Wer singt eigentlich die neue Hymne?

An den meisten 1.-August-Feiern wird der Schweizerpsalm gesungen und nicht der Alternativtext. Doch es gibt prominente Ausnahmen.

Spötter nennen ihn einen Wetterbericht: Den Schweizerpsalm.

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«Trittst im Morgenrot daher» – wer kennt den Text nicht, der am Mittwoch an den 1.-August-Feiern intoniert wird? Viele – muss die Antwort wohl lauten – kommen auswendig nicht über die ersten zwei Verszeilen des Schweizerpsalms hinaus. Dagegen sind unsere Fussballer geradezu Chorknaben.

Die Gründe für das distanzierte Verhältnis zu unserer Hymne sind bekannt: Der Text wurde erst am 1. April 1981 vom Bundesrat zum offiziellen Hymnentext ernannt, entspricht aber inhaltlich dem Zeitgeist kurz vor Gründung des Bundesstaats. Es ist ein Gebet, das aber im Unterschied zu vielen anderen Landeshymnen wenigstens ohne Kriegsgeschrei und Blut auskommt. Spötter sagen, die Schweizer Hymne sei ein Wetterbericht.

1. Strophe des Schweizerpsalms
Trittst im Morgenrot daher,
Seh' ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Nun gibt es seit 2016 eine aktuellere Version zur gleichen Melodie, die Schweizerstrophe. Diese dürfte allerdings bis heute noch einen höheren Unbekanntheitsgrad aufweisen: «Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund», lauten die ersten zwei Verse. Die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft (SGG), die jeweils die 1.-August-Feier auf dem Rütli organisiert, hatte den Text nach einem Wettbewerb 2016 zum inoffiziellen Hymnen-Gegenvorschlag gekürt.

20 Gemeinden singen die Strophe

Auf dem Rütli wird am Mittwoch zum dritten Mal in Folge neben dem offiziellen auch der inoffizielle Text zur Melodie von Alberik Zwyssig gesungen. Bundespräsident Alain Berset tritt an der Feier als Redner auf. Zudem wird der neue Text in einem dritten Umgang in Gebärdensprache übersetzt, während er von Barbara Klossner solo gesungen und von der Alphorn-Virtuosin Lisa Stoll gespielt wird.

Die Schweizerstrophe
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
Unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Offen für die Welt, in der wir leben,
Woll'n wir nach Gerechtigkeit streben.
Frei, wer seine Freiheit nützt,
Stark ein Volk, das Schwache stützt.
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
Singen alle wie aus einem Mund.

Von einem Durchbruch ist der neue Neun-Zeiler von Werner Widmer jedoch weit entfernt. Letztes Jahr sei der neue Hymnentext in gut 20 Gemeinden an der Bundesfeier gesungen worden, sagt SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger. Er hoffe, dass es dieses Jahr einige mehr würden.

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Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft verschickt seit 2016 jeweils an alle 2222 Gemeinden der Schweiz den neuen Hymnentext und bittet darum, diesen bei der Bundesfeier aufzulegen und zu singen. «Aber natürlich hängt es vor allem davon ab, ob der jeweilige Gemeindeschreiber das will», sagt Niederberger. Einen wichtigen Beitrag könnten die 200 Mitglieder des Unterstützungskomitees leisten, die sich 2014 hinter das Projekt eines zeitgemässeren Hymnentexts stellten. Unter ihnen finden sich zahlreiche Politiker.

Braucht weniger Speicherkapazität: Die neue Schweizer Hymne besteht nur aus einer Strophe. Video: Youtube / CHymne

Zu diesen gehört der Zürcher FDP-Nationalrat Beat Walti, der an der Bundesfeier in Zürich die 1.-August-Rede hält. Allerdings wird in der Stadt der rotgrünen Mehrheit der Schweizerpsalm gesungen. An der Feier seien offizielle Gäste geladen, und auch der Fahnenzug der Schweizer Armee nehme teil, lautet die Begründung.

Aus protokollarischen Gründen werde deshalb der offizielle Hymnentext gesungen, sagt Andreas Hess, Medienverantwortlicher der Zürcher Bundesfeier. «Es gibt nur eine Hymne, und die singen wir.» Beat Walti wünschte sich zwar einen eingängigeren Hymnentext, der bei den Leuten ankommt. Er sei allerdings bei der Frage «entspannt», sodass er auch mit dem alten Text feiern könne.

In Bern wird nur der neue Text gesungen

In der Bundesstadt steht hingegen als einem der wenigen Orte am Mittwoch nur der neue Text auf dem Programm. Das liegt an Regula Bühlmann, die als diesjährige Präsidentin des Stadtparlaments bestimmen konnte, welcher Text den Besuchern verteilt wird. Der neue Text entspreche ihren Erwartungen an die Schweiz mehr als die Vorstellungen, die dem alten Text zugrunde lägen, sagt die Vertreterin des Grünen Bündnisses.

Besonders angetan haben es linken Politikerinnen und Politikern die Zeilen vier und fünf: «Offen für die Welt, in der wir leben, lasst uns nach Gerechtigkeit streben!» Der Basler SP-Nationalrat Beat Jans findet den ganzen Text sorgfältig. Er vermittle alte Werte der Schweiz in einer verständlichen Sprache. Jedoch brauche es Zeit, bis sich die neuen Strophe etabliert habe.

Hymne verändern? Bundesrat sieht keinen Grund

Niederberger geht davon aus, dass es zehn Jahre braucht. Er ist aber nach wie vor überzeugt, dass es sich um einen zeitgemässen Text handelt, der die schweizerischen Werte wiedergibt. Dem Argument, wonach ein traditioneller Hymnentext eine Referenz an frühere Generationen und die Geschichte vermittelt, hält Niederberger entgegen, dass ein Text von den heutigen Bürgern verstanden werden sollte. Auch eine Firma erneuere ihr Leitbild nach 25 Jahren.

Die Berner SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen setzt sich seit langem für einen neuen Hymnentext ein. 2008 versuchte sie mit einem parlamentarischen Vorstoss den Bundesrat für das Vorhaben zu gewinnen. Doch dieser beschied ihr kurz und bündig, dass es keinen Grund gebe, die Hymne zu verändern. Deshalb wertet es Kiener Nellen als Erfolg, dass nun an einigen Orten zumindest neben dem Schweizerpsalm auch die Schweizerstrophe gesungen wird. Auch sie gibt sich optimistisch, dass sich der neue Text etabliert, aber das brauche Zeit.

SVP: Nur mit Volksabstimmung

SVP-Nationalrätin Yvette Estermann verlangte 2014 vom Bundesrat hingegen einen gesetzlichen Schutz des Schweizerpsalms, weil die Landeshymne ein wichtiges Symbol der Schweiz sei, das nicht nach Belieben geändert werden dürfe. Ihr Parteikollege Peter Keller wollte allfälligen Reformversuchen vorbeugen, indem er dem Bundesrat die Zusicherung abverlangte, eine neue Hymne dem Parlament nur mit einem referendumsfähigen Beschluss vorzulegen. Beidem erteilte die Landesregierung ebenfalls eine Absage, sicherte aber zu, dass sie eine neue Landeshymne nicht in eigener Kompetenz und nicht ohne Konsultation der Räte beschliessen werde.

Zudem verwies der Bundesrat auf die lange Einführungsphase des heutigen Textes. Bis 1961 hatte die Schweiz die gleiche Melodie wie England mit dem Text «Rufst du mein Vaterland». Diese Hymne wurde ersetzt durch Zwyssigs Komposition. Der Text, der Schweizerpsalm von Leonhard Widmer wurde aber vorerst nur provisorisch anerkannt. Darauf folgte eine Umfrage; 1965 wurde die provisorische Anerkennung bestätigt, diesmal unbefristet; das Provisorium liess der Bundesrat erst zehn Jahre später fallen. Falls es also dem neuen Text gleich ergehen sollte, dürfte der Schweizerpsalm noch lange währen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2018, 21:17 Uhr

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