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Tipps für die ObstbaumpflegeSchnitt für Schnitt zur perfekten Krone

Gärtnerinnen und Gärtner, die im Sommer möglichst viele Früchte ernten wollen, sollten ihre Obstbäume bald schneiden. Wann genau? Wie? Und warum überhaupt? Der Agronom Ruedi Baeschlin beantwortet die wichtigsten Fragen.

Eine Frau beim Schneiden ihres alten Apfelbaums: Für die meisten Obstbäume ist der ideale Zeitpunkt dafür der Vegetationsbeginn, also die Zeit ab Ende Februar oder Anfang März,
Eine Frau beim Schneiden ihres alten Apfelbaums: Für die meisten Obstbäume ist der ideale Zeitpunkt dafür der Vegetationsbeginn, also die Zeit ab Ende Februar oder Anfang März,
Foto: Getty

Der Winter geht bald zu Ende, im Garten kommen die Scheren zum Einsatz. Stauden werden zurückgeschnitten, Sträucher ausgelichtet, und manch einer fragt sich vielleicht, wie er es mit dem Obstbaum angehen soll, der da noch steht. Wo schneiden und wie? Der Zürcher Agrar-Ingenieur Ruedi Baeschlin hat sein ganzes Berufsleben entweder in der Forschung oder der Praxis mit Obstbäumen zu tun gehabt. Wenn einer die Antworten auf die wichtigsten Fragen weiss, dann er.

Wieso muss man Obstbäume eigentlich schneiden, aber Feldbäume wie Birken oder Ahorne nicht?

Mit einem regelmässigen Schnitt wird die Krone so geformt, dass möglichst viel Luft und Licht zu den Blättern gelangt. Eine luftige Krone ist wichtig, damit die Blätter bei nasser Witterung rasch abtrocknen und sich keine Pilzkrankheiten ausbreiten können. Licht braucht es, damit die Blätter möglichst gut Fotosynthese betreiben und so die Früchte mit Zucker versorgen können. Zudem hält man den Baum mit dem Schnitt vital, damit er nicht vergreist. Andere Laubbäume schneidet man nur, wenn gewisse Äste irgendwo stören oder die Krone nach einem Sturm beschädigt ist.

Er weiss alles über Obstbäume: Ruedi Baeschlin.
Er weiss alles über Obstbäume: Ruedi Baeschlin.
Foto: PD

Muss man jeden Baum schneiden?

Im Jugendstadium sicher, bis die Krone eine gute Grundform hat. Ist der Baum älter, kann man auch mal ein Jahr auslassen. Es kommt jedoch stets auf den allgemeinen Zustand des Baumes an. Ist er sehr wüchsig, muss man in kleineren Intervallen schneiden und sollte nicht einfach zuwarten. Alte, gut gepflegte Hochstämme können alle drei bis vier Jahre geschnitten werden.

Was genau muss man schneiden?

Ein paar Grundregeln sind: Äste, die nach innen wachsen, also Richtung Stamm, werden alle entfernt. Auch senkrecht nach oben wachsende Triebe, sogenannte Wasserschosse. Lange Fruchtäste sollte man auf junge Seitentriebe zurückschneiden. Ausserdem müssen Ausschläge aus dem Stamm entfernt werden. Seitentriebe, die dem Ast, dem sie entspringen, Konkurrenz machen wollen, schneidet man auch weg, besonders an der Spitze. Bei den Spindelbäumen – auch Niederstämme genannt – kann man sich an folgende Grundsätze halten: Die Krone sollte oben schlank und unten breiter sein, also tannenförmig.

Gibt es je nach Obstart andere Grundsätze beim Schneiden?

Einige Steinobstarten wachsen im Vergleich zu Kernobst allgemein stark und müssen kräftiger geschnitten werden. Bei Zwetschgen, Kirschen, Aprikosen oder Mirabellen schneidet man von Zeit zu Zeit grössere Äste heraus, um die Krone auszulichten. Sauerkirschen sind unbedingt regelmässig zu schneiden, sonst verkahlen sie schnell. Bei Aprikosenbäumen sollte man nach der Ernte einige der Triebe, die Früchte trugen, wegschneiden. Verjüngung ist grundsätzlich bei allen Obstarten wichtig, weil altes Holz mit der Zeit auch weniger Blüten bildet.

Wann kann man Bäume schneiden?

Bei Minustemperaturen sollte man nicht schneiden, da dann das Holz spröd und hart ist und die Wunden schlecht verheilen. Ab Vegetationsbeginn ist ein guter Zeitpunkt, also ab Ende Februar oder Anfang März. Man kann jedoch auch im Sommer oder Herbst schneiden, was vor allem bei stark wüchsigen Bäumen von Vorteil ist. Sie treiben weniger kräftig aus. Im Mai ist ein guter Zeitpunkt, um wachsende Wasserschosse zu entfernen. Sie sind dann noch weich und grün, und man kann sie einfach von Hand abreissen.

Liegt es immer am falschen Schnitt, wenn der Baum fast keine Früchte bildet?

Nicht zwingend. Wenn es während der Blüte immer nasskalt ist und die Bienen nicht fliegen, dann gibt es keine Befruchtung. Ein weiterer möglicher Grund ist, dass kein Pollenspender in der Nähe ist. Äpfel, Birnen und Kirschen müssen fremdbefruchtet werden. Oder wenn der Standort oder Boden so schlecht ist, dass schlicht keine oder wenige Blüten gebildet werden. Auch Trockenheit, Krankheiten oder Schädlinge können dazu führen, dass der Baum Ressourcen sparen muss und deshalb auf die Bildung von Früchten verzichtet. Ein weiterer Grund könnte die Alternanz sein. Es gibt Kernobstbäume, die bilden ein Jahr sehr viele Früchte und das darauffolgende Jahr dafür nur sehr wenige.

Neben dem richtigen Schnitt ebenfalls wichtig: Während der Blüte – im Bild eine Kirschbaumblüte – sollte das Wetter stimmen, ist es immer nasskalt, können die Bienen nicht fliegen.
Neben dem richtigen Schnitt ebenfalls wichtig: Während der Blüte – im Bild eine Kirschbaumblüte – sollte das Wetter stimmen, ist es immer nasskalt, können die Bienen nicht fliegen.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Was macht man mit einem Baum, der schon lange nicht mehr geschnitten wurde?

Zuerst schaut man ihn ganz genau an, um den Aufbau der Krone zu analysieren. Meistens muss man stark auslichten und grosse Äste herausnehmen. Man muss versuchen, dem Baum wieder eine einigermassen passable Kronenform zu geben. Dazu braucht man meist mehr als ein Jahr. Für solche Fälle lohnt es sich, den Profi ans Werk zu lassen.

Was kann sich der Laie selber zumuten?

Erziehungsschnitte und grössere Verjüngungsschnitte würde ich einem Profi überlassen. Erfahrungsgemäss trauen sich Laien grössere Eingriffe kaum zu und schneiden oft nur am Rande ein wenig. Es braucht ein gewisses Grundwissen über die Funktion der einzelnen Äste. Den Erhaltungsschnitt kann aber auch ein Laie lernen.

Wie muss man Obstbäume sonst noch pflegen?

Im Herbst kann man auf die Baumscheibe, also den Boden rund um den Baumstamm, etwas Kompost und im Frühling etwas Mineraldünger streuen. Hochstämme können auch flüssig gedüngt werden: rund um die Baumscheibe mit dem Spaten Schlitze stechen und den Dünger mit der Giesskanne verteilen. Indem man ihn direkt in die Erde gibt, verhindert man, dass vor allem der Rasen oder andere Pflanzen unter dem Baum von den Nährstoffen profitieren.

1 Kommentar
    Erich Kaufmann

    Geschnitten wird v.a. um dem Baum Gefahr (Überleben) zu suggerieren, dieser dadurch mit mehr Früchten sein Weiterbestehen sichern will.