Anonyme Geburt im Ausland seit Jahren

Politiker fordern die anonyme Geburt in Schweizer Spitälern. In Deutschland ist dies seit acht Jahren möglich - und hat einen heftigen Streit ausgelöst.

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Seit im Babyfenster in Einsiedeln letzte Woche zum vierten Mal eine Frau ihr Kind abgegeben hat, ist in der Schweiz die Forderung nach der anonymen Geburt wieder aktuell. Mehrere Nationalräte wollen das Anliegen im Herbst aufs Tapet bringen.

In den Nachbarländern gibt es die Möglichkeit, ohne Preisgabe der Identität zu gebären und das Kind dann zur Adoption freizugeben, seit Jahren. In Deutschland ist sie zwar nicht ausdrücklich erlaubt. Dank einer Gesetzeslücke bieten jedoch rund 130 Spitäler die anonyme Geburt an, wie Judith Stiess vom Verein Sternipark sagt. Die Organisation hat im Jahr 2000 in Deutschland die erste anonyme Geburt durchgeführt. «Jährlich kommen in Deutschland mehrere Hundert Kinder anonym zur Welt», schätzt Stiess. Allein Sternipark hat in den letzten acht Jahren über 300 Frauen betreut. Dabei muss eine Mutter, die anonym gebar, nicht anonym bleiben: «Über 60 Prozent der Mütter haben sich nach der Geburt gar entschieden, ihr Kind zu behalten», sagt Stiess.

Nur eine Mutter blieb anonym

Viele der übrigen Mütter entschieden sich nach einigen Tagen, ihre Identität bekannt zu geben. Ihre Kinder können so später erfahren, von wem sie abstammen. «In den letzten drei Jahren ist nur eine einzige Mutter bei uns anonym geblieben», erzählt Stiess. Die Geheimhaltung helfe vor allem, eine kurzfristige Notlage zu lindern.

Dennoch ist in Deutschland ein heftiger Streit um die anonyme Geburt entbrannt: «Die Spitäler erhöhen die Anzahl der Findelkinder», kritisiert Michael Heuer von Terre des Hommes. Zudem bezweifelt das Hilfswerk, dass mit der anonymen Geburt die Anzahl Kindestötungen zurückgegangen sei. Aus Presseberichten zusammengestellte Zahlen scheinen dies zu belegen. In der Vergangenheit schwankte die Zahl der getöteten Babys zwischen 17 und 32 pro Jahr - ohne Rückgang seit 2000.

Stiess hingegen ist überzeugt: «Die anonyme Geburt hilft, Leben zu retten.» Sie helfe Mütter in extremen Situationen, unter medizinischer Aufsicht ein Kind zu gebären. Gäbe es diese Möglichkeit nicht, würden die Frauen selber entbinden. «Dabei ist die Gefahr hoch, dass die Kinder sterben», erklärt Stiess. So gab es in Deutschland Fälle von Frauen, die ihr Kind selber auf die Welt brachten und dann in ein Babyfenster legen wollten. Die Kinder starben jedoch bei der Geburt. «Deshalb ist die anonyme Geburt in jedem Fall besser als ein Babyfenster», sagt Stiess.

In Deutschland haben Politiker vergeblich versucht, die anonyme Geburt gesetzlich zu regeln. Die Spitäler machen sich nun einfach eine Gesetzeslücke zu Nutze, damit sie straffrei bleiben. Die schwangere Frau meldet sich unter falschen Namen an. Die Ärzte sind zwar dazu verpflichtet, Geburt und Name zu melden. Sie müssen die Angaben aber nicht überprüfen.

Gerichte stützen Anonymität

In Frankreich hat die anonyme Geburt eine jahrzehntelange Tradition. Jede Frau kann unter Berufung auf das Zivilgesetzbuch verlangen, dass ein Spital ihre Niederkunft geheim hält. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrecht hat diese Praxis 2003 gutgeheissen. Damals klagte eine 37-jährige Frau, die vom Staat Auskunft über ihre Mutter gefordert hatte. Die Richter befanden, dass die anonyme Geburt nicht gegen den Schutz der Familie und der persönlichen Identität verstösst, die in der Europäischen Menschenrechtskonvention festgehalten ist.

Bereits zwei Jahre früher veröffentlichte das österreichische Bundesjustizministerium einen Erlass, der das anonyme Gebären ermöglicht. Eine Änderung der Gesetze nahm das Ministerium zwar nicht vor. Die anonyme Geburt ist aber seither straffrei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2008, 15:37 Uhr

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