Burka und Sexgewerbe entzweien Frauenorganisationen

Eklat bei der Organisation Terre des Femmes. Die Deutschen brechen mit der Schweizer Schwester, weil sie ein Verbot von Burka und Prostitution ablehnt.

Eine Frau prostituiert sich auf dem Strassenstrich in Lausanne.

Eine Frau prostituiert sich auf dem Strassenstrich in Lausanne. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Die Frauenorganisation Terre des Femmes (TdF) Deutschland will nichts mehr mit der gleichnamigen Schweizer Schwesterorganisation zu tun haben. Am Dienstag veröffentlichte sie eine entsprechende Stellungnahme. Eine Trennungsvereinbarung sei in Vorbereitung. Der Konflikt entzündete sich 2010 an der Burkafrage. Während TdF Deutschland ein Verbot anstrebt, ist die Schweizer Organisation dagegen. Das Fass zum Überlaufen brachte nun die aktuelle Kampagne von Terre des Femmes Schweiz und Aidshilfe Schweiz «Sexarbeit ist Arbeit – für die Rechte von Sexarbeitenden».

Prostitution sei nichts anderes als eine untolerierbare Ausbeutung der Frau, tönt es aus Deutschland. Die prominente feministische Schweizer Autorin Julia Onken unterstützt die deutsche Kritik. Einen pragmatischen Mittelweg, wie ihn TdF Schweiz sucht, existiert für sie nicht: «Verbote bringen ins Bewusstsein, dass hier Unrecht geschieht», sagt Onken. Sowohl die Verschleierung als auch die Prostitution hält sie mit unseren gesellschaftlichen Werten schlicht für unvereinbar.

Gibt es Frauen, die so was freiwillig tun?

Nadine Brändli von TdF Schweiz verteidigt die abweichende Haltung. TdF Schweiz stelle die Selbstbestimmung ins Zentrum: «Wenn eine Frau sagt, sie prostituiere sich freiwillig, können wir das nicht einfach beiseitewischen», sagt sie. Dasselbe gelte bei der Verschleierung. Dass dies eine ideale Vorstellung ist, die längst nicht überall der Realität entspricht, ist für Brändli klar. Doch mit einem Verbot verdränge man Frauen bloss aus dem öffentlichen Leben. Patriarchale Strukturen liessen sich auf diese Weise nicht durchbrechen.

Für Onken ist das Gegenteil richtig: «In diesem Zusammenhang von Selbstbestimmung zu sprechen, ist fahrlässig, ja diskriminierend.» Wer Berichte von Betroffenen lese, realisiere rasch, wie viel Gewalt hinter beiden Phänomenen stecke. Es brauche ein klares politisches Signal, dass die Schweiz dies ablehne. Dass TdF Schweiz und mit ihr viele andere politische Organisationen wie die SP-Frauen davor zurückschrecken, führt sie auf parteipolitische Scheuklappen zurück.

2019 wird in der Schweiz darüber abgestimmt, ob die Vollverschleierung verboten werden soll. Insbesondere Frauen bringt dies in die Zwickmühle: Lehnen sie die Volksinitiative ab, verraten sie feministische Grundwerte. Stimmen sie zu, folgt rasch der Vorwurf, sie liessen sich von Rechtspopulisten instrumentalisieren.

Hinter der Volksinitiative für ein Verschleierungsverbot steckt das Egerkinger Komitee, das tatsächlich rechtsaussen anzusiedeln ist. Onken, selbst politisch unabhängig, lässt sich darob nicht beirren: «Jede Frau, die selbstständig denkt, muss zu denselben Schlüssen kommen wie ich.»

Brändli von TdF Schweiz weist diese Unterstellung zurück. Der Schweizer Verein setze sich konsequent für Frauen ein. Im Umgang mit dem Gesichtsschleier hält sie den vom Bundesrat vorgeschlagenen Weg für zielführend. Dieser will jene bestrafen, die Frauen zur Vollverschleierung zwingen. Bei der Sexarbeit strebt der Verein arbeitsrechtliche Verbesserungen für Sexarbeiterinnen an.

Wer darf den Namen behalten?

Die Differenzen zwischen der Schweizer und der deutschen Frauenorganisation brachen auf, als die SVP in der Schweiz 2010 ein erstes Mal ein Verschleierungsverbot forderte. TdF Schweiz distanzierte sich davon. TdF Deutschland bekräftigte im Frühjahr 2018 in einem Positionspapier ihre gegenteilige Haltung.

Organisatorisch dürfte die Trennung unproblematisch sein, da die beiden Vereine eigenständig und finanziell unabhängig sind. Ungeklärt ist allerdings die Namensfrage. Der ältere und grössere deutsche Verein – er wurde 1981 gegründet und hat rund 2000 Mitglieder – erhebt Anspruch darauf, wie die linke deutsche «Tageszeitung» (TAZ) berichtet.

Brändli will den Verhandlungen nicht vorgreifen. Sie geht davon aus, dass diese sachlich verlaufen werden. TdF Schweiz gibt es seit 2003, aktuell zählt der Verein rund 350 Mitglieder. Christa Stolle, Geschäftsführerin von TdF Deutschland, kann noch nicht sagen, bis wann die Trennung vollzogen sein wird. Sie solle auch nicht als Schlammschlacht enden, betont sie. Es gebe immer noch viele Gemeinsamkeiten. Doch der Weg zurück ist verbaut: «Wir teilen die feministischen Grundwerte nicht mehr.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2018, 21:32 Uhr

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