London in den Ohren, Rio vor Augen

Lukas und Simon Werro sind nicht nur Brüder – sie sind ein Team. Die Magglinger haben sich im Slalom mit dem Zweier-Kanadier für die Olympischen Spiele qualifiziert. Auf dem Weg nach Rio überlassen sie nichts dem Zufall.

Brüderpaar aus Magglingen:?Lukas (links) und Simon Werro streben in Rio de Janeiro einen Diplomplatz an.

Brüderpaar aus Magglingen:?Lukas (links) und Simon Werro streben in Rio de Janeiro einen Diplomplatz an.

(Bild: Andreas Blatter)

Marco Oppliger@BernerZeitung

In ihrem Fall trifft das Sprichwort nicht nur im übertragenen Sinn zu. Lukas und Simon Werro sitzen tatsächlich im selben Boot. Oder genauer genommen im selben Kanu, und das nicht bloss als Schicksalsgemeinschaft – wie es eben das Sprichwort vermuten liesse. Die Brüder aus Magglingen haben sich im Mai an der Europameisterschaft in der Slowakei den Olympia-Quotenplatz im Slalom mit dem Zweier-Kanadier gesichert.

Damit wird erstmals seit 1996 wieder ein Schweizer Team in dieser Disziplin vertreten sein. Damals übrigens waren es ebenfalls zwei Berner Brüder – Peter und Ueli Matti –, welche in Atlanta den neunten Platz erreichten. Vier Jahre zuvor in Barcelona waren sie gar Fünfte geworden.

Von Basel ...

«Natürlich sind wir nicht immer derselben Meinung, auch wenn wir jeden Tag im selben Boot sitzen», sagt der 24-jährige Lukas Werro und lacht. Sein zwei Jahre älterer Bruder ergänzt, sie seien beide ruhig, versuchten objektiv zu bleiben. «Wichtig ist, dass wir, auch wenn es im Training einmal nicht so läuft, am Ende dennoch das Kanu zusammen verräumen und einen Punkt machen.» Bis jetzt funktionierts.

Seit 2010 nehmen Lukas und Simon Werro an Weltcups, Welt- und Europameisterschaften teil. Meist aber im Einer-Kajak, wobei Simon bereits mit einem anderen Athleten Wettkämpfe im Zweier-Kanadier bestritt. Als sich dieser 2012 zurückzog, holte er seinen jüngeren Bruder ins Kanu.

«Wir haben gemerkt, dass wir viel mehr Erfahrung sammeln können, wenn wir im Weltcup jeweils einzeln und gemeinsam antreten», sagt Lukas Werro. Bis im vergangenen September fuhren die beiden zweigleisig. Doch dann verpassten sie – und auch andere Schweizer Athleten – an der WM in London die Olympiaqualifikation.

Deshalb entschieden sich die Brüder, ihr Augenmerk nur noch auf den Zweier-Kanadier zu legen, damit der Traum von Rio doch noch wahr wird. Der nationale Verband und Swiss Olympic unterstützten das Vorhaben.

Professionelle Anlagen für Kanuten sind in der Schweiz rar. Die beiden trainieren in Basel, im Parc des eaux vives in Hüningen, auf der französischen Seite des Rheins. Dort steht ihnen mit Medhi Deguil ein Trainer zur Verfügung, der einst für Frankreich internationale Wettkämpfe im Zweier-Kanadier bestritt.

Für Lukas Werro ist Basel eine zweite Heimat geworden, seit 2010 studiert er dort Sport und wohnt auch in der Stadt. Simon Werro ist ebenfalls Sportstudent, allerdings in Bern; unter der Woche lebt er in einer WG in Basel.

... nach Rio

In den meisten Fällen eifert der jüngere dem älteren Bruder nach. Bei Werros war es umgekehrt. Simon war Kunstturner, trainierte im regionalen Leistungszentrum in Solothurn. Weil der nächste Schritt, der Aufstieg ins Nationalkader, nicht klappte, hörte er mit der äusserst trainingsintensiven Sportart auf. «Ich brauchte etwas anderes, und Lüku paddelte damals schon», erzählt er.

Allerdings fand auch dieser erst spät zum Kanusport , er hatte es zuvor mit Leichtathletik, Handball und Basketball versucht. «Ich ­habe mich immer extrem gerne bewegt, aber keine Sportart hat mich so richtig gepackt.» Beim Kanu war das anders.

Und auch Simon gewann rasch Freude daran, aus dem Plausch wurde schnell einmal mehr. «Du bist sehr viel unterwegs, siehst bereits mit 15, 16 Jahren viele Landschaften, die einem sonst verborgen bleiben würden. Überdies ist es eine kleine Szene, man kennt sich, trifft immer wieder die selben Leute. Die Stimmung ist extrem cool», hält Simon Werro fest. Und nun also ist Rio an der Reihe.

Wobei, Neuland werden die beiden nicht betreten. Bereits sechs Wochen verbrachten sie in der Metropole, um im Deodoro-Sportpark auf dem künstlichen Wasserkanal zu trainieren. «Eigentlich solltest du jede Figur kennen, sonst hast du keine Chance», erklärt Lukas Werro. Der Kanal in Rio habe zwar weniger Gefälle als diejenigen in Peking und London, dafür aber einige technische Feinheiten.

In Hüningen haben sie seit ihrem letzten Aufenthalt in Rio Anfang Juli einige Wettkampfläufe simuliert – und zwar richtig. Denn: Am 8. August werden im Deodoro-Sportpark 10'000 Zuschauer erwartet, weit mehr, als sie sich von den Weltcuprennen gewohnt sind.

Also trainierten sie mit Kopfhörern, welche die Geräuschkulisse vom Olympiawettkampf in London wiedergaben. «Für uns wird das gewiss eine grosse Herausforderung», meint Simon Werro. «Aber natürlich wollen wir das auch ein wenig ­geniessen.»

Auf der Setzliste figurieren Werro/Werro auf Platz 9. «Schaffen wir es, unsere beste Leistung abzurufen, liegt ein Diplom drin», sagt Lukas Werro. Für die Randsportart Kanu ist der Auftritt der beiden Magglinger in Rio eine grosse Chance. Nach einer 20-jährigen Durststrecke liegt es nun also wieder an zwei Berner Brüdern, diese Plattform zu nutzen.

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