Inselspital: Und morgen operieren Roboter

Am Berner Inselspital ent­stehen die Operationssäle der Zukunft. Sie legen die Basis für operierende Roboter. Chefarzt Andreas Raabe nimmts ­gelassen. Er operiert längst mit technischen Assistenz­systemen.

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Christoph Aebischer@cab1ane

Vorläufig führen im Inselspital Bern noch Chirurgen Skalpell, Pinzetten und Klemmen. «Allerdings verlasse ich mich schon heute vollständig auf die dreidimensionalen Bilder auf dem Bildschirm», sagt Chefarzt Andreas Raabe. So könne er einen Tumor millimetergenau entfernen. Sollte er dereinst via Joystick einen Roboter beim Operieren steuern, sieht er auch darin kein Problem. «Es ist eigentlich wie beim Autofahren. Dort bedient der Fahrer ebenfalls bloss die Servolenkung, die dann das Steuermanöver ausführt.»

In diesen Tagen wird in Bern die Grundlage für ferngesteuerte Operationen gelegt. «Hören Sie es zwitschern?», fragt Raabe. Der Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie weist auf ein monströses Gerät in einem abgeschirmten Raum hin. Es erinnert mit seinen Rundungen etwas an einen Wal. Das Magnetresonanzgerät gehört zur Ausstattung eines der drei neuen Operationssäle und wird, schon Monate bevor es ernst gilt, kalibriert.

«Operieren via Joystick ist eigentlich wie Autofahren. Dort bedient der Fahrer ebenfalls bloss die Servo­lenkung, die dann das Steuermanöver ausführt.»Chirurg Andreas Raabe

Noch befinden sich die OP-Säle im Bau. Die beweglichen Arme für Licht und andere Hilfsgeräte sind bereits vorhanden, Operationstische fehlen noch. Doch im Frühling wird hier bereits operiert. Die Säle enthalten erstmals sämtliche bildgebenden Verfahren: Computertomografie, Angiografie und eben Magnetresonanztomografie.

Nur ein perfektes Abbildder Realität ist gut genug

Sind zusätzliche Diagnosen für den laufenden Eingriff nötig, wird der Patient in Narkose zum entsprechenden Apparat geschoben. Dieser macht sichtbar, was den Augen des Chirurgen verschlossen bleibt: «Dank den tief reichenden, hochaufgelösten Bildern können wir kontrollieren, ob wir das bestmögliche Operationsergebnis erreicht haben, und den Operationsprozess anpassen. Damit lassen sich nachträgliche Eingriffe vermeiden.»

Vier Millionen Franken koste ein solcher Saal, verrät Raabe. Sie sind die Basis für das Operieren mit einem Roboter: Soll dieser seine Präzision auch im menschlichen Körper ausspielen, muss der dreidimensionale virtuelle Raum, in dem er sich orientiert, ein perfektes Abbild der Realität sein. Bis dies allerdings Standard werde, schätzt Raabe, dürften noch zwanzig bis dreissig Jahre vergehen. Im Inselspital hat die Zukunft des digitalen Spitals dennoch längst begonnen (siehe auch Artikel zur Biobank).

Auf dem Geschoss D im Intensivbehandlungs-, Notfall- und Operationszentrum – kurz INO – tönt es wie auf irgendeiner Baustelle. Bohrmaschinen jaulen, Akkuschrauber sirren, Schutz­folien rascheln. Und der zwitschernde Wal im Nebenraum wird schrittweise auf seine Aufgabe vorbereitet: Er enthält einen Magneten, der sämtliche nicht niet- und nagelfesten Gegenstände aus Metall im Nu zu Flug­objekten machen würde. Wäre er nicht abgeschirmt, müssten Chirurgen mit keramischem Gerät arbeiten.

6200 Kilometer zwischen Patient und Chirurg

Der Beweis, dass auch Roboter Skalpelle und Pinzetten präzis führen können, ist längst erbracht. Sogar wenn sie von weither ferngesteuert sind. 2001 zum Beispiel entfernte ein US-amerikanisches Team in New York einer Patientin in 6200 Kilometern Entfernung in Strassburg die Gallenblase. Im Inselspital wurde – dies als Weltnovum – bereits zweimal eine Hörhilfe von einem vollautomatischen Roboter ins Innenohr eingesetzt.

«Der Vorteil neuer Methoden ist meist offensichtlich.  Sich dies einzu­gestehen, ist für Chirurgen nicht immer­­ ­einfach.»Chirurg Andreas Raabe

Der Wandel werde nicht in jedem Gebiet gleich schnell vonstattengehen, sagt Raabe, doch aufzuhalten sei er nicht. Der Vorteil neuer Methoden sei meist ­offensichtlich. «Dies einzugestehen, ist für Chirurgen nicht immer einfach», räumt er ein. Denn damit gehe trotz dem eigenen ­Anspruch auf Perfektion die Erkenntnis einher, bisher hinter dem Optimum zurückgeblieben zu sein. «Vorerst fühlt man sich da etwas bevormundet von der Technik», erzählt Raabe. Als er selber in den 90er-Jahren zu operieren begann, visualisierte er den späteren Eingriff noch komplett im Kopf. «Das führte oft zu Diskussionen», erinnert er sich. Dies, weil Kollegen zu anderen Schlüssen gekommen seien. Heute stünden objektive Bilder zur Verfügung. «Das ist ein riesiger Gewinn.»

Metaphysisches Gruseln?Für Chirurgen kein Thema

Sorgt das wachsende Technikarsenal zwischen Arzt und Patient nicht manchmal für ein metaphysisches Gruseln? Raabe zumindest kennt es nicht. Der Mensch bleibe zentral. «Ich muss wissen, wen ich operiere und was er für Erwartungen hat.» Nur so könne er während des Eingriffs die richtigen Entscheidungen treffen. Trotz der technischen Assistenz würden der Chirurg und dessen feinmotorisches Geschick entscheidend bleiben, ist Raabe überzeugt: «Ich muss es auch von Hand können.» Denn der Arzt trage jederzeit die Verantwortung, und das Gespür dafür, wie ein Gewebe, ohne es zu verletzen, beiseitezuschieben sei, bleibe unersetzbar.

Das Inselspital ist das erste Schweizer Spital, in dem drei neue Operationssäle mit sämtlichen neuesten Bildgebungsverfahren ausgestattet werden und die von allen chirurgischen Fächer genutzt werden können. Dies verteuere die Eingriffe, räumt Raabe unumwunden ein. Doch liessen sich auch die Heilungschancen der Patienten optimieren.

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