Ein grosses Herz für Kinder

In Kambodscha gibt es Tausende NGOs. Anders als in Beat Richners Spitälern sind beim Hilfsprojekt Smiling Gecko Touristen ausdrücklich erwünscht.

Im Smiling-Gecko-Campus kämmt eine Lehrerin den Kindern die Haare. Die Uniformen sind ihre einzige Kleidung. Foto: Kurt Tschan

Im Smiling-Gecko-Campus kämmt eine Lehrerin den Kindern die Haare. Die Uniformen sind ihre einzige Kleidung. Foto: Kurt Tschan

Kurt Tschan

Immer wieder samstags stand Beat Richner auf der Bühne von Jayavarman in Siem Reap, einem Nebengebäude der Kantha-­Bopha-Spitäler. Mit seinem Cello führte er die Zuhörer in der grossen Aula durch die Tiefen und Höhen einer Kinderarztseele. Richner spielte leidenschaftlich, bis er klatschnass war, und redete sich in Furie, vor allem dann, wenn ihm etwas über die Leber gekrochen war.

Gern führte Richner auch einen Film vor, der die damalige Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey beim Besuch eines seiner fünf Kinderspitäler in Kambodscha zeigt. Die Sozialdemokratin, sonst nicht gerade um Worte verlegen, hatte bei dieser Gelegenheit kaum eine Chance, sich zu äussern. Richner war an diesem 6. Februar 2007 einfach nicht zu stoppen. Er redete unaufhörlich auf die Magistratin ein.

Über Swissinfo, die offizielle Informationsplattform des Bundes, kam die Aussenministerin dann doch noch kurz zu Wort. «Meine Präsenz und unsere finanzielle Unterstützung ­beweisen unsere Wertschätzung für Ihre Arbeit», lobte sie Richner. Der Gepriesene konterte postwendend: «Diese Worte freuen mich», sagte er. Allerdings wünsche er sich einen höheren Beitrag des Bundes, nämlich rund 7,5 Millionen Franken.

Die erste Stupa auf öffentlichem Grund

Zwölf Jahre und sieben Monate später, am 9. September 2019, jährt sich der Todestag des Schweizer Kinderarztes zum ersten Mal. Der Verwaltungsdirektor der Spitäler, Denis Laurent, erwartet an diesem Tag 300 buddhistische Mönche zu einer Zeremonie. Das Wetter ist diesig, mal regnet es, dann pfeift Monsunwind durch die grosse Spitalanlage der zweitgrössten Stadt im Norden Kambodschas.

23 Jahre lang war der studierte Biologe an der Seite Richners tätig. In weissem Hemd und schwarzer Hose huscht er an dessen gut einen Meter hohem Bild vorbei, das neben einer Stupa steht. Hier ruhen die sterblichen Überreste des in Kambodscha beinahe als Gott verehrten Arztes. Es ist auf Geheiss von König Norodom Sihamoni das erste Grabmal, das auf öffentlichem Grund steht. Im Hintergrund laufen Passanten vorbei.

Das blecherne Rattern von Tuk-Tuks ist zu hören, die Touristen in den wenige Kilometer entfernten archäologischen Park Angkor fahren. Die Zeit der Konzerte ist vorbei, Besuche sind nur noch auf Anfrage auf dem Spitalgelände möglich.

Hohe Standards, einfache Wege: Ein Patiententransport in den Kantha-Bopha-Spitälern in Siem Reap. Foto: Kurt Tschan

Richners Wunsch, die Eidgenossenschaft möge ihre finanzielle Unterstützung drastisch erhöhen, ist nicht in Erfüllung gegangen. 2017 überwies die Schweiz unverändert 4 Millionen Dollar an seine Stiftung. Auf 43,5 Millionen Dollar ist das jährliche Budget für den Betrieb der fünf Spitäler in den beiden wichtigsten Städten Siem Reap und Phnom Penh inzwischen angewachsen.

Die Hälfte des Geldes stammt aus der Schweiz, ein Drittel aus Kambodscha. Die Stiftung ist inzwischen so gut aufgestellt, dass sie bis zu vier Jahre ohne neue Spenden auskommen könnte, bestätigt Laurent. «Ich hoffe aber, dass wir nie von unseren Reserven zehren müssen», sagt er. Tatsächlich sind die Einnahmen seit Richners Tod leicht rückläufig.

Mit 250 Beschäftigten hat Smiling Gecko nur ein Zehntel des Personals von Kantha Bopha und liegt auch nicht in den beiden grossen Zentren des Landes, sondern weitab in einem ländlichen Gebiet, wo die beste Zufahrtsstrasse naturbelassen und voller Schlaglöcher ist. Die Farm befindet sich 80 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Phnom Penh, umgeben von Reisfeldern und grünen Hügeln.

Der Fokus liegt auf den Hilfsbedürftigen

Anders als in den Kinderspitälern sind hier Touristen ausdrücklich erwünscht. Komfortable Gästeunterkünfte und ein ambitioniertes Gastrokonzept machen den Besuch sogar zu einem besonderen Erlebnis im Bereich Agrotourismus. Verschiedene Reiseveranstalter wie Travelhouse oder Globetrotter führen regelmässig ein- bis zweitägige Touren durch. Der Grundsatz, wonach alle, ob arm oder reich, zum Nulltarif von ­humanitärer Hilfe profitieren sollen, gilt hier nicht. Der Fokus liegt klar auf Hilfsbedürftigen, etwa auf Familien aus den Slums von Phnom Penh, die hier ein eigenes Haus und Arbeit finden.

Auf dem 150 Hektaren grossen Areal in der nördlichen Provinz von Kampong Chhnang werden Schweine, Hühner und Fische gezüchtet. Es gibt Gemüseanbau, Hotellerie und Gastronomie. Die Stiftung kauft den Bauern die Produkte zu fairen Preisen ab, wie Neon Sokleap, einer der engen Mitarbeiter von Stiftungsgründer Hannes Schmid, sagt. «Einige können sich jetzt schon ein Motorrad leisten.» Erst zwei Familien sind gescheitert, weitere hundert befinden sich auf einer Warteliste. «Der Anfang war hart», erinnert sich Sokleap.

«Wir pflanzten an, die Dürre machte alles wieder kaputt», sagt er. Grundwasser wurde erst nach mehrmaligen Versuchen in 120 Meter Tiefe gefunden. Es war über 30 Grad Celsius warm. Deshalb musste das Grundstück begrünt werden, um das Wasser abkühlen zu können.

«Die Familien haben begriffen, dass ein Kind, das später gut verdient, die ganze Familie durchbringen kann.»

Inzwischen ist Smiling Gecko – benannt nach den Eidechsen, die zu den ältesten Tieren der Welt gehören – zu einem landwirtschaftlichen Vorzeigebetrieb geworden, auch dank der Unterstützung von Schweizer Universitäten und Fachhochschulen. Experten testen, was am besten wächst. Seit kurzem läuft ein Versuch mit Vanille-­Orchideen, die aus der Schweiz importiert wurden. «Allein dieses Anbauprogramm verschlingt 200'000 Dollar», sagt Sokleap.

Das Herz von Smiling Gecko schlägt jedoch in der benach­barten Schule. Über 300 Kinder aus der Umgebung werden hier unterrichtet. Schuldirektorin Barbara Beaufait schaut den Kindern zu, wie sie aus der Dusche kommen. Die Lehrerinnen kämmen ihnen die Haare, schneiden die Fingernägel. Jeden Tag erhalten sie frisch gewaschene Kleidung. «Es sind die einzigen Kleider, die die Kinder haben», sagt sie. Die Kids schlafen auch darin.

Täglich 2000 Essen für hungrige Mäuler

Chefkoch Andreas Kaufmann (35) steht mit Sous-Chef Leapheng (24) in der Küche. Der gebürtige Innsbrucker ist seit fünf Monaten hier und mit dem, was er erreicht hat, durchaus zufrieden. «Schön ist, dass die Khmer lernen wollen», sagt er. Zu Beginn zeigte er ihnen, wie man eine Küche richtig putzt: von oben nach unten. 2000 Essen täglich verlassen die Küche. Kaufmann legt Wert auf ausgewogene Ernährung. Inzwischen hat er in der Hauptstadt zwei Läden mit Spezialitäten aus der Produktionsküche von Smiling Gecko eröffnet. Onlineshops sollen folgen.

5000 NGOs gibt es in Kambod­scha. «Allerdings ist nur ein Drittel aktiv», sagt Sokleap. Es sei eben wie bei einem Start-up-Unternehmen. Eine gute Idee reiche fürs Überleben nicht immer aus. Barbara Beaufait verfolgt deshalb einen anderen Ansatz. Seit diesem Schuljahr verlangt sie von den Eltern ein jährliches Schulgeld von 60 Dollar. «87 Prozent haben anstandslos bezahlt», sagt sie. Vor allem die Frauen schuften tagsüber in grossen Textilfabriken für wenig Geld. «Die Familien haben begriffen, dass ein Kind, das später gut verdient, die ganze Familie durchbringen kann», sagt sie.

Diese Reise wurde unterstützt von Travelhouse, www.travelhouse.ch

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