«Hoffentlich finde ich jetzt eine richtige Arbeit»

Arbeit statt Sozialhilfe: Die Schweiz schickt sich an, die vielen Flüchtlinge künftig besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wie das funktioniert, demonstriert die Gastrobranche mit ihrem ­«Riesco»-Lehrgang.

Der grüne Lappen für den Spiegel, der rote fürs WC: Hauswirtschaftslehrerin Gisela Rubin zeigt dem Tibeter Lhugyal (hinten) und Araz aus dem Nordirak, wie man in der Schweiz putzt.

Der grüne Lappen für den Spiegel, der rote fürs WC: Hauswirtschaftslehrerin Gisela Rubin zeigt dem Tibeter Lhugyal (hinten) und Araz aus dem Nordirak, wie man in der Schweiz putzt.

(Bild: Patrick Gutenberg)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Beide sind 2010 in der Schweiz angekommen. Zumindest physisch. Doch um hier richtig anzukommen, brauchen sie zwingend eine richtige Arbeit, das wissen der Iraker Araz N. (26) und der ­Tibeter Lhugyal L. (44) nur allzu gut. Es ist auch nicht so, dass sie bisher bloss rumgesessen wären.

Sie absolvierten Deutschkurse, arbeiteten in verschiedenen vom Sozialamt vermittelten Jobs, beim Veloverleih «Züri rollt» zum Beispiel und als Hilfskräfte in Spitalküchen. Später gelangen ihnen erste Schritte in den «richtigen» Arbeitsmarkt, natürlich in der Gastrobranche, die für die meisten Flüchtlinge das Eingangstor in den Arbeitsmarkt ist.

Kürzlich bekam Lhugyal, der ein Flair für Elektronik hat, sogar ein Stellenangebot eines Elektronikhändlers, für den er ab und zu arbeitete. Zu seinem Entsetzen wurde ihm dann aber erklärt, dass er die Stelle nicht annehmen dürfe, weil der Arbeitsort in Liechtenstein wäre. Bei Araz hingegen klappte es, er fand eine Stelle bei McDonald’s. Die hat er aber wieder gekündigt. Für den «Riesco»-Lehrgang der Gastrobranche im Kanton Zürich.

Lanciert von Blocher

«Riesco» ist italienisch und bedeutet etwa «Ich schaffe das». Das passt – für beide Seiten: einerseits für die rasch wachsende Zahl von Flüchtlingen, die hierzulande ein Bleiberecht, aber keine Arbeit haben und deshalb von der Soziahilfe leben, andererseits für die Schweiz, die alles Interesse daran haben muss, dass die Zuzüger selber für sich sorgen können. Werden sie das schaffen?

«Riesco» ist italienisch und bedeutet etwa «Ich schaffe das».

Heinz Gerig ist zuversichtlich. Das ist ein gutes Zeichen, denn der gelernte Koch und Erwachsenenbildner weiss, wovon er spricht. Der Urner arbeitet für die Hotel & Gastro-Formation, die Bildungsinstitution der Gastrobranche. Für sie hat Gerig vor zehn Jahren den «Riesco»-Lehrgang entwickelt, auf Anregung des damaligen Justizministers Christoph Blocher (SVP).

Das Ziel ist, anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene, die meistens ebenfalls langfristig im Land bleiben, «arbeitsmarktfähig» zu machen. Sie sollen nach dem «Riesco»-Jahr direkt einen Job finden oder danach eine Lehre aufnehmen können.

Tropfen auf den heissen Stein

Der Erfolg ist imposant. In den zehn Jahren, in denen es die Lehrgänge gibt, fanden 80 bis 85 Prozent der Teilnehmer eine Arbeits- oder eine Lehrstelle. Doch es gibt da ein erhebliches Problem: So erfolgreich der Lehrgang ist, so klein ist er auch. Zurzeit gibt es «Riesco» im Gastro­bereich bloss im Kanton Zürich, und auch hier können pro Jahr nur 18 Flüchtlinge unterrichtet werden.

Bis vor kurzem gab es das Angebot auch in Luzern, doch nun wurde es vom klammen Kanton vorläufig sistiert. Immerhin ist inhaltlich eine Expansion gelungen: Heute bestehen «Riesco»-Lehrgänge auch für den Bau (in Effretikon) sowie für Gebäude- und Auto­mobiltechnik (in Winterthur). Schweizweit gibt es zudem vereinzelt vergleichbare Angebote. Doch insgesamt ist das Angebot angesichts der vielen Tausend Flüchtlinge ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Nachfrage ist deutlich grösser.

 In den zehn Jahren, in denen es die Lehrgänge gibt, fanden 80 bis 85 Prozent der Teilnehmer eine Arbeits- oder eine Lehrstelle. 

Zu den Glücklichen, die dieses Jahr im Gastrokurs einen Platz erhalten haben, gehören Lhugyal und Araz. Beide möchten gern in einem Hotel oder einem Restaurant als Koch arbeiten. Der Weg dahin ist noch weit. Der Lehrgang hat letzte Woche begonnen. Er dauert ein Jahr, Ferien gibt es abgesehen von ein paar Tagen um Weihnachten herum keine.

Der theoretische und der praktische Unterricht finden am Hauptsitz des Wirteverbands in Zürich-Affoltern statt, inhaltlich reicht das Spektrum der Lektionen von «Werten und Normen» und Deutsch bis zu Kochmethoden und «Lebensmittelgesetz». Speziell wichtig sind die verschiedenen Praktika in Gastrobetrieben, die auch immer wieder zu Anstellungen führen.

«Das macht sie krank»

Disziplin hat einen hohen Stellenwert. Es gelten strikte Regeln. In den Schulräumen wird nur Deutsch gesprochen und niemals über Religion. Das Handy ist nur bei Übersetzungsproblemen erlaubt. Wer zu spät erscheint, bekommt zuerst Strichlein, später rote Punkte, die am Ende zum Ausschluss führen.

Doch so weit kam es bisher nur etwa fünfmal, wie Heinz Gerig sagt. «Die Motivation ist hoch. Die Leute wollen arbeiten. Viele hatten jahrelang keine rechte Arbeit. Das macht sie krank. Sie merken auch, dass man Arbeit braucht, um in der Schweiz als vollwertiges Mitglied akzeptiert zu werden.»

«Die Motivation ist hoch. Die Leute wollen arbeiten.»Heinz Gerig

Heute steht Hauswirtschaft auf dem Programm, Hygiene von der Küche bis zum WC. Nicht der beliebteste Teil der Ausbildung, wie die Referentin, die Berner Oberländerin Gisela Rubin, berichtet. Es gebe bekanntlich viele Länder, in denen es nicht üblich sei, dass Männer eine Toilette putzten. Doch hier müssen sie Hand anlegen. Manchmal gebe es Widerstände, sagt Rubin, doch meistens finde sie eine Lösung. Man glaubt ihr das sofort, wenn man sieht und hört, wie sie mit der Klasse spricht.

Ohnehin dürfen die Flüchtlinge hier nicht damit rechnen, mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Gerig pflegt ihnen gleich am ersten Tag ein paar unschöne Dinge zu sagen: dass in der Schweiz niemand auf sie gewartet habe; dass sie mehr leisten müssen als Schweizer, wenn sie eine Chance haben wollen, und dass sie sich auf Ablehnung und Ressentiments einstellen müssen. «Die meisten wissen das zwar schon, aber es ist wichtig, dass wir hier allen reinen Wein einschenken», sagt Gerig. «Es nützt ja nichts, ihnen etwas vorzugaukeln. Mitleid bringt sie keinen Millimeter weiter.»

«Wir brauchen eine Chance»

«Das ist nicht wahr.» Der Iraker Araz schüttelt grimmig den Kopf. Es stimme einfach nicht, dass die Mehrheit der Flüchtlinge nicht arbeiten wolle. «Wir wollen uns integrieren, aber das ist sehr schwierig. Ich habe immer gearbeitet und Kurse besucht. Hoffentlich finde ich jetzt endlich richtige Arbeit, ich bin schon so lange hier.»

In seiner früheren Heimat im Nordirak war Araz als Logistiker und Koch tätig. «Aber das nützt mir hier nichts. Ich muss neu anfangen, Zertifikate sammeln.» Der Tibeter Lhugyal pflichtet ihm bei. 260 Bewerbungen habe er bisher verschickt. Immer heisse es, er habe zu wenig Erfahrung. «Aber wie sollen wir Erfahrung sammeln? Wir brauchen eine Chance. Wir brauchen Arbeit.»

«Aber wie sollen wir Erfahrung sammeln? Wir brauchen eine Chance. Wir brauchen Arbeit.» Lhugyal L. 

Die beiden sehen es gleich wie der Bundesrat und das Parlament: Die Schweiz muss deutlich mehr Angebote wie die «Riesco»- Lehrgänge einführen. Seitdem feststeht, dass der Bund dafür mehr Geld bereitstellt, nimmt die Nachfrage zu, wie Heinz Gerig berichtet. Mehrere Kantone hätten angefragt, ob man bei ihnen ­«Riesco»-Lehrgänge etablieren könnte. «Wir sind offen», betont Gerig. Er freut sich, dass etwas in Gang kommt.

Gerig widerspricht den Skeptikern, die sagen, die meisten Flüchtlinge liessen sich wegen ihrer Herkunft sowieso nicht in den Arbeitsmarkt integrieren. «Wir beweisen hier ja laufend das Gegenteil.» Er ist überzeugt, dass viel Potenzial vorhanden ist. «Mit der richtigen Unterstützung finden die meisten Flüchtlinge, die physisch und psychisch fit sind, eine Arbeit.» Und wenn die «Riesco»-Lehr­gänge in Zürich Erfolgsquoten über 80 Prozent erreichen, sollte das eigentlich auch in anderen Kantonen möglich sein.

«Sonst drohen Ghettos»

Heinz Gerig geht noch weiter: Die Schweiz habe gar keine andere Wahl hat, als die Integrations­angebote auszubauen. Zum einen lasse sich so der zunehmende Personalmangel in einzelnen Branchen lindern. Zum anderen drohen aus Gerigs Sicht gröbere soziale Spannungen, wenn die vielen Flüchtlinge langfristig ohne Arbeit blieben. «Es würden Ghettos entstehen wie in französischen oder belgischen Städten. Ich glaube auch nicht, dass die Mehrheit bereit wäre, die drohende Kostenexplosion in der ­Sozialhilfe einfach so hinzu­nehmen.»

Die finanzielle Rechnung ist einfach. Der «Riesco»-Lehrgang kostet den Staat 27'000 Franken pro Teilnehmer. Ein Jahr Sozialhilfe kostet im Durchschnitt rund 25'000 Franken pro Person und Jahr. Sprich: Mit jedem erfolgreichen Abschluss lassen sich auf lange Frist Hunderttausende Franken sparen.

Mit jedem erfolgreichen Abschluss lassen sich auf lange Frist Hunderttausende Franken sparen. 

Inzwischen hantieren Lhugyal und Araz mit Putzlappen im Badzimmerbereich. Der rote ist für das WC, der grüne für den Spiegel, der blaue für das Lavabo. Es sieht nicht so aus, als würden sie das besonders gern machen. Dafür freuen sie sich auf das erste Praktikum. Sie hoffen auf ihre Chance. Und Lhugyal tönt schon sehr schweizerisch, wenn er sagt, ohne Arbeit könne er nicht leben.

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