Kostenexplosion? Nutzenexplosion!

Seit Jahrzehnten wird über die Explosion der Gesundheitskosten lamentiert. Die Ärzte könnens nicht mehr hören. Nun wollen sie der Debatte einen neuen Dreh geben.

Radiologische Untersuchungen werden wegen ihrer Kosten oft kritisiert, bieten aber laut den Ärzten riesigen Mehrwert für die Patienten – wenn sie nicht voreilig angeordnet ­werden.

Radiologische Untersuchungen werden wegen ihrer Kosten oft kritisiert, bieten aber laut den Ärzten riesigen Mehrwert für die Patienten – wenn sie nicht voreilig angeordnet ­werden. Bild: Getty Images

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Wäre die «Ärztezeitung» ein Boulevardblatt, würde man von einer Kampagne sprechen. Seit über einem Monat bringt das Magazin der Schweizer Ärztevereinigung FMH serienweise Artikel, deren Thema stets dasselbe ist: «Der wachsende Nutzen in der Medizin: Was ­erhält die Bevölkerung für die Gesundheitskosten?» Radiologen, Onkologen, Intensivmediziner und andere berichten, was ihre Disziplinen leisten.

Die Ärzte sind es leid, dauernd das Lied von der Kostenexplosion zu hören. Sie erheben Einspruch. Programmatisch ist der Titel eines Beitrags aus der Serie: ­«Radiologie – eine Nutzenexplosion». Im ersten Beitrag gab FMH-Präsident Jürg Schlup den Tarif durch: «Obwohl die ­angebliche Kostenexplosion, die in der NZZ vor knapp 50 Jahren erstmals erwähnt wurde, uns nach einem halben Jahrhundert noch nicht in die Zahlungs­unfähigkeit ge­trieben hat, funktioniert sie als Schlagwort nach wie vor fantastisch.»

Die Diagnose ist klar: Die Kostenexplosion ist ein Märchen, eine Art kollektives Schein­leiden. Die Ärzte argumentieren auf zwei Ebenen: Erstens sind die Gesundheitskosten kein Problem, man müsste sie nur fairer ver­teilen. Zweitens wird der enorme Nutzen der Medizin ignoriert.

Zuerst zur ersten Ebene:

Nur ein Verteilungsproblem? «Unsere Gesellschaft als Ganzes kann sich die Gesundheitskosten tendenziell immer besser leisten»: Das schreibt nicht die FMH, sondern die ­Helsana, die als Krankenkasse nicht im Verdacht steht, die Kosten schönzureden. Wie sie darauf kommt? Die Helsana-Experten argumentieren insbesondere mit den Statistiken zu den Budgets der Privathaushalte: Diese konnten 2014 mehr Geld zur Seite legen als 2006 (plus 700 Franken im Monat) und auch mehr konsumieren (plus 325 Franken). Die Prämien hingegen stiegen in dieser Zeit «nur» um 100 Franken im Monat.

«Unsere Gesellschaft als Ganzes kann sich die Gesundheitskosten tendenziell immer besser leisten.»Krankenkasse Helsana

Wo liegt also das Problem? Nach den Helsana-Experten hat die Schweiz «vor allem ein Problem bei der Lastenverteilung». Denn die genannten Zahlen sind Durchschnittswerte. Sprich: Ein Durchschnittshaushalt hat kein Problem mit den Prämien, ein Haushalt mit tiefem Einkommen oder vielen Kindern aber schon. Helsana-CEO Daniel Schmutz formuliert das so: Die Ausgabenentwicklung müsse «als Sündenbock für Verteilungsprobleme herhalten». Dem pflichtet FMH-Präsident Schlup bei.

Diese Argumentation wirft die Frage auf, ob das heutige System mit Kopfprämien gerecht ist. Die radikale ­Alternative – einkommensabhängige Prämien – ist politisch kaum vorstellbar. Es gibt aber andere Wege, um Druck wegzunehmen. Zum Beispiel könnten Bund und Kantone via Prämienverbilligung mehr Geld an Personen mit knappen Budgets auszahlen. ­Zuletzt passierte aber eher das Gegenteil. Diverse klamme Kantone wie Bern oder Luzern haben die Beiträge gekürzt. Möglich wäre auch, einen grösseren Teil der Kosten über Steuergelder zu finanzieren. Aus Sicht von FMH und Helsana müsste die Politik jedenfalls vermehrt bei der Frage der Lastenverteilung ansetzen.

«Mehr Gesundheit fürs Geld»

Während die Gesundheitskosten auf den Rappen genau bekannt sind, ist der volkswirtschaftliche Nutzen ungewiss. Was ist der Wert der verhinderten Absenzen am Arbeitsplatz, Invalidisierungen oder Frühpensionierungen? Erst recht nicht berechnen lässt sich der Nutzen für jeden Einzelnen: die bessere Gesundheit, die Lebensqualität, das längere ­Leben.

Die FMH nennt viele Beispielen für den explodierenden ­Nutzen. So ist von 2002 bis 2014 die Zahl der Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen – der Todesursache Nr. 1 – um 20 Prozent gestiegen, während die Zahl der Todesfälle um 12 Prozent gesunken ist. Dasselbe gilt nach der FMH für Krebserkrankungen.

Doch auch die Ärzte behaupten nicht, dass alles gut ist. Die FMH räumt ein, dass auch «nutzlose Leistungen» erbracht werden, die man vermeiden müsse. Das können zum Beispiel unnötige radiologische Untersuchungen sein. Die Ärzte nehmen auch die Patienten in die Verantwortung. Weil heute die Möglichkeiten grösser und die Risiken kleiner sind, haben Patienten auch bei nicht lebensbedrohlichen Problemen höhere Ansprüche. Bei grauem Star, Hämorrhoiden oder Herzproblemen lässt man sich eher mal operieren, wo man früher abgewartet hätte.

Mit dem Hinweis auf den ­enormen Nutzen ihrer Arbeit spielen die Ärzte ihren grossen politischen Trumpf. Im Ernstfall – bei einer Abstimmung über Sparmassnahmen etwa – wird er immer stechen. Gesund wollen alle sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.09.2017, 19:54 Uhr

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