«Mann über Bord» – nur wenige überleben

Die Suche nach Kreuzfahrtpassagieren, die plötzlich verschwinden, ist schwierig. Reedereien wehren sich gegen neue Sicherheitsmassnahmen.

Der ehemalige TV-Star Daniel Küblböck soll nach Angaben der Reederei von der Aida Luna gesprungen sein. Diese hat in den öffentlichen Bereichen wie viele moderne Kreuzfahrtschiffe hohe Glaswände, die verhindern sollen, dass Menschen über Bord fallen.

Der ehemalige TV-Star Daniel Küblböck soll nach Angaben der Reederei von der Aida Luna gesprungen sein. Diese hat in den öffentlichen Bereichen wie viele moderne Kreuzfahrtschiffe hohe Glaswände, die verhindern sollen, dass Menschen über Bord fallen.

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TV-Star Daniel Küblböck soll am Sonntagmorgen von einem Aida-Kreuzfahrtschiff gesprungen sein und wird seither vor der Küste Neufundlands vermisst. Die kanadische Küstenwache sowie zwei Kreuzfahrtschiffe beteiligten sich an der Suche nach dem ehemaligen «Deutschland sucht den Superstar»-Kandidaten.

Seit dem Jahr 2000 gab es gemäss der Statistik von Professor Ross Klein über 300 ähnliche Vorfälle an Bord von Kreuzfahrtschiffen. Pro Jahr entspricht das knapp 18 Passagieren in der boomenden Branche mit mittlerweile über 23 Millionen jährlichen Reisenden. Der Wissenschafter Ross Klein doziert an einer Universität in Neufundland und wird als Experte auch von Gerichten vorgeladen. Seine Auflistung gilt als zuverlässig und zeigt, dass rund 17 Prozent der über Bord gegangenen Passagieren gerettet werden. Andere Quellen sprechen von bis zu 25 Prozent Überlebenden.

Eine davon war die Mitte August im Mittelmeer über Bord gegangene britische Passagierin Kay Longstaff. Sie wurde von einem Schiff der kroatischen Küstenwache gerettet, nachdem sie 10 Stunden im Meer getrieben war. Dank Überwachungskameras an Bord konnte die Kreuzfahrtgesellschaft ermitteln, wann die Britin genau über Bord ging und somit auch nachvollziehen, wo sich das Schiff zu dem Zeitpunkt befand. Es wurde auch klar, dass es sich nicht um einen Unfall handelte, da erkennbar war, dass sich die Passagierin in aller Ruhe auszog und nur in Unterwäsche bekleidet von Bord sprang.

Diskussion um neue Sensoren

Die Britin überlebte danach im Mittelmeer, weil dieses ruhig und warm war. So konnte die 46-Jährige Energie sparen und war einfacher zu finden.

Der Sänger Daniel Küblböck ging jedoch im nördlichen Atlantik über Bord, in der Labradorsee, rund 200 Kilometer nördlich von St. John’s. Die Wassertemperatur beträgt dort laut Aida Cruises etwa 10,5 Grad.


Video: Vom Sänger zum Schauspieler

Die wichtigsten Stationen im Leben des Reality-Stars Daniel Küblböck. (Wibbitz/Tamedia)


Gemäss dem Überlebensexperten Mike Tipton, einem Professor an der englischen Portsmouth University, setzt bei 10 Grad nach gut zwei Stunden die Unterkühlung ein. Diese ist aber nur bei rund 20 Prozent der über Bord gegangenen Personen die Todesursache. 60 Prozent sterben bereits kurz nach dem Sturz, entweder durch den Fall selber oder durch Ertrinken kurz danach. Wegen des Kälteschocks schnappt man dabei in einer natürlichen Reaktion nach Luft und schluckt dabei Wasser. Die letzten 20 Prozent der Todesfälle passieren gemäss Tipton bei gefundenen Personen, kurz vor der Rettung – offenbar aufgrund einer Entspannungsreaktion.

Auch in wärmerem Wasser drängt daher die Zeit, um vermisste Passagiere zu finden. Helfen könnten dabei genauere Systeme, welche automatisch erfassen, wann und wo ein Mensch über Bord stürzt. Firmen entwickeln dafür neue Kameras mit Lasersensoren, die Alarm geben, wenn jemand fällt. Die Kreuzfahrtgesellschaften zögern bei diesen technischen Neuerungen allerdings noch. Die Systeme müssten noch getestet werden, erklärte die weltgrösste Gesellschaft Carnival gegenüber dem Fernsehsender ABC. Die Sensoren hätten mit schlechten Wetterbedingungen Probleme, zudem käme es zu Falschmeldungen wegen Vögeln, hohem Wellengang oder im Meer treibenden Gegenständen.

System rettete einem Mann das Leben

Geht eine Person über Bord, muss ein Schiff sofort stoppen und zur Position zurückkehren, an der diese zuletzt gesehen wurde. Das wird auch gemacht, wenn nur vermutet wird, dass ein Passagier fehlt. Deshalb wollen Kreuzfahrtgesellschaften verhindern, dass automatische Systeme mehrfach Fehlalarm schlagen.

Der damalige US-Präsident Barack Obama hatte amerikanische Kreuzfahrtgesellschaften zwar 2010 in einem neuen Gesetz zu automatisierten Systemen verpflichtet, allerdings erst, wenn die Technologie verfügbar ist. Und das ist sie eben noch nicht, argumentieren die Unternehmen derzeit noch. Rund 100'000 Dollar würde die automatische Erkennung pro Schiff kosten.

Anfang Mai hatte ein Mann Glück, dass die Kreuzfahrtgesellschaft Disney ein solches System trotzdem bereits installiert hatte. Es hatte die Brücke der Disney Dream offenbar alarmiert, als er auf dem Weg nach Florida über Bord fiel. Mithilfe der sofort aufgebotenen Küstenwache wurde der Mann nach weniger als einer Stunde im Wasser gerettet.

Problem Trunkenheit an Bord

Einfache Überwachungskameras sind auf den grösseren Kreuzfahrtschiffen aber mittlerweile Standard und überwachen meist sämtliche öffentlichen Bereiche. Im Rahmen dieser Sicherheitsüberwachung geht es nicht nur um Passagiere, die über Bord gehen, sondern auch um alltägliche Delikte, die es auch auf Kreuzfahrtschiffen gibt.

Neben einfachem Diebstahl gehört Trunkenheit zu den grössten Problemen auf den schwimmenden Hotels, die oft Getränkepakete anbieten und somit praktisch ohne Limite Alkohol ausschenken. Es drohen Impulshandlungen und erhöhte Aggression. Ausfälligkeiten und kleinere Handgemenge werden normalerweise vom schiffseigenen Sicherheitsdienst geahndet.


Video: Schlägerei auf dem Kreuzfahrtschiff

Im Südpazifik brach 2017 auf einem Schiff eine gröbere Massenschlägerei aus – auch das Sicherheitspersonal machte mit. (Video: Tamedia mit Material von 3AW)


Auch bei von Bord gefallenen Passagieren kann Alkohol ein Faktor spielen. So wie bei Sarah Kirby, die 2013 auf einer Kreuzfahrt von Miami nach Jamaika zuerst zwei Stockwerke tief auf ein Rettungsboot und von dort ins Wasser fiel. Sie habe wie viele andere auf dem Schiff viel zu viel getrunken, sagte Kirby nach ihrer Rettung. Sie verklagte die Kreuzfahrtgesellschaft später, weil diese sie vor dem übermässigen Alkoholkonsum hätte bewahren müssen und die Sicherheitssysteme nicht ausreichend waren. Die Gesellschaft wehrt sich und sagt, dass praktisch alle ihr bekannten Fälle von über Bord gegangenen Menschen keine Unfälle, sondern willentliche oder waghalsige Aktionen waren.

Die 46-jährige Britin, die im August ins Mittelmeer sprang, war offenbar ebenfalls alkoholisiert. 2006 fiel gar ein 15-jähriges Mädchen betrunken über ihren Balkon ins Meer und wurde nie mehr gefunden. Sie hatte an der Bar des Schiffs den ganzen Abend starken Alkohol erhalten, obwohl sie noch minderjährig war.

Mord auf dem Kreuzfahrtschiff

Gemäss der Statistik von Professor Ross Klein gibt es drei Hauptgründe, weshalb Menschen von einem Schiff verschwinden: Suizid, Alkohol und Mord. Liegt ein Verbrechen vor, handelt es sich meist um Familiendramen.

So wurde im Februar in Italien ein Mann am Flughafen von Rom verhaftet. Er wollte von dort mit seinen Kindern nach Irland zurückfliegen. Nicht mit dabei war seine Frau, mit der er zuvor auf einer zehntägigen Kreuzfahrt unterwegs war. Die Crew bemerkte beim Ausschiffen, dass sie nie von Bord gegangen war und konnte die Frau auch nicht finden. Die alarmierte Polizei nahm den Mann wegen Mordverdachts fest.


Was tun, wenn jemand ins Wasser fällt?

Wenn man selber als Passagier beobachtet, wie eine Person von Bord fällt oder springt, gilt es, sofort die Crew zu alarmieren, damit diese einen Notstopp einleiten und die Suchaktion beginnen kann. Weitere Zeugen sollten Rettungsringe oder Schwimmwesten möglichst nahe zu der Person ins Wasser werfen und ständig Sichtkontakt zur vermissten Person halten sowie mit dem Finger auf die Stelle zeigen, wo sie ins Wasser fiel, um der Crew die Suche zu erleichtern. (anf)

Erstellt: 10.09.2018, 20:43 Uhr

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)
Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: U25-schweiz.ch
Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)
Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);
Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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