Grenzwächter leiden unter «Psychoterror»

Tessiner Angestellte bemängeln Drogentests sowie willkürliche Versetzungen durch ihre Vorgesetzten.

Ein Tessiner Grenzwächter vor dem Zollamt von Mendrisio.

Ein Tessiner Grenzwächter vor dem Zollamt von Mendrisio. Bild: Davide Agosta (Keystone)

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Knapp 300 Mitarbeitende zählt die Tessiner Grenzwachtregion IV. Davon haben 213 einen Beschwerdebrief unterschrieben, der im August an den Direktor der ­Eidgenössischen Zollverwaltung, Christian Bock, nach Bern geschickt wurde. Darin legen die Tessiner Grenzwächter dem Kommando, insbesondere Personalchef Davide Bassi, Führungsmängel und Willkür zur Last.

Spekulationen in Tessiner Medien über «Ungereimtheiten» bei der Grenzwache hatten zuletzt auch die Tessiner Nationalräte Marco Romano (CVP) und Marco Chiesa (SVP) auf den Plan gerufen. Die Antworten des Bundesrats von Ende Oktober auf deren Fragen lassen indessen die tatsächlichen Gründe für den Unmut im Personal weitgehend offen. Gemäss Bundesrat hat der Direktor der Zollverwaltung, Bock, «umgehend eine Administrativuntersuchung zur Klärung der Vorwürfe eingeleitet», von denen er am 17. August erfahren habe. Der Kommandant der Grenzwachtregion IV, Mauro ­Antonini, und der Personalchef, Davide Bassi, wurden «bis nach Abschluss der Untersuchungen» nach Bern versetzt.

Die Hintergründe des Beschwerdebriefs

Neben der Administrativuntersuchung läuft gemäss Bundesrat auch eine Voruntersuchung der Miltärjustiz. Diese habe eine vorläufige Beweisführung eröffnet. Der Beschwerdebrief betrifft gemäss Bundesrat die «Kritik gegenüber den geplanten Rotationen innerhalb der Grenzwachtregion IV, die im Rahmen der ordentlichen Personalentwicklung vorgesehen sind». Die Missstände, die das Gros der Tessiner Grenzwächter beklagt, gehen offenbar aber weiter, als der Bundesrat sagt. Dies belegen Aussagen eines Tessiner Grenzwächters. Er hat die Hintergründe des Beschwerdebriefs erklärt – dies unter der Bedingung, dass seine Anonymität gewährleistet wird.

Gemäss Aussagen dieses Grenzwächters ist der Unmut im Korps nach wie vor gross. Personalchef Bassi habe Kritik und Verbesserungsvorschläge aus dem Korps systematisch unterdrückt und sogar bestraft. So seien in mehreren Fällen Grenzwächter von einem Tag auf den anderen zu anderen Posten geschickt worden. Dies bedeute für die Betroffenen oft zweistündige Anfahrten per Auto vor Dienstantritt. Familienväter hätten sich deshalb extra ein Zweitauto anschaffen müssen. Auf Krankheitsfälle im familiären Umfeld und damit verbundene Anträge auf Rückversetzung habe Bassi keinerlei Rücksicht genommen.

Ein Grenzwächter spricht von einem Willkürregime, das Personalchef Davide Bassi aufgebaut habe.

Auf maximales Unverständnis unter seinen Arbeitskollegen seien sodann Alkohol- und Drogentests gestossen, die ohne Verdachtsmomente durchgeführt worden seien. So berichtet der Grenzwächter von Urin- und Haarproben, die mehrere Angestellte hätten abgeben müssen. Sämtliche Testresultate seien negativ ausgefallen. Der Grenzwächter spricht von einem Willkürregime, das Bassi aufgebaut habe, von «Psychoterror» gar. Für ihn ist klar: Sollten Kommandant Antonini und Personalchef Bassi wieder auf ihre früheren Posten ins Tessin zurückkehren, komme es in der Grenzwacht­region IV zum Aufstand.

Erstaunt habe man auf den unteren Stufen der Grenzwacht zur Kenntnis genommen, dass man es auf oberer Kommandoebene nicht genau nehme mit den Dienstvorschriften. Der Führung wird vorgeworfen, illegal eine Kasse mit Bargeld aus Bundesgeldern betrieben zu haben – für besondere Anlässe. Der Bundesrat sagt dazu: «Über das Vorhandensein, die Hintergründe und die Bewirtschaftung einer allfälligen Kasse können zurzeit keine Angaben gemacht werden.» Das Grenzwachtkommando in Bern nimmt auch zu Medienanfragen keine Stellung, «solange die Untersuchungen laufen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2018, 16:15 Uhr

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