Zum «Neuen Jerusalem»

Es muss nicht immer der Jakobsweg sein. Der Walliser Wanderleiter Peter Salzmann hat den alten Pilgerweg von Spiez zum Unesco-Weltkulturerbe in Varallo im Piemont wiederbelebt.

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Ausgerechnet im Bernbiet, dem Kanton mit dem geringsten Anteil an Katholiken, starten elf Pilger, davon ein Berner Protestant, zu einer Wanderung übers Wallis nach Italien. Die Strecke führt in zehn Tagen vom Simmental ins Piemont – von Spiez insgesamt über 220 Kilometer, auf denen 10000 Höhenmeter zu überwinden sind. Übernachtet wird in einfachen Herbergen und Berghütten.

Wer heute auf den Spuren der Pilger durch die Alpen geht, hat dafür andere Gründe als die Menschen im Mittelalter: «Viele sind auf der Suche nach sich selbst. Das Pilgern lässt einen den Körper auf eine neue Weise spüren und befreit den Geist», sagt Peter Salzmann, Walliser Wanderleiter, der die Pilgerroute zu neuem Leben erweckt hat. Tatsache ist: Die Pilgerreise, auf der insgesamt drei Pässe zwischen 2600 und 2900 Metern Höhe überschritten werden, ist eine körperliche und geistige Herausforderung. Eine gewisse Leidensbereitschaft ist deshalb Voraussetzung für die Tour. Doch von Busse-Tun will keiner der Teilnehmer etwas wissen. Die Selbsterfahrung steht im Vordergrund.

Heilige als Gefährten

Eines wurde dem Autor beim Selbstversuch klar: Man muss nicht katholisch sein, um zu pilgern; aber manchmal hilft es, wenn man einen Heiligen auf seiner Seite weiss. «Wenn ich mal nicht mehr mag, dann bete ich zum heiligen Christophorus, er möge mir helfen, den Rucksack zu tragen», sagt Raphaela Lötscher-Seiler aus Brig. Auch wenn sie auf der Wanderung vor allem das Naturerlebnis sucht: Eine spirituelle Reise ist es auch für sie – ihre geistlichen Ansprechpartner sind allgegenwärtig. Die gläubige Katholikin ruft auch schon mal den heiligen Antonius an, den Wiederbringer verlorener Sachen, wenn sie ihre Uhr nicht mehr findet.

Kraftorte als Zwischenhalt

«Beim Pilgern habe ich Zeit zum Nachdenken», sagt Andreas Stephan, ehemaliger Papstgardist, der die Reise seinem verstorbenen Vater widmet. Bei seinem Bruder Jürg steht der Abstand zu Alltag und Arbeit im Vordergrund. Alle sind sich einig: Die körperliche Herausforderung versetzt einen in einen anderen Zustand – und sie schweisst zusammen: Man hilft und muntert sich gegenseitig auf.

Immer wieder bieten sich Kraftorte am Wegrand zur Rast an. Im Simmental sind es die Kirchen mit vorreformatorischen Christophorus-Fresken, die heute wieder freigelegt sind; im Wallis die Kapellenwege, die einem vor Augen führen, welche Kraft religiöse Kunst entfalten kann. Die Menschen, denen man auf dem Weg begegnet, zollen der Wanderleistung Respekt. Niemand lacht im Wallis über Pilger. Jeder weiss: Die Kirche ist im Wallis, wo 94 Prozent der Einwohner katholisch sind, eine soziale Kraft. Alle sind getauft, niemand könnte sich ein Begräbnis ohne den Segen des Pfarrers vorstellen. Die Bibel ist im Wallis als Pfeiler der Kultur spürbar.

Wandern als Meditation

Als Varallo vor Augen kommt, sind die Pilger fitter als vorher. Zwischen dem Ausgangspunkt der Reise und dem Ziel haben sie einige Kilos an Gewicht verloren. Auf dem Sacro Monte quartieren sich die Teilnehmer der Reise in der Casa Del Pellegrino ein. Eindrücklich sind die Kapellen, welche die Jesus-Geschichte auferstehen lassen – eine Art Madame Tussauds aus der Vergangenheit. Dann widmet sich die Pilgerschar Speis und Trank, bevors am nächsten Tag in die Messe geht. Nach zehn Tagen geht man wieder auseinander. Inzwischen wurde klar: Wandern heisst meditieren. Und trotzdem: Keiner der Teilnehmer kehrt als Buddhist in den Alltag zurück. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.09.2009, 08:10 Uhr

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