Tolle Wettkämpfe, herzliche Gastgeber, triste Zukunft

BZ-Sportredaktor Micha Jegge  über die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro.

Rio de Janeiro hat die Olympischen Spiele durchgewürgt, im Sportjargon würde von der Brechstangentaktik geschrieben. Die Präsenz der Armee liess keine erwähnenswerten Stör­aktionen zu. Auf sämtlichen relevanten Verkehrsachsen patrouillierten mit Maschinenpistolen ausgestattete Soldaten.

Militärlastwagen kurvten durch die Stadt, auf den offenen Ladeflächen sassen kampfbereite Uniformierte. Es sah aus, als würden sie an die Front gebracht. Rund um die mehrfach eingezäunten ­Stadien standen Panzer, die Sportarenen glichen Festungen. Offiziell galten die ­Sicherheitsvorkehrungen den globalen Terrorismusnetzwerken.

Effektiv dürfte die Angst vor kriminellen Akten aus den eigenen Reihen mindestens so gross gewesen sein. Rio ist pleite, vor und während der Spiele mussten Schulen und Spitäler geschlossen werden, weil Lehrer respektive Ärzte nicht mehr bezahlt werden können. Dafür hat Rio jetzt einen künstlichen Wildwasserkanu-Kanal.

Profitierten korrupte Politiker und reiche (Bau-)Unternehmer von Olympia, ist die Wut von Unter- und Mittelschicht über die Praktiken der Behörden erheblich. Dies kann überaus gefährlich werden, wenn die politische Lage derart instabil ist wie derzeit in Brasilien. Interimspräsident Michel Temer blieb sogar der Schlussfeier fern – er wäre mit einem Pfeifkonzert empfangen worden. Der Anblick der Sicherheitskräfte war wie der Gegenpol zur olympischen Glitzerwelt, die Konfrontation mit der düsteren brasilianischen Realität.

Was den sportlichen Bereich betrifft, ist die Bilanz besser als erwartet. Die Qualität der Stadien ist deutlich höher als der brasilianische Standard; sie lassen hochwertige Wettkämpfe zu. Die Organisation innerhalb der Arenen bewegte sich stets auf ähnlichem Niveau, weil die Fachverbände involviert und die Normen vorgegeben sind. Überwiegend positiv fiel das Feedback der Athleten aus, was gewiss auch mit der Herzlichkeit der vielen freiwilligen Helfer zusammenhängt.

Dass die Verpflegung in den Wettkampfstätten für die Sportler zu Beginn mangelhaft war, lässt sich verschmerzen. Haben doch die Einheimischen umgehend reagiert und das Defizit behoben. Generell gilt: Die Brasilianer taten das, was von ihnen hatte erwartet werden dürfen. Alle aufgetauchten Probleme waren schon bei der Vergabe der Sommerspiele absehbar gewesen und vom IOC in Kauf ­genommen worden.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, liess IOC-Präsident Thomas Bach an seiner Abschlussmedienkonferenz verlauten, die Spiele würden ein grossartiges Erbe hinterlassen. Tags zuvor war das IOC-Mitglied Patrick Hickey in ein Gefängnis überführt worden.

Der Ire gilt als enger Vertrauter des Deutschen; er soll sich in grossem Stil mit Ticketverkäufen auf dem Schwarzmarkt bereichert haben. Entweder leidet Bach an Wahrnehmungsstörungen, oder er ignoriert die Wahrheit – wahrschein­licher ist Letzteres. Das Erbe in Form eines Lochs in der Haushaltskasse wird die Bewohner Rio de Janeiros noch jahre- wenn nicht jahrzehntelang belasten, das IOC hingegen einen Milliarden­gewinn realisieren.

Bach tritt die Werte des Sports mit Füssen, seine prorussische Haltung ist in Anbetracht des staatlich gelenkten Massendopings erschreckend. Nachdem das Anti-Doping-Meldesystem-Konto von Whistleblowerin Julija Stepanowa gehackt worden war, hielt der Deutsche fest, das IOC sei nicht für die Sicherheit der Familie Stepanowa verantwortlich.

Nikita Kamajew und Wjatscheslaw Sinew, ehemals leitende Kräfte in der russischen Anti-Doping-Agentur, waren Anfang Jahr unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Grigori Rodschenkow, der Dritte im Bunde, setzte sich rechtzeitig in die USA ab und half, das Dopingsystem aufzudecken. Würde der Aufenthaltsort der ebenfalls in den USA lebenden Familie Stepanowa bekannt, geriete diese in Lebensgefahr. Was zeigt, dass Bach nicht nur ein vom Kreml aus gesteuerter Funktionär ist, sondern über Leichen geht, wenn es seiner Sache dient.

Hoffen auf Besserung ist nicht angebracht, wie die absurde Wahl von Jelena Issinbajewa zur IOC-Athletensprecherin offenbart. Die Weltrekordhalterin hatte die IAAF-Spitzenfunktionäre nach dem Kollektivausschluss Russlands als Drecksäcke bezeichnet. Bei ihrer Rücktrittserklärung vom Freitag, wenige Stunden vor Beginn des Stabhochsprungfinals, sagte sie folgenden Satz: «Wird ohne Issinbajewa gesprungen, kann es keine richtige Goldmedaille geben.» So sieht er aus, der olympische Geist des 21. Jahrhunderts.

Mail: micha.jegge@bernerzeitung.ch

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