Ohne Steine im Rucksack nach Rio

Fabian Kauter hat aus dem Scheitern in London die Lehren gezogen. Der 30-Jährige Fechter sagt, er sei diesmal besser vorbereitet, «und zwar auf alle Arten von Emotionen».

Vor dem Lokal des Fechtklubs Bern: Fabian Kauter macht um die Olympischen Spiele «weniger ein Tamtam als vor vier Jahren».

Vor dem Lokal des Fechtklubs Bern: Fabian Kauter macht um die Olympischen Spiele «weniger ein Tamtam als vor vier Jahren».

(Bild: Urs Baumann)

Adrian Ruch

Seit Donnerstag befinden sich die helvetischen Degenfechter in Tenero im Trainingslager. Im Tessin holen sie sich im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro den letzten Schliff. Den Tag vor dem Einrücken verbrachte Fabian Kauter in Lugano am See. «Und ich habe nicht einmal an Rio gedacht.» Der Berner wertet dies als gutes Zeichen. «Olympia ist etwas Einzigartiges, aber das heisst nicht, dass man sich des­wegen ständig damit beschäftigen muss», meint er.

Diese Haltung ist eine Folge aus Kauters Erfahrungen, die er in Zusammenhang mit London 2012 gesammelt hat. Damals habe er im Vorfeld aus Angst vor Verletzungen aufs Fussballspielen und Skifahren verzichtet und nach seiner Selektion fast jede Nacht von den Olympischen Spielen geträumt. «Ich habe mir damals zu viele Steine in den Rucksack geladen», sagt der Gewinner von zwei WM-Bronzemedaillen im Einzel bildhaft.

Den Schalter umgelegt

2012 hatte sich bei ihm alles um Olympia gedreht, worauf ihm die nötige Lockerheit abhandenkam. Er geriet im ersten Gefecht gegen den Franzosen Yannick Borel gleich 3:10 in Rückstand und unterlag schliesslich 11:15. In der Mixedzone hielt er danach ehrlich fest: «Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.»

Kauter wollte aus dem prägenden Erlebnis die Lehren ziehen. Er begann, mit Mentaltrainerin Romana Feldmann zusammenzuarbeiten. «Zuerst musste sie mich aufpäppeln», gibt der Rechtshänder zu. Mittlerweile kann er besser mit schlechten Tagen umgehen, und er hat Rituale und Abläufe verinnerlicht. Das Ziel ist, sich auch unter den besonderen Umständen, wie sie an Olympischen Spielen nun mal herrschen, an Gewohntem festhalten zu können. «Ich bin diesmal besser vorbereitet, und zwar auf alle Arten von Emotionen.»

Trotz Mentaltraining: Selbstvertrauen ist etwas Flüchtiges – es kommt und geht. Diese Erfahrung musste auch Fabian Kauter machen. Die Schweizer Spitzenfechter hatten sich vorgenommen, sich über das Team für Rio 2016 zu qualifizieren und gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Länder, die eine Mannschaft stellen dürfen, erhalten drei Startplätze für den Einzelwettbewerb.

Der Plan wurde ­umgesetzt, allerdings mit einer ­unerwünschten Nebenwirkung: Kauter ging im Einzel zuweilen nicht mit der nötigen Entschlossenheit ans Werk, erreichte daher – wie auch Kumpel Max Heinzer – nicht die gewohnten Resultate und büsste an Selbstvertrauen ein. «Doch dieser Schalter ist umgelegt», sagt Kauter bestimmt.

Der 30-Jährige weiss aus Erfahrung, welchen Druck es in Rio auszuhalten gilt. Die Olympischen Spiele sind ein exklusiver Anlass. Sie finden nur alle vier Jahre statt und bieten Randsportlern die einzige Chance, bezüglich Beachtung, Wertschätzung und Verdienstmöglich­keiten einen Quantensprung zu machen.

«Es ist hart, wenn am Wettkampftag um sechs Uhr der Wecker schrillt, möchten wohl nicht viele mit mir tauschen», meint Fabian Kauter, dessen Vater Christian zwei olympische Teammedaillen gewonnen hat. Etwas geringer als noch in London dürfte die mentale Belastung am 9.?August sein, weil Kauter weiss, dass er fünf Tage später auch noch mit der Mannschaft antreten kann.

Alle Paraden, alle Finten

Der Weltranglisten-Zwölfte wirkt zuversichtlich. «Ich fühle mich so spritzig wie noch nie», erzählt er und fügt an, im physischen Bereich müsse er sich vor niemanden verstecken. Seit zwei Jahren arbeitet er mit Fitnesstrainer Andreas Lanz zusammen. Auch fechterisch hat er nach ei­gener Aussage Fortschritte gemacht. Er habe neue Aktionen einstudiert, damit er für die Gegner schwieriger lesbar sei. «Ich beherrsche alle Paraden und Finten – diese Erwartung habe ich an mich.»

Die Voraussetzungen, in Rio de Janeiro eine Topleistung zu erbringen, ist für Fabian Kauter ­also gut. Diesmal hat er, um es in seiner bildhaften Sprache zu schreiben, vor seiner Reise nach Brasilien keine Steine, sondern nur wertvolle Gegenstände in seinen Rucksack gepackt. Doch dies ist noch keine Garantie für eine Medaille. Denn der Berner schätzt, dass 22 bis 23 Degenfechter in der Lage sind, Gold zu gewinnen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt