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War das nötig?

Philipp Hildebrands Kritiker stehen selber in der Kritik. Haben sie es übertrieben? Redaktion Tamedia hat ehemalige Chefredaktoren befragt.

Claudia Blumer
Ohne «Weltwoche» keine Transparenz, glaubt Chefredaktor Roger Köppel. Ehemalige Chefredaktoren sind zum Teil anderer Meinung.
Ohne «Weltwoche» keine Transparenz, glaubt Chefredaktor Roger Köppel. Ehemalige Chefredaktoren sind zum Teil anderer Meinung.
«Doch, der Druck war nötig», sagt Gottlieb Höpli, Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts» von 1994 bis 2008. Die «Weltwoche» habe den andern Zeitungen die heikle Publikation von Hildebrands Bankdaten erspart.
«Doch, der Druck war nötig», sagt Gottlieb Höpli, Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts» von 1994 bis 2008. Die «Weltwoche» habe den andern Zeitungen die heikle Publikation von Hildebrands Bankdaten erspart.
«Wenn man den Druck der SVP wegnimmt, wäre überhaupt etwas passiert?» Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» (1978 bis 1987) und des Schweizer Fernsehen (1990 bis 1999).
«Wenn man den Druck der SVP wegnimmt, wäre überhaupt etwas passiert?» Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» (1978 bis 1987) und des Schweizer Fernsehen (1990 bis 1999).
«Das war doch keine Hetzjagd!» Sacha Wigdorovits, heute PR-Berater, früher unter anderem Chefredaktor beim «Blick» (1997), versteht nicht, warum sich die Leute über Christoph Blocher aufregen statt über Philipp Hildebrand.
«Das war doch keine Hetzjagd!» Sacha Wigdorovits, heute PR-Berater, früher unter anderem Chefredaktor beim «Blick» (1997), versteht nicht, warum sich die Leute über Christoph Blocher aufregen statt über Philipp Hildebrand.
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Politologe Andreas Ladner kritisierte am Mittwochabend auf TeleZüri sowohl den zurückgetretenen Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand als auch dessen Gegner beziehungsweise die Kampagne der vergangenen Woche gegen Hildebrand. Damit fasst Ladner die Meinung zusammen, die politische Kommentatoren derzeit fast einhellig vertreten: Hildebrand sei zwar über sich selber gestolpert, aber die Kritiker – SVP, Nationalrat Christoph Blocher, Rechtsanwalt Hermann Lei, die «Weltwoche» – hätten eine rigorose Hetzjagd veranstaltet. «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel glaubt, dass dies zur Herausgabe der Berichte und des SNB-Reglements geführt hat. Hätte moderater Druck, wie er von anderen Medien kam, genügt? Oder war die Hetzjagd nötig, um die Fakten auf den Tisch zu kriegen?

«Das war doch keine Hetzjagd», sagt Sacha Wigdorovits, ehemaliger Chefredaktor beim «Blick». Die Aufregung hält er für scheinheilig. «Wäre der Vorwurf von der SP gekommen, würde sich niemand aufregen.» Der heutige PR-Berater, der die vergangenen Wochen im Ausland weilte, sagt: «Ich habe nicht alles mitbekommen. Aber ich habe gesehen, dass sich die Leute über Christoph Blocher aufregen. Da habe ich gedacht: Seid ihr nicht ganz dicht? Regt euch doch darüber auf, dass der höchste Notenbanker im Land gegen den Schweizer Franken gewettet hat.»

«Wäre überhaupt etwas passiert?»

«Es kommt ja täglich noch etwas dazu», sagt Peter Studer, früherer Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens, «nochmals zwei Mails, dann die Überprüfung durch PWC, die nicht funktioniert hat.» Am Anfang sei wohl die Weisswascherei durch die interne Prüfung der Nationalbank gewesen. «Von daher war ein gewisser Druck unvermeidlich.» Er sei aber auch polemisch, sagt Studer, zum Beispiel mit der Rücktrittsforderung gegenüber dem ganzen Bankrat und drei Bundesratsmitgliedern. Diese Art von Druck zerstöre das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen und schade ihnen damit. «Es ist ein unverhältnismässiger Hyperdruck entstanden, wie so häufig, wenn die SVP etwas kritisiert.» Doch: «Wenn man das Getöse der SVP völlig wegnähme, wäre überhaupt etwas passiert?»

«Das Ehrenwort von Philipp Hildebrand wurde in seinem Kaliber schon etwas reduziert», sagt Peter Studer, «wenn ein E-Mail zutage fördert, dass Hildebrand eine grosse Dollarbewegung seiner Frau ab dem gemeinsamen Konto zuliess. Wohl nicht rechtswidrig, aber ein Verstoss gegen ‹Soft Law›, die Corporate Governance eines obersten Nationalbankers.» Fazit: Die Trennlinie zu ziehen zwischen nötig und zu viel, sei schwierig. Er teile den Glauben der SVP nicht, dass zuerst Geschirr zerschlagen werden müsse, bis etwas geschieht. «Ich halte mich an den rationalen Diskurs, bei dem die Fakten nüchtern präsentiert werden und nicht jede kritische Aussage mit masslosen Übertreibungen aufzuladen ist. Besonders schockiert hat mich, dass die ‹Weltwöchner› eine Grundregel der Recherchierethik, nämlich die Quelle schwerer Vorwürfe zu kennen und mit einer zweiten Quelle zu belegen, lächerlich machen.»

Medienethische Aufarbeitung

Ueli Haldimann, ebenfalls früherer Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, fand die Hetzjagd gegen Philipp Hildebrand «unnötig und falsch». Die journalistische Kultur drohe zu verrohen: «Insbesondere die Zuspitzungen und das Verhalten der ‹Weltwoche›, die ihn als ‹Gauner›, der lügt, bezeichnete und ihm ‹illegale Geschäfte› und ‹Insider-Delikte› vorwarf, waren jenseits.» Haldimann: «All diese Vorwürfe waren falsch. Trotzdem hatte Hildebrand so, wie es gelaufen ist, keine andere Wahl, als zurückzutreten.»

Haldimann, der sich vor einem Jahr als Medienschaffender selbständig gemacht hat, hofft, dass die verbalen Entgleisungen gerichtlich und medienethisch aufgearbeitet werden. «Der Presserat ist gefragt, und ich hoffe, dass auch die Gerichte angerufen werden. Es wäre schade, wenn man darauf verzichten würde.»

«Ja, der Druck war nötig»

«Die Dokumente wären kaum herausgekommen ohne den Druck», sagt Gottlieb Höpli, früherer Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts». «Ja, der Druck war nötig». Er verweist auf Markus Spillmann, Chefredaktor der NZZ, der kürzlich an einer Medientagung in Zürich sagte, er sei froh, dass die vertraulichen Bankdaten nicht der NZZ zugespielt worden seien. «Am Anfang steht der Bruch des Bankgeheimnisses, das wird verniedlicht.» Die «Weltwoche» habe es den anderen Medien erspart, das Dokument mit Hildebrands Bankdaten zu publizieren.

Die derzeitige Diskussion passe ihm nicht, sagt Höpli. Es werde simplifiziert und pauschalisiert, «wie im Wilden Westen». Die einen seien für Hildebrand, die andern für Blocher. Das sei «ermüdend simpel». Die Medien müssten nach Höplis Ansicht differenzieren: «Wie ist das in andern Ländern, wie sind die Regeln dort, wie sind die ungeschriebenen Regeln? Anständiges Verhalten bräuchte meiner Ansicht nach nicht unbedingt ein Reglement. Aber die herrschende Meinung ist offenbar anders.»

«Zuspitzungen verstellen die Wirklichkeit»

Hanspeter Spörri stört das rasche Urteil. «In unserem Beruf sollten wir manchmal zuerst einfach die Fakten auf den Tisch legen und dann überlegen, was sie bedeuten», sagt der ehemalige Chefredaktor des «Bundes». Aber die Interpretation werde immer gleich mitgeliefert, das Urteil gefällt. «Manchmal dürfte man das auch den Lesern überlassen», sagt Spörri.

«Es ist nötig, dass die Medien gründlich, hartnäckig und unabhängig recherchieren», fügt Spörri an. «Aber ich ärgere mich über Wörter wie ‹geschniegelter Gauner›, die sind unnötig.» Dass die Fakten auf dem Tisch lägen, sei gut. Dies sei aber nicht Begriffen wie «geschniegelter Gauner» zu verdanken. «Im Gegenteil: Diese Zuspitzungen verstellen manchmal die Wirklichkeit eher noch und führen zu einer polarisierten Diskussion. Diese führt weg vom wichtigen Thema.» Auch nach der gründlichsten Recherche wüssten wir nicht, ob wir alle Fakten kennen, fügt Spörri hinzu. «Das ist ebenfalls ein Grund, mit dem Richten vorsichtig zu sein.»

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