Mein Olympia: Das Problem mit dem grünen Gedanken

BZ-Sportredaktor Micha Jegge schildert Eindrücke aus Rio de Janeiro.

Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit gehören zu jenen Themen, welche das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei der Vergabe der Spiele seit ein paar Jahren stärker gewichtet – zumindest auf dem Papier. An der Eröffnungsfeier in Rio de Janeiro wurde der grüne Gedanke entsprechend zelebriert. Wir müssen auf unseren Planeten aufpassen, lautete die vom bekannten Regisseur Fernando Meirelles stimmungsvoll überbrachte Botschaft.

In den olympischen Mediendörfern ass man das Frühstück am ersten Morgen aus einem Porzellanteller mit Gabel und Messer aus Leichtmetall. Seit Tag zwei wird mit Plastikbesteck aus Einweggeschirr gefuttert. Es sieht danach aus, als sei die Infrastruktur nicht ausreichend gewesen, um Material für geschätzte 7500 Gäste abzuwaschen. Vor dem Medienzentrum stehen permanent vierzig bis fünfzig Busse, weil die Anzahl der Wettkampfstätten hoch ist und die Wege weit sind.

Die Motoren werden nicht abgestellt, die Klimaanlagen laufen auf Hochtouren. Wer einen Bus betritt, tut gut daran, sich einen Pullover überzustreifen. Der Motor dürfe nicht abgestellt werden, weil die Gäste sonst zu heiss hätten, sagte ein Busfahrer. Als es regnete und sich die Temperatur auf 17 Grad belief.

Abfall wird in den meisten Olympiabauten getrennt entsorgt. Die grünen Tonnen sind für wiederverwertbaren Müll vorgesehen, die grauen für den restlichen. Im Restaurant des Medienzentrums hingegen, wo sich täglich über 10'000 Leute verpflegen, stehen lediglich orange, zumeist überfüllte Müllbehälter ohne Anschrift herum. Definitiv ins Zweifeln gerät, wer einen der zahlreichen kleinen Eimer entdeckt, welche auf dem Gelände zu finden sind.

Getrennte Abfallentsorgung – oder auch nicht. Bild: Micha Jegge

Botschaft und Realität sind zwei Paar Schuhe, ein IOC-Sprecher hat die Zustände und das lokale Organisationskomitee harsch kritisiert.

Wer wie das IOC mit dem Finger auf die Brasilianer zeigt, zielt auf die Falschen. Tausende von ebenso freundlichen wie hilfsbereiten freiwilligen Helfern geben Tag für Tag ihr Bestes. Bekundet ein Gast Probleme, wird ihm von den «Volunteers» geholfen – so gut wie es eben geht. Der Standard, welchen das IOC bei Sommerspielen voraussetzt, liegt deutlich über jenem der brasilianischen Gesellschaft. Oder anders ausgedrückt: Wer nachhaltige und umweltverträgliche Spiele anstrebt, sollte sie nicht nach Brasilien vergeben.

micha.jegge@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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