Jordanovs Riecher

Mein Olympia

BZ-Sportredaktor Micha Jegge zur Bronzemedaille am Sprung  von Giulia Steingruber.

Weniger ist mehr – die Lebensweisheit hat Giulia Steingruber und ihrem Trainer Zoltan Jordanov den ersehnten Olympiamedaillengewinn beschert. Gebetsmühlenartig hatte der ungarisch-britische Doppelbürger im letzten halben Jahr betont, seine Athletin dürfe ihren neuen Sprung nur zeigen, sofern sie ihn wirklich beherrsche, weil die Aussichten auf einen Olympiamedaillengewinn an ihrem Paradegerät auch ohne die zusätzliche halbe Schraube intakt seien.

Vor dem Hintergrund, wonach die Konkurrenz aus Nordamerika und Indien neue Elemente kreierte respektive sich an den schwierigsten der bereits an Wettkämpfen gezeigten Sprünge herantastete, wurde seine defensive Haltung oft hinterfragt.

Jordanov jedoch wich selbst dann nicht von seiner Strategie ab, als sich herausstellte, dass Steingrubers Sprünge die tiefsten Schwierigkeitsgrade aller Olympiafinalistinnen aufweisen würden. Die Gegnerinnen hätten keinen guten Eindruck gemacht, hielt er nach dem Mehrkampf­final seelenruhig fest. Er meinte in erster Linie Hong Un-jong, die Olympiasiegerin von Peking, und Dipa Karmakar, welche den ebenso spektakulären wie gefährlichen «Produnowa» in ihr Repertoire aufgenommen hatte.

Welch guten Riecher der erfahrene Trainer hat, offenbarte sich im gestrigen Final. Hong und Karmakar vermochten ihre Sprünge nicht zu stehen. Steingruber hingegen, seit Jahren ein Muster an Zuverlässigkeit, turnte ihr Standardprogramm souverän und sauber durch. Was die Ausführung anbelangt, wurde einzig Ausnahmekönnerin Simone Biles höher bewertet. Weniger ist mehr – die Lebensweisheit hat dem Schweizer Turnsport die erste Frauenolympiamedaille beschert.

Mail: micha.jegge@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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