Die Pädophilen-Initiative geht Kinderschutzverbänden zu weit

Kinder- und Jugendschutzverbände unterstützen die Pädophileninitiative nicht. Ein lebenslanges Tätigkeitsverbot für verurteilte Straftäter sei unverhältnismässig und nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Sie fordern eine Präventionsstrategie auf Bundesebene.

Bis zu 85 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle geschehen im nahen sozialen Umfeld – in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis.

Bis zu 85 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle geschehen im nahen sozialen Umfeld – in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis. Bild: Keystone

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Eigentlich, denkt man, müssten sich Kinderschutzorganisationen für die Annahme der Pädophileninitiative starkmachen. Doch dem ist nicht so. «Die Initiative hat die politische Diskussion rund um das Tätigkeitsverbot von verurteilten Straftätern massgeblich verstärkt», sagt Flavia Frei von der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Doch gleichzeitig sei die Initiative «begrifflich unklar und verletzt in ihrer Absolutheit rechtsstaatliche Prinzipien». Im Klartext: Ein lebenslanges Tätigkeitsverbot in der Verfassung zu verankern, unabhängig von der Schwere und den Umständen der Tat, geht dem Kinderschutz Schweiz zu weit.

So dürfte gemäss Initiative etwa ein 20-Jähriger, der mit einer 15-Jährigen knutscht und dafür korrekterweise verurteilt wird, nie mehr Kinder unterrichten oder trainieren, obwohl der Fall nichts mit Pädophilie zu tun hat. Nicht der Einzelfall würde beurteilt, vielmehr käme ein Automatismus zum Zug. Dass die Strafe der Tat und deren Umständen angemessen sein müsse – das sogenannte Prinzip der Verhältnismässigkeit –, sei jedoch in Bezug auf die Menschenrechte wichtig, betont Flavia Frei. «Wenn wir nun beginnen, die Menschenrechte auszuhöhlen, ist es nur ein kleiner Schritt, bis auch die Kinderrechte verletzt werden.»

Sehr hohe Dunkelziffer

Deshalb bevorzugt der Kinderschutz Schweiz klar das als indirekter Gegenvorschlag diskutierte Bundesgesetz. Dieses regelt nicht nur das Tätigkeitsverbot, sondern auch das Rayon- und Kontaktverbot, das die möglichen Opfer vor wiederholter Gewalt in der Familie schützt. Wichtig für Frei ist, dass das Gesetz auch nicht sexuelle Gewalt an Kindern wie Misshandlung oder Vernachlässigung regelt. Das Bundesgesetz wird Anfang 2015 in Kraft treten. «Wird die Initiative angenommen, muss es revidiert werden, und damit wird sich alles, was in unserem Sinn ist, um einige Jahre verzögern», moniert Frei.

Sie gibt ausserdem zu bedenken: «Die wenigsten Übergriffe auf Kinder werden von verurteilten Straftätern begangen.» Bis zu 85 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle geschehen im nahen sozialen Umfeld – in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis. Sehr oft seien auch Kleinkinder betroffen. 2012 wurden in Schweizer Kinderspitälern 243 Kinder im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch behandelt – das sind fast 5 Kinder pro Woche. In 45 Prozent der Fälle war der Täter oder die Täterin ein Familienmitglied. Gemäss Opferhilfestatistik Schweiz wurden 2012 betreffend Verletzung der sexuellen Integrität von Minderjährigen 3730 Beratungen durchgeführt. Im selben Jahr wurden 270 Urteile rechtskräftig. Man geht jedoch von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. Gemäss Studien ist jedes 4. bis 5.Mädchen und jeder 7. bis 10.Junge betroffen.

Prävention uneinheitlich

Deshalb ist es für den Kinderschutz Schweiz zentral, neben dem Gesetz, das erst greift, wenn ein Missbrauch geschehen ist und der Täter verurteilt wurde, die Prävention zu stärken. «Heute ist in Schulen, Heimen oder Fussballklubs Prävention zwar ein Thema, aber nicht jeder Sportverein oder jede Kita hat tatsächlich eine Kontaktperson in Sachen Prävention.» Rund tausend Schulen bieten jährlich ein Präventionsangebot für die 2. oder die 3.Klasse an.

Dieses besteht hauptsächlich aus einer interaktiven Ausstellung, konzipiert vom Kinderschutz Schweiz. Kinder, Eltern und Lehrpersonen werden für die Thematik sensibilisiert. «Allerdings sind die Präventionsmassnahmen von Kanton zu Kanton, von Institution zu Institution sehr unterschiedlich», sagt Frei. «Deshalb wünschen wir uns, die Prävention auf nationaler Ebene zu verankern.» Es müsse auch klar und einheitlich geregelt sein, welche Bedingungen Institutionen, die mit Kindern arbeiteten, diesbezüglich erfüllen müssten.

Heikles Thema in Sportklubs

Die Fachstelle Mira, die sich gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern in Freizeitinstitutionen wie Sportklubs oder der Pfadi engagiert, unterstützt die Pädophileninitiative ebenfalls nicht – aus denselben Gründen wie der Kinderschutz Schweiz. Für Geschäftsführerin Janine Graf ist Prävention ein zentrales Anliegen. «Sexueller Missbrauch ist für viele Freizeitorganisationen nach wie vor ein schwieriges Thema», sagt Graf. Oft höre sie den Satz: «Das kann bei uns nicht passieren, weil wir die Menschen, die bei uns arbeiten, gut kennen.» Leider sei dies, so Graf, ein Trugschluss, weil gerade Täter und Täterinnen sehr gut integrierte, beliebte Bezugspersonen seien.

Kommt hinzu, dass sexueller Missbrauch von Kindern laut Graf «nach wie vor ein Tabuthema ist». Sie spricht von verunsicherten Trainern, die Angst haben, unter Generalverdacht zu stehen. «Deshalb ist es wichtig, ein Bewusstsein nicht nur für das Gefahrenpotenzial zu wecken, sondern auch dafür, was gesunde Kontakte sind», führt Graf aus. Auf diese Erkenntnis seien auch die Präventionsbemühungen der Fachstelle Mira ausgerichtet.

Damit sexueller Missbrauch von Kindern öfter verhindert werden könne, müsse unsere Gesellschaft umdenken. «Wir brauchen eine offene Gesprächskultur, in der Verdachtsmomente angesprochen werden können.» Die meisten Freizeitinstitutionen seien heute für das Thema sensibilisiert, «aber von der Umsetzung einheitlicher Präventionsmassnahmen sind wir noch weit entfernt», ist Graf überzeugt. Wie der Kinderschutz Schweiz fordert deshalb auch die Fachstelle Mira ein nationales Kinderschutzprogramm. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.04.2014, 10:05 Uhr

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