Im Blut gespeicherte Krankheitsgeschichten

Bis zu zwei Millionen Blutröhrchen kann das Inselspital in der voll automatisierten Biobank einlagern und der ­Forschung zur Verfügung ­stellen. Sie sollen die personalisierte Medizin voranbringen.

Will Tanja Fröhlich bei den Robotiktanks manuell eingreifen, tut sie dies über die angebrachten Ärmel, ohne dass der Kühlraum beeinflusst wird.

Will Tanja Fröhlich bei den Robotiktanks manuell eingreifen, tut sie dies über die angebrachten Ärmel, ohne dass der Kühlraum beeinflusst wird.

(Bild: zvg)

Der Tresor hat die Grösse eines Zimmers. Zimmertemperaturen herrschen darin allerdings nicht, sondern minus 80 Grad Celsius, und es liegen darin auch keine Wertpapiere, sondern Blutproben. Die sogenannte Biobank bietet Platz für zwei Millionen mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten gefüllte Röhrchen. Der Schatz im Tresor ist also die biologische Information von bis zu zwei Millionen Menschen. Reale Personen betreten den riesigen Schrank höchstens zur Wartung.

«Drinnen ist alles ­robotergesteuert», sagt Tanja Fröhlich, Biologin und Informatikerin. Sie ist für die Administration der Biobank zuständig. Wenn sie eine Blutprobe einlagern will, übergibt sie diese durch eine Schiebetüre den Robotern im Innern. Die Kühlung dieses Tresors im Geschoss E des Intensiv-, Notfall- und Operationszentrums (INO) des Inselspitals ist dreifach abgesichert.

Exakt gleiche Bedingungen

Das in der Biobank gelagerte Blut dient der Forschung und lässt sich für unbeschränkte Zeit aufbewahren. Es stammt von Patienten des Inselspitals, sofern sie damit einverstanden sind. Gleich nach der Entnahme des Blutes wird dieses in einem Röhrchen ins Zentrum für Labormedizin und dort auf eine Laborautomationsstrasse geschickt, die den Laien an eine Modelleisenbahn erinnert. Auf dem Weg werden die Röhrchen unter jeweils exakt gleichen ­Bedingungen für die Lagerung im Tresor vorbereitet. Bei der Eröffnung der Biobank im Mai sagte der damalige Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher: «Bern hat damit die erste voll automatisierte Biobank der Schweiz.»

Noch kälter, nämlich unter 150 Grad Celsius, ist es in den drei Robotiktanks neben dem Tresor. Auch hier werden Blutproben automatisiert von Robotern eingelagert. Will Tanja Fröhlich manuell eingreifen, schlüpft sie mit den Armen in die grossen Ärmel, die an den Tanks angebracht sind.

Ein Tresor für die Forschung

Wer die Blutproben zu Forschungszwecken benötigt, kann sie beim Inselspital gegen ­Bezahlung beziehen. «Die Biobank soll kostendeckend be­trieben werden», sagt Tanja Fröhlich.

Jedes Blutröhrchen ist codiert. Diesen kann das Spital den Namen des Patienten und Angaben zu seinem Gesundheitszustand zuordnen. Forscher erhalten die Daten allerdings nur anonymisiert. Da die Biobank nicht für Behandlungen eingesetzt wird, sondern damit die Forschung vorangetrieben wird, ist der Nutzen für die Blutspender nur indirekt. Dies unterscheidet die Biobank etwa von Nabelschnurbanken, woraus allenfalls Stammzellen zur Therapie einer Krankheit gewonnen werden können. Von den Möglichkeiten grosser Biobanken verspricht sich die Forschung viel. Vor einigen Jahren hat bereits das Universitätsspital Lausanne mit dem Aufbau einer Biobank begonnen. «Zentral gelagerte hochqualitative Blutproben erlauben die Analyse von Genen, Proteinen und Metaboliten im grossen Stil», erklärt Tanja Fröhlich. Personalisierte Medizin

Auf diese Weise sollen Krankheiten möglichst genau erforscht werden können, damit Behandlungen und Medikamente zielgerichtet und individuell zum Einsatz kommen. Diese personalisierte Medizin setzt grosse Datenmengen vor­aus. Besteht dabei auch die Gefahr von Missbrauch? Tanja Fröhlich sieht keine. Forscher, welche Proben beziehen wollen, müssen ihre Projekte von einer Ethikkommission absegnen lassen. «Zur Biobank haben zudem nur ganz wenige Personen Zugang. Wenn die Proben dorthin gelangen, tragen sie ­bereits keinen Namen mehr, sondern nur noch einen Code, der nichts über die Person ­aussagt.» Wer also etwa DNA-Analysen machen wolle, werde diese niemandem zuordnen können.

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