen, sich an das Statut zu halten. Über die bisherige Kommunikationspolitik sind wir nach der Bestätigung der Gerüchte über Somm enttäuscht.

Mit der Wahl eines Chefredaktors mit rechtskonservativer Gesinnung gerieten die liberale Publizistik und Kultur der NZZ unter die Räder. Dagegen wehren wir uns mit allem Nachdruck.»

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