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Kommentar zur Super-League-SaisonSchräg wars – und nun steht der Schweizer Fussball auf der Kippe

So unterhaltsam war lange keine Saison der Super League mehr. Das Coronavirus aber wird den Schweizer Profifussball nachhaltig verändern.

So sieht dann wohl eine Geistermeisterfeier aus. YB-Trainer Gerardo Seoane bedankt sich nach dem Titelgewinn bei einer leeren Gästekurve im Stade de Tourbillon.
So sieht dann wohl eine Geistermeisterfeier aus. YB-Trainer Gerardo Seoane bedankt sich nach dem Titelgewinn bei einer leeren Gästekurve im Stade de Tourbillon.
Foto: Keystone/Alessandro della Valle

Schräg war sie, diese Saison der Super League, die mehr als zwölf Monate gedauert hat. Mit stillen Stadien, mit ausgelaugten Spielern und einem FC Zürich, der in Quarantäne gehen musste.

Irgendwie war es aber auch eine schöne Saison. Selbst wenn als grösste Überraschung bleibt, dass es dann doch keine Überraschung gegeben hat. Trotz euphorisierender St. Galler. Und trotz deprimierendem Coronavirus.

Die Young Boys sind der Meister, auf den alle getippt hatten. Der FCZ ist und bleibt der FCZ: Mal so euphorisch wie das Gefühl am ersten Frühlingstag im März, meist aber so konstant wie das darauffolgende Wetter im April. Der FC Basel bestätigt die Tendenz unter Besitzer Bernhard Burgener. Auf dem Feld zeigt die Kurve nach unten. Dafür geht es daneben nicht nur drunter, sondern oft auch drüber. Und wer ist schockiert, dass ein Xamax ohne Vision und Plan absteigt?

Ruhe gegen Panik: Der FC Thun hielt stets an Trainer Marc Schneider fest, Xamax wechselte einen Monat vor dem Saisonende den Coach aus und steigt trotzdem ab.
Video: SRF

Wer bösartig sein will, der erklärt die lange anhaltende Spannung im Meisterrennen mit dem gesunkenen Niveau der Spieler. Und ja, die Liga lebte auch davon, dass YB nicht mehr so gut besetzt war wie letzte Saison.

Aber die Clubs haben auch eine Wende vollzogen. Am Ende der letzten Spielzeit waren nur gerade zwei Trainer länger als ein Jahr im Amt gewesen: Marc Schneider in Thun und Ludovic Magnin in Zürich. Derzeit arbeiten immerhin sechs Coaches zwei Jahre oder länger am selben Ort.

Diese Statistik kann bald wieder anders aussehen. Weil Gerardo Seoane nach zwei YB-Titeln in Serie seine Koffer für eine Auslandsreise vorbereiten dürfte. Und weil Marcel Kollers Zeit in Basel enden wird. Wobei – wer weiss das schon so genau, solange beim FCB Präsident Burgener das letzte Wort hat?

An Tagen wie diesen: Wenn der FC Basel seine besten elf Spieler auf dem Feld hat und der Gegner auch mal die Offensive sucht, ist das Team zu Grossem fähig. Wie beim 3:0 in Frankfurt. Mit der zweiten Garde gegen defensive Teams? Eher nicht.
Video: SRF

Aber die längere Verweildauer der Trainer tat dem gezeigten Fussball gut. Und das war der zweite Grund, warum YB so lange auf seine Geistermeisterfeier warten musste: Nach einer taktisch grausamen Saison 2018/19 hatten wieder mehr Teams eine klare Spielidee.

Nirgendwo war das besser zu sehen als beim FC St. Gallen. Dort liess Peter Zeidler in seinem zweiten Amtsjahr einen Fussball spielen, der in seinen besten Momenten intensiver war als alles, was man bislang in der Schweiz zu sehen bekommen hat. Aber auch Alain Geigers Servette zeigte als Aufsteiger einen aufregenden, inspirierten Offensivfussball. Magnins erratischer FCZ? Muss als Ausnahme gelten, die die Regel bestätigt.

Es ist müssig, darüber zu diskutieren, ob am Ende die Pandemie einen Überraschungsmeister aus der Ostschweiz verhindert hat. Klar ist, dass Covid-19 den Fussball weiter prägen wird. Ohne Fans in den Stadien werden die Schweizer Clubs spätestens im Spätherbst in schwere Nöte geraten. Ein Drittel ihrer Einnahmen generieren die Vereine der Super League im Schnitt über Zuschauer. Pro Saison sind das über 70 Millionen Franken, die fehlen. Dazu sind in Corona-Zeiten auch weniger Einnahmen via Transfers zu erwarten.

Ein Schritt, der die Meisterschaft mit entschieden hat. Lawrence Ati Zigi löst sich zu früh von der Linie, Guillaume Hoarau darf danach noch einmal antreten – und erzielt das 3:3 für die Young Boys in St. Gallen.
Video: SRF

Der Geldmangel dürfte den Schweizer Profifussball nachhaltig verändern. Selbst dann, wenn die Clubs doch noch auf die insgesamt 200 Millionen Franken an Notkrediten des Bundes Zugriff erhalten. Bislang sind diese an derart hohe Bedingungen geknüpft, dass die Vereine zurückschrecken. So soll etwa die Liga solidarisch für geplatzte Darlehen eines Vereins haften.

Geschieht kein kleineres Wunder, etwa in Form einer Corona-Impfung, wird es nur eine Losung geben: sparen, sparen, sparen. Wohl eher früher als später geht es dann nur noch darum, die hervorragende Schweizer Nachwuchsarbeit durch die Pandemie zu retten.

Gut möglich also, dass der FCZ ein Trendsetter war, als er wegen seiner Quarantäne in Basel mit der U-21 angetreten ist. Die Super League könnte rascher als vermutet zur Nachwuchsmeisterschaft werden.