Zum Hauptinhalt springen

Die SVP in der Klimafalle

Ists Klimawandel? Oder nur eine Phase? Die SVP-Bauern sind sich uneins.

Linus Schöpfer
Massensterben: Toter Fisch am Ufer des Rheins, Schaffhausen. (6. August 2018)
Massensterben: Toter Fisch am Ufer des Rheins, Schaffhausen. (6. August 2018)
Keystone
Der Asphalt ist durch die Hitze zu weich für schweres Gefährt: Ein Panzer der Schweizer Armee an den 75-Jahr-Feierlichkeiten des Militärflugplatz Meiringen im Juni 2016.
Der Asphalt ist durch die Hitze zu weich für schweres Gefährt: Ein Panzer der Schweizer Armee an den 75-Jahr-Feierlichkeiten des Militärflugplatz Meiringen im Juni 2016.
Urs Flueeler, Keystone
Nur wenig Abkühlung in den Bergen: Wanderer auf dem Grossen Mythen oberhalb von Brunni geniessen die Aussicht bei 25 Grad. (4. August 2018)
Nur wenig Abkühlung in den Bergen: Wanderer auf dem Grossen Mythen oberhalb von Brunni geniessen die Aussicht bei 25 Grad. (4. August 2018)
Thomas Hodel, Keystone
Mit 23,5 Grad Celsius den Hitzerekord gebrochen: Die Aare zwischen Thun und Bern. (Archiv)
Mit 23,5 Grad Celsius den Hitzerekord gebrochen: Die Aare zwischen Thun und Bern. (Archiv)
Anthony Anex, Keystone
Bauernverband fordern Taten vom Bund: Maiskolben von Bauer Markus Hausammann, Präsident Verband Thurgauer Landwirtschaft, liegen auf dem trockenen Boden in Langrickenbach. (25. Juli 2018)
Bauernverband fordern Taten vom Bund: Maiskolben von Bauer Markus Hausammann, Präsident Verband Thurgauer Landwirtschaft, liegen auf dem trockenen Boden in Langrickenbach. (25. Juli 2018)
Ennio Leanza, Keystone
Ein Bauer betrachtet den leeren Brunnen seiner Alp bei Schänis, die von der Schweizer Armee mit Wasser beliefert wird. (3. August 2018)
Ein Bauer betrachtet den leeren Brunnen seiner Alp bei Schänis, die von der Schweizer Armee mit Wasser beliefert wird. (3. August 2018)
Keystone
Ein Landwirt fährt in Aristau, Aargau, über ein abgeerntetes Rapsfeld. (19. Juli 2018)
Ein Landwirt fährt in Aristau, Aargau, über ein abgeerntetes Rapsfeld. (19. Juli 2018)
Boden eines Kartoffelfeldes in Hasenacher bei Zeiningen, Aargau. (20. Juni 2017).
Boden eines Kartoffelfeldes in Hasenacher bei Zeiningen, Aargau. (20. Juni 2017).
Keystone
Nahe der 36-Grad-Marke: In Sitten wurden Temperaturen von 35,9 Grad gemessen. (31. Juli 2018)
Nahe der 36-Grad-Marke: In Sitten wurden Temperaturen von 35,9 Grad gemessen. (31. Juli 2018)
Laurent Gillieron, Keystone
Im luzernischen Ruswil wird die Bevölkerung zum Wassersparen aufgerufen.
Im luzernischen Ruswil wird die Bevölkerung zum Wassersparen aufgerufen.
Leserreporter
Ein Superpuma der Schweizer Armee beliefert die Alp Oberbätruns bei Schänis SG mit Wasser für die Kühe. (3. August 2018)
Ein Superpuma der Schweizer Armee beliefert die Alp Oberbätruns bei Schänis SG mit Wasser für die Kühe. (3. August 2018)
Ennio Leanza, Keystone
Bodensee-Gemeinden verbieten  Blumengiessen. (Symbolbild)
Bodensee-Gemeinden verbieten Blumengiessen. (Symbolbild)
Samuel Truempy, Keystone
In mehreren Kantonen ist das trockene Gras der Böschungen neben Strassen in Flammen aufgegangen. Die Brände im Aargau, in Schwyz und Graubünden konnten rasch gelöscht werden. Vermutlich wurden sie durch Zigarettenstummel ausgelöst.
In mehreren Kantonen ist das trockene Gras der Böschungen neben Strassen in Flammen aufgegangen. Die Brände im Aargau, in Schwyz und Graubünden konnten rasch gelöscht werden. Vermutlich wurden sie durch Zigarettenstummel ausgelöst.
Kantonspolizei Graubünden
Die Schweizer Armee hat diesen Sommer bereits neun solche Einsätze in der Ostschweiz geflogen.
Die Schweizer Armee hat diesen Sommer bereits neun solche Einsätze in der Ostschweiz geflogen.
Ennio Leanza, Keystone
Der Weiler Ritorto im Bavonatal, das zur politischen Gemeinde Cevio gehört. Dort wurden laut SRF Meteo 35,5 Grad gemessen.
Der Weiler Ritorto im Bavonatal, das zur politischen Gemeinde Cevio gehört. Dort wurden laut SRF Meteo 35,5 Grad gemessen.
Francesca Agosta
Die Stadtpolizei Zürich sorgt sich um das Wohlergehen von Vierbeinern. Ihr Rat: Ist der Asphalt zu heiss, sollten grosse Hunde Schuhe tragen und kleine Hunde auf dem Arm transportiert werden.
Die Stadtpolizei Zürich sorgt sich um das Wohlergehen von Vierbeinern. Ihr Rat: Ist der Asphalt zu heiss, sollten grosse Hunde Schuhe tragen und kleine Hunde auf dem Arm transportiert werden.
Stadtpolizei Zürich
1 / 18

Der Mann klingt verzweifelt. «Dieser Sommer ist schlimm für uns», sagt Andreas Aebi, Bauer. «Ich musste mein ganzes Leben noch nie Gras bewässern, jetzt muss ich es. Wir beginnen die Wintervorräte zu verfüttern, das ist schlecht.» Aebi ist Nationalrat der SVP, der aus der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei hervorgegangenen Partei. Der Partei der Landwirte also – und der Klimawandel-Verneiner. Roger Köppel fragte im Nationalrat süffisant, wie es zu erklären sei, dass zur Zeit des Römischen Reichs die Temperaturen in Europa viel höher gewesen seien als heute?

Das war letztes Jahr, es ging um das Pariser Klima-Abkommen. Die SVP betont in ihrem Positionspapier zur Klimapolitik, Klimaveränderungen habe es in der Erdgeschichte schon immer gegeben. «Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die alarmierenden Meldungen der letzten Jahre, wonach menschliche Aktivitäten das Klima der Erde beeinflussen würden, nicht der Realität auf diesem Planeten entsprechen.» Das Papier ist fast 10-jährig, aber für die Partei noch immer gültig.

Seen werden angepumpt

Gross ist die Diskrepanz zwischen dem kalten Ton der SVP-Funktionäre und dem Horror der Bauern, zwischen Papier und Alltag. Wegen der hohen Temperatur und des fehlenden Regens trocknen die Felder aus. Kühe müssen geschlachtet werden, weil das Futter fehlt. Flüsse und Seen werden angepumpt, die Armee fliegt Wasser auf die Alpen.

Meteo Schweiz zufolge registrieren alle Messstationen seit Anfang der 60er-Jahre eine Zunahme hoher Tagestemperaturen. Für die Wissenschaft ist absehbar, dass heisse Sommer wie jetzt öfters vorkommen werden. Ist klar, dass der Klimawandel real ist. Reto Knutti, Klimaphysik-Professor der ETH, forderte jüngst im «Blick» eine deutlich radikalere Klimapolitik. Innerhalb der nächsten 30 Jahre müsse Westeuropa wegkommen von den fossilen Brenn- und Treibstoffen – «runter auf null Emissionen».

Lieber nicht kommentieren

Die Zusammenarbeit zwischen Bauern und dem Finanzflügel um Blocher, Matter und Co. klappte lange exzellent, weil man sich entgegenkam. Die einen schauten, dass die Bauern nicht zu sehr dem garstigen Markt ausgesetzt wurden. Dass die Subventionen flossen. Im Gegenzug folgten die Bauern, derzeit sinds zehn SVP-Nationalräte, zuverlässig der Fraktionslinie.

Verdampft diese Allianz nun wegen des Klimawandels? Das Klimapapier stösst in diesen trockenen Tagen jedenfalls nicht auf Begeisterung. «Es obliegt nicht mir, das Positionspapier meiner Partei zu kommentieren», sagt merkwürdig diffus Nationalrat Markus Hausammann. Der Thurgauer hatte sich im Nationalrat bei der Abstimmung zum Pariser Klimaabkommen enthalten, im Gegensatz zur Mehrheit seiner Fraktion. Sogar Ja gestimmt hatte die Waadtländerin Alice Glauser – eine Bäuerin. Aebi sagt unwirsch: «Es ist eine Frage der Zeit, bis die jungen Schwalben bei uns aus den Nestern fallen, weil es ihnen zu heiss wird ...» Zurzeit hätten die Bauern weiss Gott Wichtigeres zu tun, als sich mit Parteiprogrammen zu beschäftigen.

«Alles gedeiht»

Ein SVP-Bauer, dessen Denken und Arbeiten noch mit dem Parteiprogramm harmonisiert, ist Marcel Dettling. Früher habe man sich über Götter beklagt, jetzt gebe man dem CO2 die Schuld, so der Schwyzer. Bei den Hitzesommern handle es sich um eine Phase, eine normale Schwankung. «Es wird auch wieder kälter werden.» Als Innerschweizer hat Dettling das Glück, in günstiger Lage und mit sprudelnden Wasserquellen bauern zu können. «Tipptopp» laufe es, «alles gedeiht.» Dettling gibt die Losung aus: Man müsse mit dem leben und arbeiten, was man habe.

Die politische Konkurrenz hat die Spannungen innerhalb der SVP-Bauernschaft bemerkt. Regula Rytz etwa, Präsidentin der Grünen, sagt: «Mir scheint, die SVP verliert immer mehr Rückhalt bei den Bauern.» Vor zehn Jahren sei die Allianz noch stärker gewesen. Die Nationalrätin sieht nicht zuletzt ihre eigene Partei als Profiteurin. Die breite Unterstützung der Fair-Food-Initiative zeige, dass die Bauern sich gegenüber grünen Anliegen öffneten. Ein Beispiel für den Stimmungswandel ist für Rytz Xavier Challandes, der Neuenburger Winzer und Kantonsrat, der letztes Jahr von der SVP zu den Grünen gewechselt ist. Auch zeigten sich die bauernden SVP-Parlamentarier im persönlichen Gespräch aufgeschlossener als in ihrem Abstimmungsverhalten.

Nächsten Dienstag wird der Bauernverband ein Forderungspaket vorstellen, das Hitzeschäden mildern soll. Der Präsident des Verbands, der CVPler Markus Ritter, appelliert an die Klima-Skeptiker unter den Landwirten: «Der Klimawandel ist leider eine Tatsache, daran ist nicht zu deuteln.» Ganz der nüchterne Bauer, fügt Ritter an: Wenn man nicht mehr tue, werde das noch viel Geld kosten.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch