«Waschmittelkissen sind für Kinder besonders spannend»

Unter 5-Jährige sind am häufigsten von Vergiftungen betroffen: Wo der Direktor des «Gifttelefons» die grössten Gefahren sieht.

Besonders häufig sind bei Kindern Vergiftungen mit Chemikalien (Symbolbild).

Besonders häufig sind bei Kindern Vergiftungen mit Chemikalien (Symbolbild). Bild: Urs Fluerler/Keystone

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Mami oder Papi kommen in die Küche, und da sitzt das Kind in einem See aus Putzmitteln, alles ist vollgeschmiert. Und dann kommen die Fragen: Hat es getrunken? War die Flasche zuvor voll? Wie viel ist noch am Boden? Über 18’200 Fälle von Giftkontakt bei unter 16-Jährigen registrierte Tox Info Suisse im vergangenen Jahr, wie dem Jahresbericht zu entnehmen ist. Mehrheitlich betroffen waren unter 5-Jährige. Häufig handelte es sich um Vergiftungen mit Chemikalien, eine besondere Gefahr geht von Tabs mit flüssigem Waschmittel, sogenannten Waschmittelkissen aus.

Wie erklären Sie sich, dass die meisten Giftkontakte Kinder im Vorschulalter betreffen?
Die kleinsten Kinder unter zwei Jahren sind noch nicht so mobil und geschickt – das ist das Alter der Fehlverabreichungen durch die Eltern. Die meisten Vergiftungen betreffen Kinder zwischen 3 und 5 Jahren. Sie kommen bereits überall hin, sind aber noch nicht vernünftig genug und nehmen nach wie vor vieles in den Mund. Der Spieltrieb macht dieses Alter allgemein gefährlich.

Inwiefern unterscheiden sich die Vergiftungsfälle der über 12-Jährigen im Vergleich zu den Kleinkindern?
Zwischen 12 und 16 Jahren beginnt das Vergiftungsverhalten, das jenem der Erwachsenen ähnlich ist. Hier kommt es eher zum Substanzmissbrauch, bis hin zu Suizidversuchen. Versehentliche Vergiftungen sind nicht mehr häufiger als bei Erwachsenen. Für den Rest des Lebens bleiben die beabsichtigten Vergiftungen häufiger als die unbeabsichtigten.

Was sind die grössten Gefahren für die 3- bis 5-Jährigen?
Die zwei grössten Gefahren sind Medikamente und Haushaltschemikalien. Seltener werden auch Pflanzen zur Gefahr – Beeren etwa oder der Rasenpilz unten im Garten. Ein Schlüsselelement für Vergiftungsunfälle ist die Erreichbarkeit des Giftes. Doch auch wenn man gefährliche Substanzen in der Höhe lagert oder sie wegschliesst: Kinder wachsen und sind erfinderisch.

Im vergangenen Jahr gab es mehr Fälle, in denen sich Kinder mit Haushaltschemikalien vergifteten. Warum?
Ich spekuliere: Möglich ist, dass neue Produkte eine Rolle spielen, die für Kinder attraktiver sind. Ein Beispiel sind Waschmittelkissen, die man direkt in die Waschmaschine legen kann und die sich dann auflösen. Die sind natürlich spannend für die Kinder: Bunt wie Bonbons, witzig anzufassen, elastisch. Sie laden richtiggehend zum Spielen ein. Das Problem: Das Waschmittel ist viel konzentrierter als in herkömmlicher Form und deshalb gefährlicher. Gelegentlich kommt es bei Ereignissen mit diesen Kissen zu Symptomen, die es mit einem normalen Waschmittel nicht gibt.

Symptome?
Wenn die Flüssigkeit ins Auge kommt oder verschluckt wird, sind die Reizsymptome ausgeprägter und führen bei kleineren Mengen zu Erbrechen und starken Augenreizungen. Es kommt auch vor, dass Kinder nach der Einnahme lethargisch wirken – gewisse Kissen enthalten einen Zusatzstoff, der sie schläfrig macht.

Haben solche Ereignisse Spätfolgen?
Normalerweise nicht, vorausgesetzt, die auftretenden Symptome werden angemessen behandelt. Die Kinder erholen sich. Das ist etwas anderes bei ätzenden Substanzen, die bei Kontakt mit den Augen, der Haut oder der Speiseröhre das Gewebe zerstören und bleibende Schäden verursachen können.

Gibt es bezüglich dieser Kissen Entwicklungen?
Ja. Die Vorschriften werden laufend strenger. So müssen die Waschmittelkissen mittlerweile beispielsweise mehr Druck aushalten, bevor sie platzen. Dies ist wichtig, da Kinder in diesem Alter bereits kräftige Zähne haben.

Worauf ist bei der Aufbewahrung dieser Waschmittelkissen zu achten?
Die Mehrheit kommt nun in Behältern mit Dreifachverschluss, die ein Kind praktisch nicht öffnen kann. Darauf sollte man beim Kauf achten. Wie bei allen gefährlichen Substanzen sollte man sie zudem möglichst hoch oben und eingeschlossen aufbewahren. Weiter scheint es mir wichtig, dass man Kindern die Tabs nicht gibt, um sie in die Waschmaschine zu werfen. Sonst bringt man sie auf schlechte Ideen. Ähnlich ist es bei Medikamenten: Auch diese sollte man idealerweise nicht in der Nähe von Kindern einnehmen. Damit ist das Kind nicht versucht, die Handlung nachzuahmen.

Anfang Jahr machte in den sozialen Medien die sogenannte Tide-Pot-Challenge die Runde. Also Teenager, die sich gegenseitig herausforderten, Waschmittelkissen zu essen und sich dabei zu filmen. Wie beurteilen Sie den Trend?
Dieser ist glücklicherweise wieder etwas verschwunden. Das Grundproblem war jedoch nicht toxikologischer Natur, sondern geprägt von den sozialen Medien. Da gibt es immer wieder neue Filmchen mit gefährlichem Nachahmungseffekt. Ein weiteres Beispiel neben dieser «Waschmittel»-Challenge ist das Zimtexperiment, bei welchem Jugendliche Löffelweise Zimt einnehmen und dabei fast ersticken.

Was ist die toxikologische Gefahr der Waschmittel-Challenge?
Die Gefährlichkeit bleibt gleich, wie bei kleinen Kindern: einerseits Bauchschmerzen und Erbrechen. Die Jugendlichen können sich aber auch am Waschmittel verschlucken. So kann es in die Lunge gelangen und dort zu einer Lungenentzündung führen.

Der Waschmittelhersteller warnt vor der Challenge.

Bei Kindern besteht eine besondere Gefahr einer Paracetamol-Überdosis. Weshalb?
Paracetamolhaltige Medikamente kommen in jedem Haushalt vor. Weil kleine Packungen rezeptfrei erhältlich sind, haben viele Leute das Gefühl, es könne kein gefährliches Medikament sein. Dies führt teilweise zu einem zu sorglosen Umgang damit.

Worauf sollen Eltern bei der Paracetamolabgabe achten?
Für jede Altersklasse gibt es eigene Tabletten und Zäpfchen mit eigenen Dosierungsempfehlungen. Wichtig ist es, diese einzuhalten. Bei Unsicherheit sollten Eltern beim Arzt oder in der Apotheke nachfragen.

Wann sollten sich besorgte Eltern bei Ihnen melden?
Sobald sie sich nicht sicher sind, ob das Kind etwas Gefährlichem ausgesetzt war oder nicht. Ein Anruf ist schnell gemacht und sichtlich einfacher als der Besuch beim Arzt oder im Spital. Wir geben gerne Auskunft und sind auch nicht wütend, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass es bloss eine Lappalie war.

Was dient der schnellen toxikologischen Beurteilung von Kindern im Notfall?
Es ist sinnvoll, wenn die Eltern das Produkt zur Hand haben, damit wir die Inhaltsstoffe zügig scannen können. Dann fragen wir sicherlich die Symptome ab und versuchen in einem ersten Schritt herauszufinden, wie viel eingenommen oder ins Auge gewischt wurde. Zuletzt stellt sich noch die Frage, wie lang der Vorfall her ist.

Sie selbst haben drei erwachsene Kinder. Mussten sie ihretwegen auch einmal die die Notfallnummer 145 wählen?
(lacht) Glücklicherweise sind sie nicht mehr in einem gefährlichen Alter. Aber ja, wir wählten auch ein-, zweimal den Notruf. Einmal haben wir für die Ferien gepackt und alles bereitgelegt. Da hat sich eines unserer Kinder ein Medikament geschnappt und geschluckt.

Die meisten Leute mit kleinen Kindern werden uns irgendwann einmal brauchen. Wegen Putzmittel oder Gas am Herd oder Waschmittel. Die Kinder sind oft von morgens bis abends in der Nähe von gefährlichen Substanzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 20:27 Uhr

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Hugo Kupferschmidt arbeitet seit 1996 bei der Stiftung Tox Info Suisse (ehemals Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum), seit 2004 als deren Direktor. Zudem ist er Lehrbeauftragter an den Universitäten Zürich, Basel und Genf.

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