Schein und Sein in Rio

Sportredaktor Micha Jegge schildert Eindrücke aus Rio de Janeiro.

An der Eröffnungsfeier sind euphorisierte Athleten zu sehen, inklusive tanzender Brasilianer. Supermodel Gisele Bündchen verwandelt sich für ein paar Minuten in das von Bossa-nova-Ikone Tom Jobim besungene «Girl from Ipanema». Feuerwerk hier, Farbenpracht da – Spektakel im Ma­ra­canã.

In der Stadt ist die Situation angespannt; es wird protestiert. Zwei Kilometer vom Stadion entfernt wird ein Umzug der Unzufriedenen mit Tränengas aufgehalten. Nach jüngsten Umfragen vertreten fast 60 Prozent der Cariocas, wie die Einwohner Rios genannt werden, die Ansicht, dass die Spiele ihnen mehr schaden als nützen.

In den Wettkampfstätten ist alles hergerichtet.Knallig grün leuchtet die Arena der Turner, futuristisch mutet das Oval der Schwimmer an. Der künstlich angelegte Kanal für die Wildwasserkanuten wirkt, als stünde er auf einem anderen Planeten. Rund um und zwischen den riesigen Stadien findet sich der Betrachter in einer Betonwüste wieder, liebloser lässt sich ein Olympiapark kaum gestalten.

Es sieht danach aus, als sei das Elementare auf den letzten Drücker fertiggestellt worden. Wobei Zeit und Geld nicht dafür reichten, allen Bauschutt zu entfernen – fernab der Zuschauerzonen sieht es aus wie auf dem Mond.

Im Medienzentrum hätte ein Food-Court mit sieben oder acht internationalen Anbietern eingerichtet werden sollen. Die entsprechende Etage jedoch befindet sich noch im Rohbau, der Chef der verantwortlichen Firma sitzt wegen Korruptionsverdachts im Gefängnis. Nun steht auf dem Vorplatz ein Zelt mit einem Buffet, welches zwar gross, aber trotzdem viel zu klein ist, um die Massen zu versorgen.

Drinnen, wo die Kameras stehen, versprüht Olympia Glanz.Draussen, wo die Realität lebt, ist Olympia unwirtlich. Schein und Sein weichen nahezu diametral voneinander ab. Rio ist pleite, Schulen und Spitäler können wegen Geldmangels nicht mehr betrieben werden; ohne Finanzspritzen aus der Hauptstadt Brasília fänden die Spiele gar nicht statt. Man mag sich gar nicht vorstellen, was hier geschehen wird, wenn die Schlussfeier Geschichte ist.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt