K.-o.-Opfer

Die Zuger Affäre ist um ein Kapitel reicher: Der Verdacht auf K.-o.-Tropfen lässt sich nicht erhärten. Die grüne Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin glaubt an eine politische Intrige.

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Michèle Binswanger@mbinswanger

Vieles bleibt unklar im angeblichen Zuger Sexskandal, der bislang vor allem von Gerüchten, Halbwahrheiten und Dementis lebte. Nun ist eines sicher: Der Nachweis, dass K.-o.-Tropfen im Spiel waren, wurde nicht erbracht. Weder die Blutuntersuchung noch die Haaranalyse bestätigten den Verdacht, dass bei ihrem Techtelmechtel mit SVP-Politiker Markus Hürlimann etwas anderes als Alkohol wirksam war.   Wesentliche Fragen bleiben offen: Wie gelangte die Information an die Medien? Wer äusserte den Verdacht auf Einsatz von K.-o.-Tropfen zuerst? Und welcher Art waren die Verletzungen von Jolanda Spiess-Hegglin, als sie sich am Sonntagmorgen mit Unterleibsschmerzen ins Spital begab? Diese Verletzungen, so hiess es, hätten das Kantonsspital Zug veranlasst, eine Meldung an die Staatsanwaltschaft zu machen. Der Verdacht lautete: sexueller Missbrauch.   Das Kantonsspital Zug schweigt darüber, wie dieser Verdacht entstand und wie die Staatsanwaltschaft davon erfuhr. Die Art der Verletzungen unterliegt dem Arztgeheimnis. Denkbar ist aber, dass es keine objektivierbaren Blessuren waren, die den Arzt zum Handeln bewegten, sondern dass er sich auf die Aussagen von Frau Spiess-Hegglin berief.

Sie vermutet eine politische Intrige

Was wir umso klarer wissen, ist, wie die Sache weiterlief: Die Affäre wurde publik, SVP-Kantonsrat Markus Hürlimann wurde der Schändung verdächtigt. Er wies die Vorwürfe zurück und entschuldigte sich gleichzeitig für sein «Fremdküssen». Auf Druck seiner Partei trat er vom Amt als Kantonal­präsident der Zuger SVP zurück.   Ganz anders Spiess-Hegglin. Sie ging in die mediale Offensive, machte ihren Fall zu einer Sache der Frau, den es «politisch aufzuarbeiten» gelte. Sie sprach über die sexuelle Waffe der K.-o.-Tropfen und davon, dass Frauen vor dem geschützt werden müssten, was sie jetzt selber durchmache. In einem Interview mit dem TA sagte sie: «Als politisch denkende Person habe ich das Bedürfnis zu sagen: Leute, so was kann man mit uns Frauen nicht machen! Man darf nicht einfach eine Frau mit einer Substanz betäuben, missbrauchen und anschliessend ihr die Schuld geben.»   Der neue Befund schwächt ihre Version der Geschichte: Es bleiben zwei denkbare Möglichkeiten: Entweder war sie so betrunken, dass sie sich tatsächlich an nichts mehr erinnerte – dann ist sie am anderen Tag aber wohl nicht – wie sie behauptet – mit klarem Kopf erwacht. Oder sie konnte sich sehr wohl an die Nacht erinnern – dann würde die Rede von ihrem Filmriss nicht stimmen. Sie hält gegenüber TA an ihrer Version fest und glaubt, das Opfer einer politischen Intrige zu sein. Beweise gibt es dafür keine.   Das wäre alles verzeihlich und verständlich und müsste uns nicht kümmern, ginge es hier nur um eine private Affäre. Sie hat aber selber dafür gesorgt, dass sie das nicht mehr ist - und nicht zum Nutzen der Frauen. Der Skandal und seine Ungereimtheiten führten dazu, dass Missbrauch, unter­stützt von K.-o.-Tropfen, generell in Verdacht geriet. Die negative Haaranalyse wird das noch verstärken – solange sie ihre Version nicht belegen kann.  

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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