Schöne, heile Welt

Wie Randständige es schaffen, uns sozial Angepasste aus der Komfortzone zu reissen.

Michael Bucher@MichuBucher

Haben Sie nicht manchmal auch das Bedürfnis, in der Öffentlichkeit unangepasstes Verhalten an den Tag zu legen? Also zum Beispiel während der Abschiedsrede eines langjährigen und verdienstvollen Mitarbeiters vor gefülltem Saal nach vorne zu schreiten, dem Mann dankend auf die Schulter zu klopfen und ins Mikrofon zu sagen: «Danke Henä, deine Verdienste in Ehren, aber ich glaube, jetzt ist gut mit der Selbstbeweihräucherung. Wollen wir uns nicht wichtigeren Dingen widmen, etwa der Zwangsbeschneidung von Mädchen in Nordafrika?»

Oder der übermässig freundlichen Verkäuferin im Nespresso-Shop auf die Frage, ob sie den Kaufbeleg mit der Kreditkartenquittung zusammenbostitchen dürfe, laut brüllend antworten: «Neeeeeein! Oh Gott, neiiiin! Ich hasse es, wenn ihr das macht!»

Es gibt einen Menschenschlag, der es vorzüglich beherrscht, uns sozial Angepasste aus der Komfortzone zu reissen – Randständige. Es trifft uns meist unerwartet, etwa, wenn wir in Bern in einem Bus oder Tram Platz genommen haben. Da taucht plötzlich «Güggu» mit Hund und Gitarre auf und grölt seine sozialkritischen Lieder durch den Bus. Diese sollen uns Privilegierten einen Spiegel vorhalten. Und was machen wir? Wir glotzen auf unser Smartphone und hoffen, dass wir die Haltestelle erreichen, bevor der trällernde Aussteiger mit seinem Hut vor uns steht.

Konfrontiert mit der ungefilterten Ehrlichkeit von der Strasse, verfallen wir oft in eine Art kindliche Scham. So wie die sittsame Mittfünfzigerin neulich im Nünitram. Der Überfall erfolgte durch eine etwas verwahrloste Frau, die sich ungefragt auf dem Nebensitz breitmachte. Unverblümt begann die Frau über ihr Sexualleben zu fabulieren, und dass ihr neuer Freund eine spezielle Praktik im Bett ausprobieren möchte. Sie erhoffte sich Rat bei der Dame mit den Globus-Einkaufstaschen. Diese war jedoch sichtlich vor den Kopf gestossen und lief rot an. Bei der nächsten Haltestelle stürmte die gute Frau aus dem Bus. In den strömenden Regen. Ohne Schirm. Sie wirkte nachhaltig verwirrt.

Berner Zeitung

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