Zum Hauptinhalt springen

Als Flüchtlinge in Unterführungen und auf Bänken schliefen

Die Zahl der Menschen, die in der Schweiz um Asyl ersuchen, steigt an – und liegt doch noch weit tiefer als während des Kosovo-Kriegs. Ein Rückblick.

Asylsuchende in einem Notzelt, das bei der überfüllten Empfangsstelle in Kreuzlingen aufgestellt wurde (30. Oktober 1998).
Asylsuchende in einem Notzelt, das bei der überfüllten Empfangsstelle in Kreuzlingen aufgestellt wurde (30. Oktober 1998).
Christof Ruckstuhl, Keystone

Kreuzlingen, Oktober 1998. Das Empfangszentrum ist voll belegt. Einige Flüchtlinge schlafen in der Küche, andere werden gar abgewiesen, verbringen die Nacht im Freien, in Unterführungen und auf Bänken. «Die Asyl-Schande» titelte der «Blick».

Der Andrang von Flüchtlingen war damals wegen des Kosovo-Kriegs stark angestiegen. Rund 43'000 Asylgesuche registrierte die Schweiz 1998, im Jahr darauf waren es gar 47'513. Zum Vergleich: Für 2015 rechnet das Staatssekretariat für Migration mit 29'000 Asylgesuchen – deutlich mehr als letztes Jahr, aber immer noch klar weniger als während des Kosovo-Kriegs.

Angeheizte Stimmung

«Im Unterschied zu heute waren es damals praktisch Nachbarn, die in die Schweiz flüchteten», sagt Jean-Daniel Gerber, damals Direktor des Bundesamtes für Flüchtlinge (BFF, heute Staatssekretariat für Migration). Die Stimmung in der Bevölkerung sei zunächst zwar vergleichbar gewesen mit der heutigen, «vielleicht sogar noch angeheizter», sagt Gerber. «Doch als die Leute dann kamen, auch Mütter mit ihren Kindern, kehrte die Stimmung.»

Die Betroffenheit und das Engagement der Bevölkerung sei gross gewesen, sagt auch Urs Hadorn, der damals Kosovo-Sonderbeauftragter und BFF-Vizedirektor war. «Die Schweiz war viel offener gegenüber den Flüchtlingen als heute.» Ein Grund dafür sei die geografische und kulturelle Nähe der Flüchtlinge gewesen.

«Der Balkan gehört zu Europa, während die meisten Flüchtlinge heute aus Afrika und dem Nahen Osten stammen und damit kulturell weiter entfernt sind von uns», sagt Hadorn. Zudem sei die Schweiz offener, zu helfen, wenn Minderheiten betroffen seien, wie dies im Kosovo-Krieg der Fall war.

Zwar habe es auch kritische Stimmen gegeben, doch insgesamt habe eine Mehrheit die Flüchtlingspolitik unterstützt. «Die Anti-Asyltendenz war weniger ausgeprägt als heute», sagt Hadorn. Und in der Politik sei «nicht mit dem Zweihänder argumentiert» worden.

Solidarität schwindet

Etwas anders schildert der Genfer Nationalrat Ueli Leuenberger (Grüne) die damalige Situation: Er spricht von einer «Kampagne gegen Flüchtlinge» – jedes von Flüchtlingen begangene Delikt sei aufgebauscht worden. «SVP und Schweizer Demokraten gossen Öl ins Feuer», sagt Leuenberger, der 1996 in Genf die Albanische Volksuniversität gegründet hat.

Wie heute habe es auch damals Widerstand gegen die Eröffnung von Asylunterkünften gegeben. Mehrmals kam es sogar zu Anschlägen, unter anderem auf Unterkünfte im st.- gallischen Bronschhofen, im bernischen Steffisburg und in Rümlang im Kanton Zürich.

Gleichzeitig gab es laut Leuenberger aber eine grosse Solidaritätswelle. «Das ist ein grosser Unterschied zu damals: Die Solidarität mit den Flüchtlingen und Migranten ist heute viel kleiner, obwohl es diesen Menschen genauso schlecht geht wie damals.» Heute gebe es sehr wenige Leute und Organisationen, die sich politisch und auf dem Terrain für Flüchtlinge einsetzten, sagt Leuenberger. Der grüne Politiker schiebt die Schuld an dieser Entwicklung auch der SVP zu.

«Lösbares Problem»

In den späten 1990er-Jahren nahm die Schweiz damals im europaweiten Vergleich sehr viele Flüchtlinge auf. Von allen Asylgesuchen in Europa wurden 1998 satte 11,8 Prozent in der Schweiz gestellt. Vergangenes Jahr betrug der Anteil nur noch 3,8 Prozent.

Die rasche Zunahme an Asylsuchenden stellte die Behörden Ende der 1990er-Jahre vor Herausforderungen. Bei der Unterbringung habe es zwischenzeitlich Engpässe gegeben, insgesamt habe der Ansturm aber gut bewältigt werden können, sagt der ehemalige Kosovo-Sonderbeauftragte Hadorn im Rückblick. Die Flüchtlinge wurden hauptsächlich in regulären Asylunterkünften, Zivilschutzanlagen und Militärunterkünften untergebracht.

Zur Betreuung der Flüchtlinge wurden auch WK-Truppen aufgeboten. Einige Flüchtlinge wurden privat untergebracht – allerdings nicht sehr viele. Die private Unterbringung bringt laut Gerber einige Nachteile mit sich: Oft sei unklar, wie lange eine Familie bleibe, zudem stelle sich die Frage der Entschädigung. «Die private Unterbringung hat sich damals nicht sehr bewährt.»

Die Ankunft von vielen Flüchtlingen sei immer ein logistisches Problem, sagt Gerber. Dieses Problem sei aber lösbar, viel schwieriger sei die Rückkehr. Menschen müssten zurückgeschickt werden, obwohl sie sich integriert hätten, Familienangehörige würden bei der Rückkehr getrennt, sagt Gerber. «Die Rückkehr ist ein menschliches Problem, das viel schwieriger zu bewältigen ist.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch