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Neuer Herrscher in KuwaitScheich Nawaf übernimmt in unsicheren Zeiten

Nach dem Tod des Emirs von Kuwait hat dessen jüngerer Halbbruder in dem ölreichen Staat am Persischen Golf die Nachfolge an der Staatsspitze angetreten.

Legt den Amtseid ab: Der neue Emir von Kuwait heisst Nawaf al-Ahmad al-Jabir al-Sabah.
Legt den Amtseid ab: Der neue Emir von Kuwait heisst Nawaf al-Ahmad al-Jabir al-Sabah.
Foot: Jaber Abdulkhaleg (Keystone)

Der Emir von Kuwait war für seine Schlichtungsversuche bekannt und teils auch berüchtigt, denn sie folgten häufig einer gewissen Choreografie. Auf Konferenzen des Golfkooperationsrates konnte man Scheich Sabah al-Ahmed al-Sabah regelmässig dabei beobachten, wie er die mächtigen Streithähne der Region umtänzelte, allen voran die wesentlich jüngeren Kronprinzen Saudiarabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Er versuchte so eine Begrüssung zwischen den beiden und dem mit ihnen verfeindeten Emir von Katar einzufädeln. Meistens scheiterte er.

Doch zumindest konnte er auf das Privileg des hohen Alters setzen, das ihm einen gewissen Respekt, aber vor allem viel Nachsicht unter den Führern der mächtigen Nachbarstaaten einbrachte. Am Dienstag starb er im Alter von 91 Jahren in den USA.

Halbbruder übernimmt mit 83 Jahren

Nun soll sein Halbbruder Nawaf al-Ahmad al-Jabir al-Sabah der nächste Emir des ölreichen Kleinstaates werden. Auch er ist mit 83 Jahren nicht mehr der Jüngste. 2006 wurde er zum Kronprinzen ernannt, seitdem übernahm er – vor allem während der monatelangen Spitalaufenthalte seines Vorgängers im Ausland – immer wieder die Regierungsgeschäfte. Er diente als stellvertretender Chef der Nationalgarde und war unter anderem für die Bereiche Verteidigung und Inneres zuständig. Beim Überfall des damaligen irakischen Diktators Saddam Hussein auf Kuwait 1990 diente er als Verteidigungsminister. Krisen und Kriege ist der fünffache Familienvater also gewohnt.

Starb im Alter von 91 Jahren in den USA: Scheich Sabah al-Ahmed al-Sabah.
Starb im Alter von 91 Jahren in den USA: Scheich Sabah al-Ahmed al-Sabah.
Foto: Noufal Ibrahim (Keystone)

Und auch nun muss er sich in einer Krisensituation bewähren – denn in seiner Region herrscht seit mehr als drei Jahren diplomatische Eiszeit. Im Sommer 2017 brachen Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten ihre Beziehungen zu Katar ab. Sie werfen Doha die Unterstützung von Terror und eine zu grosse Nähe zum Iran vor. Katar weist die Vorwürfe zurück.

Der bisherige Emir verlieh seinem Land zumindest den Schein von Demokratie.

Den in diesem Konflikt um Ausgleich bemühten aussenpolitischen Kurs seines Vorgängers wird Scheich Nawaf wohl fortführen. Unter Tränen würdigte er am Mittwoch das «reiche Erbe lokaler, arabischer und internationaler Errungenschaften» von Scheich al-Sabah. Vor den wegen der Covid-19-Pandemie maskierten Parlamentariern legte er seinen Amtseid ab.

Das pompöse Gebäude der Nationalversammlung, in dem die Zeremonie abgehalten wurde, steht direkt am Meer von Kuwait-Stadt. Der frühere Emir Scheich al-Sabah brüstete sich gerne mit dem Bau, er verlieh seinem Land zumindest den Schein von Demokratie. 1963 trat das kuwaitische Parlament erstmals zusammen, ein Jahr nach der Unabhängigkeit von Grossbritannien.

Kurzerhand Parlament aufgelöst

Doch ganz so demokratisch ging es unter seiner Amtszeit nicht zu: Scheich Sabah liess das Parlament etliche Male auflösen, etwa, als gewählte Volksvertreter Mitglieder der Herrscherfamilie in öffentlichen Anhörungen befragen wollten, al-Sabah hielt die Vorladungen für einen Affront gegen seine seit über 250 Jahre herrschende Dynastie. Oppositionelle beklagten fehlende Mitsprache und Einschüchterungsversuche. Ende November stehen in Kuwait Parlamentswahlen an, seit 2012 werden diese von der Opposition boykottiert.

Sein Nachfolger Scheich Nawaf sorgte vor wenigen Tagen für Diskussionen in der politischen Szene Kuwaits, als er sich mit bekannten Oppositionspolitikern traf. Sie übergaben ihm das «Dokument Kuwaits», in dem von fünf Punkten die Rede ist: nationale Versöhnung, umfassende Amnestie für im Exil lebende Oppositionspolitiker, Beginn einer neuen politischen Ära sowie die Entwicklung wirtschaftlicher und politischer Lösungen. Denn auch wirtschaftlich steht das Land vor grossen Herausforderungen: Im Zuge der Corona-Krise und des Ölpreisverfalls ist Kuwait mit dem höchsten Haushaltsdefizit seiner Geschichte konfrontiert.