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Debatte über Covid-RöstigrabenRomands fühlen sich gekränkt

Ein Tamedia-Artikel über die erhöhten Corona-Werte in der Westschweiz führt zu zahlreichen Reaktionen. Ein Genfer Journalist klagt gar, die Romands würden einer «Unterrasse» zugeschlagen.

Zu sorgenfrei? Unbekümmertes Fondue-Essen in der Walliser Rambert-Hütte im Sommer.
Zu sorgenfrei? Unbekümmertes Fondue-Essen in der Walliser Rambert-Hütte im Sommer.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Es ist ein Befund, der nach Erklärungen ruft: Die französischsprachigen Kantone sind trotz strenger Vorschriften von der Corona-Pandemie markant stärker betroffen als die Deutschschweiz. In einer Spurensuche ging diese Zeitung letzte Woche verschiedenen Thesen nach. So vermuten Beobachter etwa, dass sich die staatsgläubigen Romands weniger eigenverantwortlich verhielten als die «Suisses allemands».

Eine andere These lautet, dass bei Begrüssungen und Abschieden im Welschland mehr Küsschen ausgetauscht würden; der ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann, der im Wallis als Hotelier tätig ist, spricht vom «Todesküsschenfaktor». Weiter wird vermutet, dass die nachlassende Angst vor dem Virus, verbunden mit der ausgeprägten Westschweizer Feierkultur, zur Eskalation beigetragen habe.

Der Artikel hat, wie sich nun zeigt, in der Romandie den sprichwörtlichen Nerv getroffen. Es kam zu zahlreichen Reaktionen, insbesondere auch in den sozialen Medien. So setzte der ehemalige Waadtländer SP-Nationalrat Jean-Christophe Schwaab eine ganze Serie von Protest-Tweets ab. Er verwahrt sich gegen «Klischees», die von einem «mürrischen alten Hotelier» (gemeint ist Bodenmann) verbreitet würden. Er verweist auf Anlässe, in denen es auch Deutschschweizer an Vorsicht fehlen liessen. Und er macht deutlich, dass er nicht an kulturelle Differenzen als Erklärung glaubt: «Seit mindestens sechs Monaten habe ich niemanden gesehen, der sich küssen liess, auch nicht im Wallis, wo ich oft hingehe.»

Ein anderer Twitter-Nutzer aus der Westschweiz reagiert mit Sarkasmus und verballhorntem Alémanique-Französisch: «Ach les romands, touchour superspreader, chamais gestes barrières …» (Ach, die Romands, immer Superspreader, niemals Hygienemassnahmen …). Der Genfer Journalist Grégoire Barbey fühlt sich gar einer «Unterrasse» (sous-race) zugeteilt. Und er ätzt: «Wir sind weniger diszipliniert, weniger fleissig, weniger verantwortungsbewusst, weniger ... o Mann, wir machen alles falsch!»

Indes meldeten sich auch nachdenklichere Stimmen zu Wort. Manche welschen Kommentatoren konstatieren selbstkritisch, dass die Schutzmassnahmen in der Romandie tatsächlich weniger konsequent befolgt würden. Das Westschweizer Fernsehen RTS wiederum befasste sich am Wochenende in einem ausführlichen Beitrag mit dem «Corona-Graben». Die Journalisten beschreiben dabei mit unverhohlenem Erstaunen die unterschiedlichen Corona-Regimes samt den unterschiedlichen Pandemieverläufen nördlich und südlich des Lötschbergtunnels. Mit Urteilen und Erklärungen halten sie sich zurück.

Zu Wort kommt immerhin der Berner Gesundheitsdirektor und Bernjurassier Pierre Alain Schnegg (SVP), der den «brassage» (Völkergemisch) in den grenznahen Regionen des Welschlands als mögliche Ursache der desolaten Zustände sieht. Auch er findet die im Vergleich zur Deutschschweiz so viel krassere Ausbreitung aber «extrem schwierig» zu erklären. In diesem Punkt zumindest herrscht über den «Corona-Graben» hinweg offenbar Einigkeit.

112 Kommentare
    Steffi B.

    Das Tessin war in der ersten Welle auch viel stärker betroffen wegen der Nähe zu Italien. Und weist trotz grosser Vorsichtsmassnahmen aktuell wiederum deutlich höhere Werte auf. Reicht das nicht als Erklärung?