Tadesse Abraham rennt nahe am Favoritenkreis

Landesrekordhalter Tadesse Abraham startet als Nummer 8 ins sonn­tägliche Rennen. Vorgänger Viktor Röthlin rät zur Demut.

An der EM in Amsterdam holte Tadesse Abraham Gold im Halbmarathon. Nun will er olympisches Edelmetall.

An der EM in Amsterdam holte Tadesse Abraham Gold im Halbmarathon. Nun will er olympisches Edelmetall.

(Bild: Keystone)

Die Ausgangslage ist vielversprechend. Tadesse Abraham erscheint in der Jahresweltbestenliste auf Platz 14. Vor dem Schweizer Marathonrekordhalter liegen ausschliesslich Kenianer und Äthiopier, wobei einer der Kenianer für die Türkei startet. Will heissen, Abraham nimmt die 42,195 Kilometer am Sonntag als Nummer 8 unter die Füsse, weil pro Nation maximal drei Athleten teilnahmeberechtigt sind.

2008 in Peking lief Viktor Röthlin auf Rang 6, ein Diplomgewinn ist auch für den gebürtigen Eritreer möglich. Zumal sich der 34-Jährige nach dem Halbmarathon-EM-Goldgewinn in Amsterdam physisch wie emotional im Hoch befinden dürfte.

Röthlin – er begleitet für ein Partnerunternehmen eine Fanreise nach Rio – ist bestrebt, die Erwartungen an seinen Nachfolger nicht zu hoch werden zu lassen. «Tadesse hat einen kräftigen Motor. Er ist enorm schnell, der Halbmarathon ist deshalb auf ihn zugeschnitten», hält der 41-jährige Obwaldner fest. Und stellt im nächsten Satz klar, er traue Abraham viel zu, sofern es ihm gelinge, die richtige Einstellung zu finden und sich von Konkurrenten nicht zu unüberlegten Aktionen verleiten zu lassen.

«In Amsterdam hat Tadesse das Rennen geprägt. Die Konkurrenz konnte anhand seiner Körpersprache sehen, wie stark er ist.» Im Olympiamarathon jedoch werde es Demut brauchen. «Das Niveau ist extrem hoch. Ich gehe davon aus, dass eine defensive Renngestaltung eher zum Erfolg führt. Zu viel Angriffslust kann einem Athleten zum Verhängnis werden.»

Kipchoge und der GP-Sieger

Gemeinhin wird von einer Rennkontrolle durch die Kenianer ausgegangen. Die Ostafrikaner stellen mit Eliud Kipchoge den Topfavoriten und treten in der Regel als Team auf. Das unterscheidet sie von den stärksten Äthiopiern, die sich nicht grün sind, sich daher kaum als Teamkollegen verstehen werden. Wie Abraham zu den aussichtsreichen Aussenseitern gehört der Eritreer Ghirmay Ghebreslassie, welcher 2015 den Hitzemarathon an der WM in Peking gewann und Mitte Mai am Grand Prix von Bern triumphierte.

Abraham hat in diesem Jahr alles auf eine Karte gesetzt, lediglich zwei Monate zu Hause in Genf mit seiner Familie verbracht. Vor und nach der EM weilte der ehemalige Flüchtling, der vor zwölf Jahren in Uster gelandet war, jeweils einen Monat lang in Äthiopien im Höhentrainingslager. Ein guter Auftritt im Olympiamarathon würde ihn seinem Kernziel näherbringen: endlich vom Sport leben zu können.

Berner Zeitung

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