Bei Cancellara fährt der Konjunktiv mit

Das olympische Zeitfahren, welches heute um 15 Uhr Schweizer Zeit beginnt, ist das letzte wichtige Rennen in Fabian Cancellaras Profikarriere. Unklar ist, was der 35-jährige Berner zu leisten vermag.

Unklare Perspektive: Fabian Cancellara scheint selbst nicht so recht zu wissen, was seine Verfassung zulässt.

Unklare Perspektive: Fabian Cancellara scheint selbst nicht so recht zu wissen, was seine Verfassung zulässt.

(Bild: Keystone)

Die Gemütslage ist heiter, die Aussagen klingen vorsichtig optimistisch. Wäre Fabian Cancellaras letzte Profisaison anders verlaufen, würde man ihn im Hinblick auf das heutige Olympiazeitfahren in den engsten Favoritenkreis aufnehmen. Die Strecke im Süden von Rio de Janeiro ist mit 54,6 Kilometern ausserordentlich lang, auf dem zweimal zu befahrenden Rundkurs finden sich zwei Erhebungen: Der Grumari-Anstieg ist steil, aber nur 1,3 Kilometer lang; der weniger steile namens Grota Funda misst 2,1 Kilometer. Die Zeit, welche der Berner bergauf verlieren dürfte, sollte er im Abstieg sowie im kurvenreichen Teil auf der Ebene wettmachen können.

Die Wahl des Konjunktivs ist insofern angebracht, als der ­35-Jährige seit Mitte März respektive seinem Triumph auf den Strade Bianche rund um Siena nie mehr jenen unwiderstehlichen Eindruck hinterlassen hat, den man aus früheren Tagen kennt. Zudem sieht er sich mit starker Konkurrenz konfrontiert, wie der Blick auf die meistgenannten Medaillenanwärter offenbart.

Tom Dumoulinwäre zweifels­ohne der Topfavorit, könnte er aus dem Vollen schöpfen. Der ­25-jährige Holländer ist ein erstklassiger Zeitfahrer mit überdurchschnittlichen Qualitäten am Berg. Vor drei Wochen jedoch zog er sich bei einem Sturz in der 19. Tour-de-France-Etappe einen Unterarmbruch zu. Vergangenen Samstag stieg er im Strassenrennen wie vorgesehen nach fünf Minuten aus und soll darauf im holländischen Fernsehen festgehalten haben, der Schmerz sei stärker gewesen als erwartet.

Tony Martin, welcher Cancellara 2011 in Kopenhagen als weltbester Zeitfahrer ablöste, ist sichtlich bestrebt, die Erwartungen tief zu halten. «Gold liegt ausser Reichweite, es geht zu oft und zu lange bergauf», pflegt der Deutsche dieser Tage zu sagen. Im Strassenrennen stieg der dreifache Weltmeister nach 120 Kilometern aus. Die Kniebeschwerden, welche ihn an der Tour de France zur Aufgabe bewogen hatten (komischerweise 50 Kilometer vor der Ankunft in Paris), seien weitgehend abgeklungen, resümiert der 31-Jährige. «Läuft es gut, fahre ich um Bronze.»

Chris Froome bringt sämtliche Qualitäten mit, welche der Parcours erfordert. In seinem Fall muss die Frage aufgeworfen werden, ob er nach der kräfteraubenden Tour de France noch gewillt und in der Lage ist, sich der Herausforderung mit letzter Konsequenz zu stellen. Ersteres scheint der Fall zu sein, hat er doch nach dem missglückten Auftritt im Strassenrennen Tim Kerrison einfliegen lassen, den Strategen seines Sky-Rennstalls. «Tim ist unser Hirn, er hat grossen Anteil an meinen Tour-de-France-Erfolgen. Nun werden wir die Taktik fürs Zeitfahren kreieren», hielt der 31-jährige Brite gegenüber der Zeitung «The Telegraph» fest. Wobei es bei der Wahl der Taktik vornehmlich um jene des Kettenblattes gehen dürfte. Wegen der Steilheit des Grumari-Anstiegs – das Maximum liegt bei 24 Prozent – ist diese überaus anspruchsvoll.

Ion Izagirrehat bei seinem Sieg im Tour-de-Suisse-Zeitfahren von Davos viele überrascht, sowohl am Berg als auch in der Abfahrt aus dem Sertigtal die besten Abschnittszeiten realisiert. Der 27-jährige Spanier befindet sich in ausgezeichneter Verfassung. Fraglich ist, wie er mit der verhältnismässig grossen Distanz zurechtkommt.

Vasil Kiryienkaist diesbezüglich so etwas wie der Gegenpol zu Izagirre. Der 35-jährige Weissrusse, 2015 in den USA Weltmeister geworden, hat in dieser Saison wenig bis nichts gezeigt. Seine Kernkompetenz jedoch ist die Ausdauer, welche heute besonders gefragt sein wird.

Cancellara liess es am Montag ruhig angehen, sich von Josue Aran, einem Masseur seines Trek-Teams, die Beine lockern. Der Spanier sprang ein, weil des Ittigers Standardmasseurin Sabine Lüber aus Angst vor dem Zika-Virus nicht nach Brasilien fliegen wollte. Gestern absolvierte der Olympiasieger von Peking ein schnelles Training auf dem Motorrad, für heute sind phasenweise Niederschläge prognostiziert. Was für Cancellara kein grösseres Problem darstellen sollte, sofern er sich im letzten wichtigen Rennen seiner steuertechnischen Qualitäten zu besinnen vermag.

Verfolgen Sie Fabian Cancellara im Live-Ticker ab 15 Uhr.

Berner Zeitung

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