Am Fussabdruck scheiden sich die Geister

Die Volksinitiative «Grüne Wirtschaft» orientiert sich am ökologischen Fussabdruck. Doch was man darunter verstehen kann, ist höchst umstritten.

Weniger Ressourcen verbrauchen – zum Beispiel mit Solarenergie (Symbolbild).

Weniger Ressourcen verbrauchen – zum Beispiel mit Solarenergie (Symbolbild).

(Bild: Keystone)

Der Verfassungstext zur Volksinitiative «Grüne Wirtschaft» ist zu einem grossen Teil schwammig geschrieben. So ist von allgemeinem «Fördern» die Rede oder von «möglichst wenig». Und mehrere Verbesserungsvorschläge folgen auf eine Kann-Formulierung.

In einem Punkt ist die Vorlage aber glasklar und knallhart: «Bis ins Jahr 2050 wird der ökologische Fussabdruck der Schweiz so reduziert, dass er auf die Weltbevölkerung hochgerechnet eine Erde nicht überschreitet.» Heute liegt der Vergleichswert der Schweiz gemäss Fachkreisen bei gut drei Erden. Ein Ja am 25. September würde also eine satte Reduktion um zwei Drittel nach sich ziehen.

Doch um was geht es genau? Das Prinzip ist simpel: Uns steht eine Erde mit einer bestimmten Menge an Ressourcen zur Verfügung. Manche können wir produzieren, manche erneuern sich. Wenn wir mehr verbrauchen, als die Erde hergibt, haben wir bald einmal zu wenig. Mit einem Fussabdruck von gut drei Erden wirtschaftet die Schweiz wie andere westliche Industrienationen bereits deutlich im roten Bereich.

So simpel das Prinzip erscheint, so schwierig ist es, das Durcheinander um den ökologischen Fussabdruck zu entwirren. Oft werden die Zahlen des Global Footprint Network als Massstab genommen. Es versucht mit seinen Publikationen im Internet eine Art Gesamtbilanz zu erstellen, die Auskunft über den Ressourcenverschleiss gibt. Doch ­etliche Fachleute halten diese Bilanz für unvollständig und entwickelten weitere Methoden.

So liegen Fussabdrücke vor, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Einen anderen Ansatz findet sich in einem Schweizer Papier, das sich an «Umweltbelastungspunkten» orientiert, es gibt auch OECD-Indikatoren zur grünen Wirtschaft oder eine bemerkenswerte Studie zu den neun wichtigsten Dimensionen planetarer Grenzen.

Nebst internationalen Ländervergleichen gibt es auch Internet-rechner, mit denen jeder Einzelne seinen individuellen Fuss­abdruck messen kann. WWF Schweiz bietet zum Beispiel eine lange und eine kurze Version an. Dabei geht es unter anderem um Konsumgewohnheiten (Freizeit, Unterhaltung, Kommunikation, Kleider, Möbel etc.), Ernährung, Wohnen (Wohnfläche, Energieverbrauch etc.), Mobilität (Benutzung Auto, Flugzeug etc.), Staat und Gesundheit (Verwaltung, Infrastruktur etc.). «Uns geht es darum, den Nutzern zu zeigen, wie sie sich verbessern können», sagt WWF-Sprecherin Corina Gyssler.

Präzise Kriterien fehlen

Jürg Liechti befürwortet einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Doch die Abstimmungsvorlage hält er für untauglich. Liechti ist Physiker und leitet die Neosys AG, ein Ingenieurbüro, das unter anderem in der Umweltberatung tätig ist und Ökobilanzen erstellt. «Der ökologische Fussabdruck enthält keinen präzisen Kriterienkatalog – es ist völlig offen, was die Verwaltung daraus machen würde.» Er befürchtet «schädlichen und praxisfernen Aktivismus» anstelle einer sinnvollen Förderung.

Liechti kritisiert, dass der ökologische Fussabdruck, auf den sich die Initianten berufen, nur einen Ausschnitt der gesamten Ökobilanz abdecke. Das Global Footprint Network versuche zwar je länger, je mehr Bereiche zu erfassen. «Doch je vollständiger die Berechnung wird, desto komplizierter und umstrittener ist sie auch.» Ursprünglich wurde nur mit Flächen wie zum Beispiel Landwirtschaftsland gerechnet, die eine bestimmte Produktionsmenge zulassen.

Doch die Umweltverschmutzung, die durch eine Kupfermine im Ausland entsteht, lässt sich so nicht erfassen. Beim oft gemachten Vergleich des Fussabdrucks mit der «Biokapazität» schneidet die Schweiz schon aufgrund ihrer hohen Siedlungsdichte schlechter ab als andere Länder, kritisiert der Experte.

Liechti verwirft den ökologischen Fussabdruck nicht in Bausch und Bogen: Als «plakatives Instrument zur Sensibilisierung von Bürgern» habe er durchaus seine Berechtigung. In der Verfassung sei er aber fehl am Platz.

Berner Zeitung

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