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Mamablog: Schluss mit ElternstressSagen Sie doch mal «Ja» statt «Nein»

Ständig von einem Termin zum anderen hetzen? Kaum Zeit für Ehe, Freunde und sich selbst? Das geht auch anders.

Blödeln statt stressen: Den Erziehungsmodus abstellen und mit den Kindern so richtig Blödsinn zu machen, tut gut.
Blödeln statt stressen: Den Erziehungsmodus abstellen und mit den Kindern so richtig Blödsinn zu machen, tut gut.
Foto: Getty Images

Neulich im Tram. Ich müde, Tochter nicht. Will aus dem Kinderwagen raus und laufen. Ich: «Hör mal, am HB wird es sehr viele Leute haben. Da bin ich froh, wenn ihr zwei im Kinderwagen bleibt. So kommen wir sicherer und schneller durchs Getümmel.» Tochter: «Ich hab eine gute Idee! Wir steigen eine Station vorher aus und laufen über die Brücke zum Bahnhof!» Ich denke: «Um Gottes willen...» Und sage: «Okay, Kompromiss. Und am Bahnhof steigst Du dann wieder in den Kinderwagen?» Tochter: «Ja-a.»

Wir staksen also über die Bahnhofsbrücke, halten an wegen jeder Ente, ich überlege mir, dass die Jüngste wohl auch bald aus dem Kinderwagen raus wollen wird, dass ich noch den Babysitter für den Elternabend organisieren muss und frage mich, ob ich uns für heute oder morgen für die Wäsche eingetragen habe. Zum Glück naht der Bahnhof und somit unser Kinderwagen-Deal. Gleich kann ich die Kinder zum Gleis bugsieren.

Wäsche bleibt im Korb

Plötzlich zieht meine Tochter an meinem Arm: «Dort, dort!» Aufregung pur. Ich also mit dem Kinderwagen in der einen Hand, Tochter an der anderen, im Rückwärtsgang durch den Pendler-Strom, um mir das «Dort, dort!» anzusehen. Und da war es. Das weiss-blaue Dach der Rösslirytschuel. Das Karussell auf der Gemüsebrücke, das nur Anfang Herbst dort steht. Und auf dem wir zum letzten Mal waren, als die Jüngste noch in meinem Bauch war. Und obwohl ich so sehr nach Hause musste, dachte ich mir: «Jetzt sei mal verrückt.»

Ich ging in die Hocke, sah meiner Tochter in die Augen und sagte voller Aufregung: «Meine Kleine! Na sowas! Du hast das Karussell entdeckt?» Meine Tochter sah mich irritiert an, denn sie rechnete mit einem «Jetzt gehen wir aber auf den Zug, gell.» Ich gab einen obendrauf: «Und jetzt gehen wir aber schleunigst dorthin, oder? Los! Zum Glück hast Du das Karussell entdeckt!» Ihr hättet diese Augen sehen sollen. Diese Verwirrtheit, Aufgeregtheit und vollkommene Zufriedenheit, wie sie fast nur bei Kindern gleichzeitig möglich sind.

Wir drehten ein paar Runden auf dem Karussell. Kamen einiges später als geplant nach Hause. Zum Abendessen gab es kaltes Müesli, die Wäsche blieb im Korb und andere To-Dos unabgehakt auf der Liste. Und das war ziemlich perfekt.

Einatmen, ausatmen

Als das Karussell sich drehte, fragte ich mich, warum mein Alltag immer hektischer wird. Warum wir ständig zu irgendwelchen Terminen müssen oder irgendwas besorgen. Warum ich so oft «Nein» sagen muss und mir dabei kaum Zeit bleibt für meine Ehe, Freundschaften, mich selbst? Ob nur ich, diese Elternsein-Sache so verdammt anstrengend finde? Und dabei immer wieder vergesse, welches Glück vor mir ist?

Der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Mangold zeigt in «Wir Eltern sind auch nur Menschen» auf, dass wir durch unsere evolutionäre Vorgeschichte dazu neigen, ständig auf der Hut zu sein vor möglichen Katastrophen. Und dass unser Gehirn negative Ereignisse stärker wahrnimmt als positive. Eine Kombination, die gerade für den elterlichen Stress höchst ungünstig ist. Denn auf der Hut sind wir mit kleinen Kindern sowieso schon die ganze Zeit. Und gerade in Erziehungssachen können wir es bekanntlich keinem recht machen.

Um Stress zu bewältigen, rät Mangold zu Achtsamkeit, also bewusster Atmung und Im-Moment-präsent-sein. Dadurch würden wir indirekt auch die Resilienz unserer Kinder stärken: Denn unsere Kinder lernen von uns. Auch wie man mit Stress umgeht. In einer von Mangolds Achtsamkeits-Übungen geht es darum, den Erziehermodus abzustellen und mit unseren Kindern so richtig Blödsinn zu machen. Der schönste Gedanke dabei: «Daran wird sich mein Kind als alter Mensch gewiss erinnern und lächeln.»

Ich beobachtete meine Töchter auf ihren bunten Pferden. Es ist so wundervoll, ihr beim Wachsen zuzusehen. Ich lächelte und sah mich, als Kind mit meiner Grossmutter auf so einem ähnlichen Karussell. Zu dieser Unbeschwertheit muss ich zurück. Ich glaube, ich werde nun öfters meinen Kindern die Führung überlassen. Von ihnen lernen, im Moment zu leben. Öfter «Ja» sagen. Ihnen immer wieder eine extra Stunde schenken.
Verrückt sein.

Dieser Text erschien zuerst auf Instagram bei @chezmamapoule

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1 Kommentar
    MichaelAndreas

    Das was ich bei meinen beiden Mädels ziemlich schnell gelernt habe war, das ein Weg, den ich alleine in 10 Minuten erledigt habe, schon mal eine Stunde dauern kann. Darauf aufbauend habe ich Termine an einem Tag immer doppelt so weit auseinander gelegt, wie ich es sonst gewohnt war. Hatte dann aber auch zur Folge, das ich / wir nur die Hälfte der Termine an einem Tag geschafft haben.

    Und siehe, der Stress nahm deutlich ab.

    Das man das natürlich nicht immer durchhalten kann ist klar. Aber solange man selber die Termine macht, kann man es durchaus versuchen.