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Wildtiere als VerkehrsopferStrassenverkehr bedroht manche Arten stärker als gedacht

Fast 200 Millionen Vögel und 30 Millionen Säugetiere kommen jährlich durch den Verkehr in Europa ums Leben. Auf deutschen Strassen stirbt jährlich auf jedem zweiten Kilometer ein Reh.

Auf Schweizer Strassen sterben jedes Jahr 8000 Rehe.
Auf Schweizer Strassen sterben jedes Jahr 8000 Rehe.
Foto: Christian Siegenthaler

Jeder kennt den traurigen Anblick am Strassenrand. Überfahrene Füchse, Waschbären, Igel oder Vögel säumen Autobahnen und Landstrassen. In den Morgenstunden scheint die menschliche Mobilität besonders vielen Lebewesen gefährlich zu werden.

Wie viele Tiere europaweit aber genau im Verkehr umkommen, war bislang unbekannt. Ein Forscherteam aus Portugal und Grossbritannien hat nun erstmals den Versuch unternommen, das Ausmass des Sterbens entlang der europäischen Strassen für einen Grossteil aller Vogel- und Säugetierarten in Europa zu ermitteln. Die Ergebnisse sind erschreckend und deuten nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darauf hin, dass der Beitrag des Strassenverkehrs am schwindenden Bestand einiger Säugetier- und Vogelarten unterschätzt wird. Andere Arten verkraften dagegen selbst hohe Verluste, ohne dass ihr Bestand abnimmt.

Die Forscherinnen und Forscher um die Biologin Carla Grilo vom Zentrum für Umweltforschung in Lissabon werteten für ihre Analyse 90 Einzeluntersuchungen aus 24 europäischen Ländern aus. Ergänzend entwickelten sie ein mathematisches Modell, um abzuschätzen, wie sich die ermittelten Verluste auf die langfristige Bestandsentwicklung von 423 Vogel- und 212 Säugetierspezies auswirken. Nach ihrer im Fachjournal «Frontiers in Ecology and Environment» veröffentlichten Analyse werden in jedem Jahr europaweit etwa 194 Millionen Vögel und 29 Millionen Säugetiere Opfer des Strassenverkehrs. «Vor allem Zentraleuropa hat mit zwei Kilometern Strasse pro Quadratkilometer Fläche eines der weltweit dichtesten Verkehrsnetze, deshalb trafen uns diese Ergebnisse nicht völlig überraschend», sagt Studienleiterin Carla Grilo.

Europaweit ist die Amsel das häufigste Verkehrsopfer

In der Studie erwiesen sich die Strassen in Deutschland, Österreich und der Tschechischen Republik als besonders tödlich für Wildtiere. Auf deutschen Strassen beispielsweise kommt statistisch auf jedem zweiten Kilometer ein Reh und auf jedem dritten eine Wildkatze pro Jahr ums Leben. Insgesamt zählt Deutschland mit rund 16 Millionen getöteten Vögeln und 3 Millionen Säugetieren zu den Spitzenreitern innerhalb Europas.

Europaweit ist die Amsel das häufigste Verkehrsopfer. Elf dieser Vögel sterben pro Jahr und Strassenkilometer. Auch Rotkehlchen werden mit sieben Vögeln pro Quadratkilometer und Jahr sehr häufig Opfer des Strassenverkehrs. Unter den Säugetieren führen verschiedene Arten von Zwergfledermäusen und Blindmäusen die Todesstatistik an.

«Aus der Sicht des Naturschutzes müssen wir über die reine Quantifizierung des Ausmasses der Sterblichkeit an Strassen hinausgehen.»

Carla Grilo, Zentrum für Umweltforschung, Lissabon

Diese puren Zahlen allein sagen allerdings noch nichts darüber aus, ob der Strassenverkehr für eine bestimmte Tierart zu einer ernsten oder gar existenziellen Bedrohung wird. «Aus der Sicht des Naturschutzes müssen wir über die reine Quantifizierung des Ausmasses der Sterblichkeit an Strassen hinausgehen», sagt Studienleiterin Grilo. «Um die Bedrohung für einzelne Arten einzuschätzen, müssen wir wissen, wie hoch der Anteil dieser zusätzlichen Sterblichkeit an den jeweiligen Populationen ist», erläutert die Biologin. «Wenn es von einer seltenen Art nur noch 200 Exemplare gibt und davon 100 im Verkehr umkommen, sind das nun einmal 50 Prozent, während 100 getötete Tiere bei einer Bestandsgrösse von 10’000 nur 1 Prozent ausmachen.»

Um zu qualitativen Ergebnissen zu kommen, entwickelte das Team ein mathematisches Modell, in das zahlreiche Daten über die Spezies einflossen: Wie hoch ist die Lebenserwartung einer Art? Ab welchem Alter beginnen die Tiere überhaupt mit der Fortpflanzung? Wie oft zieht die Spezies Nachwuchs auf, und wie viele Junge hat sie im Durchschnitt? Ebenfalls berücksichtigt wurden biologische Besonderheiten der mehr als 600 untersuchten Vogel- und Säugetierarten: Ist eine Spezies eher scheu und meidet Strassen, so wie viele grosse Säugetiere? Oder erkennen die Tiere den Verkehr offensichtlich nicht als Gefahr und überqueren Strassen häufig und ohne auf den Verkehr zu achten, so wie beispielsweise Igel?

Igel erkennen den Verkehr nicht als Gefahr.
Igel erkennen den Verkehr nicht als Gefahr.
Foto: Patrick Gutenberg

Die Modellierung der ermittelten Todeszahlen mit den zusätzlichen Parametern ergab ein ganz anderes Bild als die ausschliessliche Betrachtung der Todesstatistik. Die Arten, die am häufigsten im Verkehr umkommen, sind demnach nicht diejenigen, die auch das grösste Risiko haben, durch den Verkehr in ihrem Bestand bedroht zu werden.

So zahlt der Hausspatz mit einer ermittelten Todesrate von 2,7 Vögeln pro Strassenkilometer und Jahr zwar einen erheblichen Preis für seine Nähe zum Menschen. In der Rangliste der langfristigen Bestandsbedrohung durch den Verkehr rangiert er nach der aktuellen Analyse aber nur auf Platz 420 und damit am Ende aller 423 untersuchten Vogelarten. Eine hohe Dichte, die grosse Zahl an Nachkommen, häufiges Brüten und frühe Geschlechtsreife helfen der Art, die Verluste im Strassenverkehr zu kompensieren.

Bedrohte Arten sind in ihrer Existenz durch Strassen besonders gefährdet

Dagegen stellt der Strassenverkehr für das Haselhuhn ein erhebliches Aussterberisiko dar, obwohl die Verkehrstodesrate mit 0,2 Tieren pro Kilometer und Jahr berechnet wurde. Diese Vogelart zeichnet sich durch eine geringe Siedlungsdichte aus und bekommt noch dazu nur einmal im Jahr Nachwuchs.

«Unsere Studie hat gezeigt, dass die am häufigsten vorkommenden und am weitesten verbreiteten Arten offenbar am wenigsten durch Strassen bedroht sind, während schon der Verlust einiger weniger Individuen der letzte Sargnagel für Arten sein kann, die durch andere menschliche Einflüsse wie direkte Verfolgung oder Lebensraumzerstörung bereits gefährdet sind», sagt Grilo.