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Von Kopf bis Fuss: Instagram-FakesSchluss mit dem Schönheitswahn!

Cellulite statt Photoshop: Immer mehr Influencerinnen haben genug vom Wahnsinn der künstlichen Schönheit. Das gefällt jedoch nicht allen.

Sie setzt gerne weiterhin auf retuschierte Selfies: Khloé Kardashian inszeniert sich mit Freunden an einem Celebrity-Anlass.
Sie setzt gerne weiterhin auf retuschierte Selfies: Khloé Kardashian inszeniert sich mit Freunden an einem Celebrity-Anlass.
Foto: Alexander Tamargo (Getty Images)

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Ferienfoto, das uns im Bikini zeigt, und jenem einer prominenten Influencerin? Jetzt einmal abgesehen von den Hunderttausenden von Fans, die ihr folgen. Während unser Schnappschuss innert weniger Sekunden oder Minuten entstanden ist, brauchte ihr «Kunstwerk» Stunden oder gar einen Tag, bis es die gewünschte Qualität aufwies. Denn so lange kann es dauern, bis der ideale Lichteinfall bestimmt ist, das Model für den Fotografen die perfekte Pose eingenommen und die Make-up-Artistin ihr Werk vollendet hat und lästige Schweissperlen überpudert wurden.

Obwohl die meisten von uns schon lange wissen, dass die Bilder, die wir auf Kanälen wie Instagram sehen, nicht der Realität entsprechen, eifern Millionen von Frauen dieser künstlichen Schönheit nach. Und bei weiblichen Teenagern gilt eine klassische Social-Media-Karriere, mit der sich durch Produktplatzierungen in Videos und Fotos scheinbar Unmengen von Geld verdienen lässt, als äusserst erstrebenswert.

Schummeln, lügen, posten

Wobei das Wort Schönheit ziemlich weit ausgelegt werden muss. Vor allem in letzter Zeit haben einige Influencerinnen auf Instagram ihr Äusseres so verfremdet, dass man ein Avatar- oder Salvador-Dali-Fan sein muss, um sie zu mögen. Nicht nur Extrembeispiele wie Aubrey O’Day, sondern auch Prominente, die auf ihren bearbeiteten Fotos kaum mehr zu erkennen sind, sorgten auch kürzlich wieder für Schlagzeilen und Kritik.

So postete beispielsweise Khloé Kardashian, der über 100 Millionen Follower folgen, Ende Mai 2020 ein äusserst attraktives Porträt von sich selber, das nur den kleinen Makel hatte, dass sie darauf beinahe nicht zu erkennen war. Wie gross der Unterschied zur Realität ist, zeigte sich, als einer ihrer Fans einen Screenshot mit dem genau gleichen Bild aus einer Episode der Reality-Show «Keepin Up with the Kardashians» als Vergleich postete.

Bei aller Häme, mit der Khloé danach überschüttet wurde, gab es auch Verteidiger. Da sie immer als die Hässlichste und Fetteste der Kardashian-Schwestern galt und dafür in der Öffentlichkeit auch gemobbt wurde, sei es doch ganz normal, dass sie durch diese geschönten Fotos ihr Selbstbewusstsein heben wolle.

Doch wenn der eigene Wert nur noch durch geschönte Lügen erreicht werden kann, hat nicht nur die betreffende Person, sondern auch unsere Gesellschaft ein Problem. Und dabei geht es nicht darum, dass die meisten Frauen hie und da ihre Insta-Bilder bearbeiten. Sondern um die totale Verfremdung des eigenen Ichs. Wer hin und wieder etwas trickst, sollte beim Photoshoppen einfach aufpassen, dass der Türrahmen im Hintergrund nicht plötzlich über die gleiche Kurvenlage verfügt wie man selber.

Können geschönte Insta-Fotos die Laune erwachsener Frauen an schlechten Tagen durchaus etwas trüben, so sind sich diese bewusst, wie fake das alles ist. Schwieriger wird es, wenn sich weibliche Teenager und/oder junge Frauen mit ihren Vorbildern vergleichen. In einer Phase, in denen der eigene Körper selten als schön betrachtet wird, kann dies die eigene Unsicherheit massiv fördern. So hat die britische Royal Society of Public Health herausgefunden, dass Instagram die mentale Gesundheit junger Menschen bedrohe. Der konservative, britische Parlamentarier Luke Evans hat darum vor kurzem ein Gesetz gefordert, dass verlangt, dass Influencer bei ihren Instagram-Posts angeben müssen, ob diese bearbeitet seien. Genauso wie gesponserte Werbedeals entsprechend gekennzeichnet werden müssen. (Lesen Sie dazu auch den Kommentar «Falsche Ideale».)

Cellulite? Wollen wir nicht sehen!

Etwa zur gleichen Zeit verärgerte auch das TV-Sternchen Lauren Goodger ihre Fans, als sie ein Kindheitsbild mit ihrem Vater veröffentlichte und darauf ihr eigenes Gesicht bearbeitete. Dummerweise hatte sie nicht daran gedacht, dass sie das gleiche Bild in ihrer 2013 veröffentlichten Biografie «Secrets of an Essex Girl» verwendet hatte. Da muss die Frage erlaubt sein, wieso sie ihre Fans – immerhin folgen dem TV-Sternchen 753’000 – für dumm verkauft. Dass sich Goodger immer wieder mal zu einer Jessica-Rabitt-Doppelgängerin hochstylisiert, scheinen ihre Follower zu mögen. Aber ein altes Foto nachträglich zu retuschieren, das war selbst den Briten– die durchaus einen Hang zum Skurrilen haben – zu viel.

Man könnte meinen, dass Frauen andere Frauen mögen, die zu ihren Makeln stehen. Aber das stimmt nicht in allen Fällen. Anders lässt sich nicht erklären, dass prominente Influencerinnen, wenn sie ihre Retusche sparsam oder gar nicht einsetzen, nicht nur Lob, sondern auch viele fiese Kommentare kassieren. Wenn die 28-jährige australische Bademodedesignerin Karina Irby ihre Oberschenkel samt Cellulite zeigt, passt das nicht allen ihren 1,1 Millionen Fans. Zwar bekommt sie normalerweise sehr viel Zuspruch, doch es gibt auch jene, die nur die geschönte Wahrheit sehen wollen.

Als ein User Irby mitteilte, sie sei zu dick, platzte dieser der Kragen, und sie zeigte laut madonna.at ein Video, das bewies, wie sehr Bloggerinnen ihre Fotos und Videos bearbeiten. Dazu schrieb sie: «Wann haben wir unser kindliches Selbstbewusstsein verloren. Als es uns egal war, wie wir aussehen und wir uns nicht mit den anderen Mädchen verglichen haben.» Sie selbst habe ein Erfolgsrezept gegen den Wahn, sich ständig mit anderen vergleichen zu wollen: «Umso schneller wir uns so akzeptieren, wie wir sind und die Kritik anderer an uns abprallt, desto glücklicher werden wir sein!»

Es ist jedenfalls zu hoffen, dass in den Zeiten von Diversity und dem Body-Posivity-Trend dieser Instagram-Wahn zur künstlichen Schönheit endlich seinen Höhepunkt überschreiten wird. Erste kleine Anzeichen gibt es bereits: So posten Prominente wie Chrissy Teigen oder GNTM-Elena Carriere ihre Cellulite und schrieben in ihren Posts, dass sie keine Lust hätten, ihre körperlichen Makel zu überdecken. Denn als diese werden sie ja bezeichnet. Und auch auf den sozialen Medien weht den Influencerinnen ein scharfer Wind entgegen. Auf Instagram-Kanälen wie beauty.false oder @celebface werden die toxischen Lügen gewisser Influencerinnen mit Vorher-Nachher-Fotos gnadenlos aufgedeckt. Es ist ein grosser Spass diese anzuschauen, vor allem auch, wenn das eigene Körperbewusstsein gerade ein Tief hat.

Wer jetzt aber denkt, dass der Trend zur Fake-Beauty ein Phänomen der Neuzeit ist, irrt. Denn schliesslich haben sich zu jeder Zeit wohlhabende Frauen und Männer von Künstlern so malen lassen, wie sie sich selber sahen, und nicht so, wie sie wirklich aussahen. Ein gutes Beispiel dafür ist Cleopatra, die noch heute als eine der schönsten Frauen gilt. Doch zu keiner Zeit glich sie den Porträts, die wir heute von ihr kennen. Und wer gar den Vergleich zu Elizabeth Taylor zieht, die sie 1963 im Hollywood-Film «Cleoptara» verkörperte, für den ist es wirklich Zeit für eine Brille.

3 Kommentare
    Andreas Molnar

    Wenn bei der Fassade der Lack abblättert sieht man erst den Schaden.