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Überraschender LändervergleichSchweiz erholt sich am schnellsten von der Corona-Krise

Die wirtschaftlichen Aktivitäten haben in wichtigen Bereichen bereits über 90 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht. Damit steht das Land im internationalen Vergleich erstaunlich gut da.

Im Dienstleistungssektor ist die Schweiz schon fast wieder auf Wachstumskurs: Kunden auf Einkaufstour nach der Wiederöffnung der Baumärkte im April.
Im Dienstleistungssektor ist die Schweiz schon fast wieder auf Wachstumskurs: Kunden auf Einkaufstour nach der Wiederöffnung der Baumärkte im April.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Derzeit verdoppelt sich die Zahl der Corona-Infektionen in der Schweiz knapp jede Woche. Das weckt Befürchtungen vor einer zweiten Welle der Pandemiegenau in dem Moment, in dem die Wirtschaft nach dem starken Einbruch wieder richtig Fahrt aufgenommen hat. Die wirtschaftliche Aktivität erreichte letzte Woche bereits über 93 Prozent des durchschnittlichen Niveaus der vergangenen drei Jahre.

Das zeigt eine Analyse von Echtzeitdaten der Genfer Privatbank Lombard Odier. Sie beobachtet Zahlen aus den sieben Kategorien Importe, Exporte, Mobilität, Detailhandel, Lebensmittelverbrauch, Anwesenheit am Arbeitsplatz und Luftverschmutzung in der Produktion. Zusammengenommen ergibt dies ein aktuelles Bild über den Stand der Erholung der Wirtschaft im Vergleich zum Durchschnitt der drei Jahre vor der Krise.

«Echtzeitdaten ermöglichen uns neue Einsichten in den Zustand der Wirtschaftviel schneller, als das mit den herkömmlichen offiziellen Konjunkturindikatoren möglich wäre», sagt Stéphane Monier, Chief Investment Officer von Lombard Odier. «Das ist in dieser Krise besonders wertvoll.»

Schnellere Daten zur Einschätzung der Lage

Neue Technologien ermöglichen die ständige Übermittlung von Positionsdaten von Containerschiffen oder die Messung der Bewegungen und Aktivitäten von Smartphone-Benutzern. Zusammengeführt lassen die Daten Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern und mit den Zeiten vor der Krise zu, wie sie früher nicht möglich waren. «Diese Pandemie ist ein Test für den Wert von Big Data», sagt Monier.

Gemäss den neuesten Daten ist die wirtschaftliche Normalisierung in der Schweiz weiter fortgeschritten als in den anderen Ländern. Das Aktivitätsniveau hat Ende vergangener Woche 93,6 Prozent des Vorkrisen-Niveaus erreicht. Damit hat die Schweiz die beiden bisherigen Vorreiter in Asien, China und Südkorea, knapp überholt. Von den untersuchten Industrieländern erholt sie sich am schnellsten.

Deutschland und Frankreich nähern sich 87 Prozent, Italien steht bei knapp 82 Prozent. Die USA haben 80 Prozent überschritten, doch nun müssen vielerorts die Lockerungsschritte rückgängig gemacht werden, weil die Zahl der Ansteckungen und Todesfälle steil ansteigt.

Auch die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich erwartet, «dass sich die Wirt­schaft in der Schweiz schnel­ler er­ho­len dürf­te als in den an­gren­zen­den Län­dern». Ihr Konjunkturbarometer stieg nach starken Rückgängen in den Monaten März bis Mai im Juni erstmals wieder deutlich an.

Der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor hat sich von seinem Absturz während des wirtschaftlichen Stillstands beinahe erholt. «Die Geschäftstätigkeit und die Zahl der Aufträge nehmen sogar wieder zu», meldet der Fachverband für Einkauf und Supply-Management Procure.ch. Auch bezüglich Investitionen seien «Silberstreifen am Horizont zu erkennen».

Im Juni kamen rund 24500 neue Personenwagen auf die Strasse, damit wurde zum ersten Mal im laufenden Jahr die Schwelle von 20000 übertroffen. Die Bestellungseingänge hätten sich «seit Wiedereröffnung der Showräume am 11. Mai durchaus erfreulich entwickelt», meldet Auto Schweiz, die Vereinigung der offiziellen Autoimporteure.

Aktivitätsdaten stützen die Börse

In den vergangenen drei Monaten sind die meisten Börsen um 10 bis 30 Prozent gestiegen, trotz der wohl schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Die vergleichsweise rasche Erholung, die sich im Aktivitätsindex von Lombard Odier zeigt, vermag wohl einen Teil dieser Bewegung zu erklären.

Ein weiterer Grund liegt in den umfangreichen Stützungsmassnahmen der Staaten und den riesigen Geldspritzen der Zentralbanken. «Dagegen sieht der Marshallplan heute lächerlich klein aus», sagt Stéphane Monier.

Die Risiken bleiben hoch

Aber der Aktivitätsindikator ist keine Prognose. Bis die Wirtschaft wieder voll auf Kurs ist, kann es lange dauern. So sind manche Branchen wie der Tourismus, das Fluggeschäft, das Gastgewerbe und die Veranstaltungsbranche weit von einer Normalisierung entfernt.

International ist der Tiefpunkt der Krise noch nicht erreicht. Für die stark exportabhängige Schweizer Konjunktur bedeutet die schwache Nachfrage aus der übrigen Welt eine Belastung.

So bleiben unwägbare Risiken bestehen, vor allem aber die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie. Niemand weiss, wie sie sich entwickelt, wie die Unternehmen damit umgehen und wie sich die Konsumenten verhalten werden.

So erscheint derzeit der Ausbruch einer zweiten Infektionswelle wahrscheinlicher als ein medizinischer Durchbruch dank eines Impfstoffs oder einer wirksamen Behandlung der Krankheit.